Dekantieren, karaffieren – und der feine Unterschied

Weißwein in einem Dekanter, auf einem Balkon am späten Abend, an dem es schon dunkel ist - im Hintergrund brennt eine Lichterkette

Meistens ist es ja so: Wer sagt, dass er seinen Wein dekantieren will, meint in der Regel karaffieren – und nutzt dafür einen Dekanter und keine Karaffe. Lasst uns die Sprachverwirrung mal ein wenig sortieren.

Lang, lang ist es her … Als ich ein Teenager war, besuchte ich mal eine Brieffreundin auf Zypern, deren Vater viele Jahre in Deutschland gelebt hat. Mit ihm unterhielt ich mich darüber, wie kompliziert die deutsche Sprache sein kann. “Kater, Katze; Hubschrauber, Helikopter – ist doch alles eins”, sagte er. Und setzte hinzu: “Oder dekantieren und karaffieren.”

Damals wusste ich es nicht besser und stimmte zu. Heute würde ich ein großes Aaaaaaber hinzusetzen. Vor allem, wenn es um das Dekantieren und das Karaffieren geht. Denn da gibt es tatsächlich Unterschiede. Gut, eigentlich ist das Klugscheißerwissen, das man gerne von sich gibt, um zu zeigen, wieviel man doch über Wein weiß.

Wann man dieses Wissen braucht – und wann nicht

Alte Weinflaschen die eingestaubt sind
Reife Weine sollte man zwar dekantieren – allerdings nicht in einem Dekanter ©Paolofalcioni/Pixabay

Vor nicht gar nicht so langer Zeit habe ich diesen Unterschied selbst noch wann immer es ging den Leuten unter die Nase gerieben. Zum Glück ist diese Phase vorbei. Derzeit schlage ich viel lieber die Hände über den Kopf zusammen, wenn ich sehe, was ich noch alles über Wein zu lernen habe – und auch dringlichst möchte.

Aber ich schweife ab. Kommen wir zurück zum Thema. Klugscheißerwissen hin oder her – es gibt einen Unterschied zwischen karaffieren und dekantieren. Und in der praktischen Umsetzung ist der eigentlich sogar recht witzig. Grund genug für mich, das Thema hier mal aufzugreifen.

Dekantieren und karaffieren

Käse und Rotwein auf einem Tisch draußen im Café
Hier mal eine typische Karaffe – wenn auch mit scheinbar jungem Wein ©skeeze/Pixabay

Der Unterschied ist eigentlich ganz einfach – und dementsprechend schnell erklärt: Wenn ein Wein dekantiert (frz. décanter = “abgießen”, “klären”) werden soll, will man ihn von seinem Depot, das sich im Laufe der Jahre während der Flaschenreifung gebildet und abgesetzt hat, trennen. Ergo werden ältere Weine dekantiert. Und zwar schön langsam und vorsichtig.

Braucht ein junger Wein aber einfach nur Luft, damit er sich öffnen kann und die Tannine runder werden, dann wird er karaffiert (lohnt sich übrigens auch oft bei Weißweinen!). Und das gerne auch mit Schwung, denn so kommt schon beim Umgießen mächtig viel Luft an den Wein. Wenn er dann auch noch an den Wänden des Gefäßes entlang läuft – umso besser. Weil halt noch mehr Luft. Womit wir jetzt bei der Wortklauberei rund um Dekanter und Karaffe wären.

Dekanter versus Karaffe

Festlich geschmückte Weihnachtstafel mit einem Dekanter voll Rotwein
So ein Dekanter macht sich auf festlich gedeckten Tafeln natürlich besonders gut ©Planet_fox/Pixabay

Einen Dekanter erkennt man recht gut an seiner bauchigen, oft auch ausladenden Form. Dekanter sind edle Gefäße, die vor allem an festlich gedeckten Tafeln ordentlich was her machen. Eine Karaffe mit ihrem schlanken Bauch hingegen ordnet man zunächst im Alltag ein.

Wenn jetzt ein junger Wein karaffiert wird, weil er Luft braucht, dann landet er zumeist in dem bauchigen Dekanter. Denn in ihm kommt nunmal am meisten Luft an den Wein. Will man einen alten Wein nun aber von seinem Depot trennen, landet der edel gereifte Rebensaft in der Regel in einer Karaffe. Hier kommt weniger Luft an ihn ran, er “zerfällt” im Zweifelsfall also nicht.

Dagegen hilft übrigens auch ein Profi-Tipp, auf den mich Bordeaux Linus auf Instagram erinnert hat: Nachdem man einen gereiften Wein fachgerecht in eine Karaffe dekantiert hat, reinigt man die Originalflasche, um den Wein dann wieder vorsichtig zurück zu kippen. Dadurch bleibt er länger frisch. Den Vorgang nennt man dann doppeltes Dekantieren.

Weinfeinheiten im Alltag

Weißwein in einem Dekanter mit einem Korkenzieher und Korken davor
Es lohnt sich übrigens auch, Weißwein zu karaffieren ©Security/Pixabay

Im Sprachgebrauch hat es sich halt so eingeschlichen, dass für beide Vorhaben das Wort “dekantieren” verwendet wird – und auch zwischen Karaffe und Dekanter wird oft kein großer Unterschied gemacht. Finde ich persönlich nicht so schlimm, da das Gegenüber meist klug genug ist, um zu wissen, was gemeint ist. 

Trotzdem soll es ja den ein oder anderen Weinliebhaber geben, der auf die absolut korrekte Bezeichnung sehr großen Wert legt. Ich bin mir sehr sicher, dass ihr den Unterschied schon längst kanntet. Aber falls nicht, könnt ihr jetzt entweder auch klugscheißen oder seid gewappnet, falls ihr mal auf solch einen Zeitgenossen treffen solltet. 😉

Copyright Titelbild: ©Nicole Korzonnek/Bottled Grapes

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9 Gedanken zu „Dekantieren, karaffieren – und der feine Unterschied“

  1. …tatsächlich darf ich mich auch seit einiger Zeit rühmen, den Unterschied zwischen dekantieren und karaffieren zu kennen… 😉
    Ich mach’ allerdings beides eher selten. Größere Mengen an Depot kommt bei meinen Weinen kaum vor, und wenn, dann benutze ich am Ende einfach ein Edelstahlsieb. Ich belüfte auch nur, wenn der entsprechende Wein anfangs wirklich sehr harsch und kaum trinkbar bzw. bei weißen Sachen zu flach und / oder zu primärfruchtig als erwartet daher kommt. Ansonsten macht es mir deutlich mehr Spaß, die Entwicklung im Glas zu verfolgen. Wenn allerdings die Gäste schon am Tisch sitzen und ich meine, mit ordentlich Luft kann man im anvisierten Verkostungszeitraum noch einiges ‘rausholen, dann wird der Glasbottich schon mal gezückt.
    Aber von dieser reflexartigen Karaffiererei mit quasi allem, was nach Wein aussieht, halte ich persönlich gar nichts…

    1. Och, man kann auch die Entwicklung im Dekanter mitverfolgen. 😉 Gerade jüngere Weine karaffiere ich deswegen schon mal gerne. Ist oft aber auch der Not heraus geschuldet. Ich mache mir meistens erst Gedanken, welchen Wein es zum Essen gibt, wenn der Mann anfängt zu kochen. Da haben wir dann manchmal einfach keine Zeit mehr, dass sich der Wein in Ruhe so öffnen kann. 😉 Und gerade wenn es um den Wein zum Essen geht, möchte ich den nicht vorher beobachten, sondern punktgenau genießen. Bei Weinen, die so genossen werden, sieht es natürlich anders aus …

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