Können französische Weine bald gezielt aufgezuckert werden?

Französische Weine bald mit Zuckerzusatz?

Am 12. Februar 2026 geht es in Frankreich nicht um die Wurst, sondern um den Zucker. Nämlich um den zugesetzten Zucker in französischen Weinen mit geschützter Ursprungsbezeichnung. Hier erfährst du, warum das ein absolutes Novum wäre. Und warum bereits jetzt schon ein Streit um den Sachverhalt entfacht ist.

Wenn am 12. Februar 2026 das Comité National des Appellations d’Origine relatives aux Vins (CNAOV) in Frankreich tagt, könnte es zu einer kleinen Sensation kommen. Denn das Komitee, das sich um alle Belange rund um die geschützte Ursprungsbezeichnung in ihrem Land kümmert, entscheidet dann darüber, ob zukünftig französischen Weinen, die aus einem klar definierten geografischen Bereich stammen, Produkte aus Traubenmost zugesetzt werden dürfen. Und das ganze jetzt mal in simpel und direkt gefragt: Darf dann hochwertigen französischen Weinen Zucker zugesetzt werden?

Französische Weine: Zucker ist nicht gleich Zucker

Zuckerkontrolle: Wie viel Zucker hat diese Weinbeere für französische Weine?
Reicht der Zucker in den Weinbeeren nicht, kann auch jetzt schon vor der Gärung gesüßt werden. © Yevhenii Orlov

Jetzt mag sich mancher Weinliebhaber an dieser Stelle denken, dass das ja nun wahrlich keine wirkliche Sensation sei. Schließlich ist die Chaptalisierung, oder auch Chaptalisation, wie sie manche Menschen nennen, seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Und in Anwendung. Ja, klar. Nur hat der neue Zucker-Vorstoß mit der Chaptalisierung nichts zu tun. Denn dieses Verfahren der „Aufzuckerung“, das nach dem französischen Chemiker Jean-Antoine Chaptal benannt ist, kommt VOR der Gärung zur Anwendung.

Mal ganz davon abgesehen, dass sie in Frankreich auch nicht einfach so eingesetzt werden darf. Sondern erst nach Genehmigung, die es aber nicht jedes Jahr gibt. Und zwar wenn der Zuckergehalt in den reifen Trauben eines Anbaugebiets zu niedrig ist. Dann allerdings ist nicht nur der Zucker aus Traubenmost und dessen Konzentrat (was man dann rektifiziertes Traubenmostkonzentrat nennt) zugelassen, sondern auch traubenfremder Zucker wie etwa aus Zuckerrüben. Ein Hoch auf den Dschungel der Weingesetze dieser Welt!

Jedenfalls haben Winzer so die Möglichkeit in kühlen bis kalten Jahrgängen den Alkoholgehalt ihrer Weine zu pimpen. Und so dann halt die gesetzlichen Bestimmungen für Qualitätsweine mit geschützter Ursprungsbezeichnung einzuhalten. Nur, dass das in vielen französischen Weinbaugebieten in der Regel gar nicht mehr nötig ist, weil es fast überall eher zu warm als zu kalt ist.

Was für ein Zucker darf bald in französische Weine?

Kann man Schaumwein mit zusätzlichem Zucker überhaupt genießen?
Keine Bange, so krass wird’s in Frankreich nicht werden. © nigadis/iStock

Aber zurück zur neuen Zuckergenehmigung für französische Weine. Hier soll der Zucker nämlich erst NACH der Gärung dem Wein zugeführt werden dürfen. Es geht also nicht um die Erhöhung des Alkoholgehalts, sondern um die Beeinflussung des Geschmackprofils. Damit die Herkunftsbezeichnung, auf die man ja nicht nur in Frankreich viel Wert legt, bewahrt bleibt, sollen nur „Erzeugnisse aus Traubenmost“, die „für die Region typisch“ sind verwendet werden dürfen. Sprich: Traubenmostkonzentrat aus den in der jeweiligen Appellation zugelassenen Rebsorten.

Zudem legte das Institut National de l’Origine et de la Qualité (INAO) bereits fest, dass der Zuckergehalt nicht mehr als 9 Gramm pro Liter betragen dürfe. Und: Liegt der Zuckergehalt einer Herkunftsbezeichnung zwischen 4 und 9 Gramm pro Liter, muss der Gesamtsäuregehalt mindestens 2 Gramm pro Liter über dem Zuckergehalt sein. Es ist also nicht so, dass plötzlich süße Plörre die Weinmärkte schwemmen würde, wenn das CNAOV dem Süßungsantrag stattgibt. Wovon derzeit auszugehen ist. Trotzdem kann dieses  bisschen Mehr an Zucker eine große Auswirkung auf französische Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung haben.

Wer hat sich die Zucker-Geschichte eigentlich einfallen lassen?

Das Selfie gehört bei der Gen Z auch beim Genuss von Wein und Essen dazu
Ob Weine mit mehr Zucker bei der Gen Z wirklich für mehr Begeisterung sorgen? © Davide Zanin/iStock

Erstmals kam die Idee der Aufzuckerung NACH der Gärung im November 2025 während eines Gipfels zur Modernisierung der Weinvorschriften, technischen Anpassungen und Innovationen auf. Ziel des Gipfel war es, „Mechanismen zu finden, die den wirtschaftlichen, klimatischen und technischen Herausforderungen gerecht werden“. Und die gleichzeitig „die Qualitätsstandards und den Bezug zum Terroir wahren“. Ah ja.

Ich übersetze das mal eben kurz. Die Marktsituation hat sich verändert, französische Weine liegen teilweise wie Blei in den Regalen. Außerdem sinken die Verkaufspreise, während viele Weingüter nach finanzieller Unterstützung schreien. Also lasst uns den Geschmack anpassen, damit er gefälliger wird und so vor allem jüngeren Zielgruppen besser gefällt. Dann verkaufen wir wieder mehr Wein. Und alles ist gut.

Zucker im Wein: Top oder Flop?

Bordeaux gehört zu den Giganten der französischen Weine
Bordeaux-Weine bald mit dem extra Zuckerkick? © Plateresca/iStock

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Denn der Vorstoß, fertig vergorene französische Weine mit Zucker aus Trauben zu pimpen, hat in der französischen Weinbranche eine ziemliche Debatte ausgelöst. Einige sehen darin eine pragmatische Reaktion auf veränderte Verbraucherpräferenzen und schwierige Marktbedingungen. Andere befürchten, sie könnte den Ruf französischer Appellationsweine schwächen, die seit Langem mit strengen Produktionsregeln und traditionellen Methoden verbunden sind.

Verstehen kann ich beide Sichtweisen, möchte aber noch einen anderen Aspekt hinzufügen. Denn ja, vor allem die Generation Z ist dafür bekannt, dass sie süße Getränke bevorzugen. Energy-Drink statt Kaffee, Limo statt Wasser. Und so weiter. Es gibt da nur ein Problem. Das ist nicht mehr der Status Quo bei der Gen Z. Ja, sie ist so aufgewachsen. Aber inzwischen setzten diese jungen Menschen eigene Prioritäten.

So zeigt zum Beispiel die große Ernährungsstudie von Nestlé aus dem Jahr 2024, dass die Hälfte Gen Z gerne weniger Zucker konsumieren möchte. Und schaut man sich Statistiken zum Zuckerkonsum der Deutschen bei Statista an, fällt zwar auf, dass wir mit 33 Kilogramm pro Jahr noch immer zu viel Zucker zu uns nehmen, dass eben dieser Konsum aber von Jahr zu Jahr weniger wird. In anderen Ländern ist das noch deutlicher zu sehen. In Großbritannien zum Beispiel. Dort gibt es allerdings auch schon eine Zuckersteuer

Ist gezuckerter Wein die Lösung?

Gruppe von Gen Z genießt französische Weine in der Abendsonne
Spielt hier der Moment oder die Herkunft des Weins die entscheidende Rolle? © WeBond Creations/iStock

Dass französische Weine jetzt also ausgerechnet durch die Anreicherung von Zucker gefälliger und moderner schmecken sollen, um so jüngere Zielgruppen zu erreichen, könnte dementsprechend nach hinten losgehen. Nämlich dann, wenn auch hier bewusst auf den Zuckerkonsum geachtet wird. Wobei da der Alkohol an sich auch noch ein Ausschlusskriterium sein könnte. Auch wenn es inzwischen erste Erkenntnisse gibt, dass die Gen Z wieder mehr Alkohol konsumiert (hier bei WeinPlus nachzulesen). 

Typizität und Herkunft sehe ich bei mit Zucker angereicherten Weinen übrigens nicht gefährdet. Ja, der Geschmack mag sich dann verändern. Der eigentliche Charakter eines Weins allerdings nicht. Vorausgesetzt natürlich, er hat überhaupt einen Charakter. 😉

Französische Weine und die jüngeren Generationen

Winzer schneidet Traube von der Rebe - für französische Weine
Winzern bleibt es selbst überlassen, ob sie ihre Weine zuckern oder nicht. © stockphotodirectors/iStock

Viel spannender hätte ich es gefunden, wenn man in den Überlegungen noch einen Schritt weitergegangen wäre. So, wie es die Bierbranche derzeit macht, die genau analysieren, was bei der Gen Z im Trend liegt. Und das sind nun einmal Fusion-Geschmäcker. Klar, auch Wein kann man bereits mit Frucht- und Kräuteraromen anreichern. Oder mit einem Energy-Drink. Man muss dann eben nur die Bezeichnung in “weinhaltiges Getränk mit xy” ändern. Die Herkunft, also die geschützte Ursprungsbezeichnung, ist dann allerdings nicht mehr zulässig.

Genau hier würde ich dann die Revolution im Weingesetz sehen – und damit auch die Sensation. Zumal das nicht nur die Gen Z, sondern auch die Generation Alpha abholen würde, von denen die ersten Kids dieses Jahr 16 werden. Die sind nämlich derart globalisiert geprägt, dass denen Herkunft total egal ist. Werte, soziale Verantwortung, echte Nachhaltigkeit sind denen noch wichtiger als der Gen Z – und eben auch ein neuer Geschmack. Während die Weinbranche gerade etwas entsetzt gen Frankreich schaut, weil da demnächst mehr Zucker in die Weine kommen KANN (nicht MUSS, wohlgemerkt!), entsetzt mich eher, dass man damit die jüngeren Generationen bedienen will, ohne diese wirklich mit ihren Bedürfnissen und Vorlieben zu sehen. Ob das was werden kann?

Copyright Titelbild: © Aphirak Thila

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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