Kreuz einer orthodoxen Kirche auf der ein Vogel sitzt auf der griechischen Insel Santorini

Griechischer Wein: Besser als sein Ruf

Udo Jürgens hat ihn besungen, aber ins Glas kommt er noch viel zu selten. Was schade ist. Denn griechischer Wein ist weit mehr als der harzige Retsina vom Stammgriechen nebenan. Schauen wir uns mal die spannende Welt der griechischen Weine etwas genauer an.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber sobald irgendwo mit irgendwem irgendwie das Thema griechischer Wein aufkommt, fängt bei mir die Klischee-Maschine an zu rattern. Ganz automatisch spult sich der Schlager von Udo Jürgens in meinem Kopf ab. An der Stelle, wo ich nicht mehr mitsingen kann, löst der Sirtaki “Griechischer Wein” ab. Vor meinem inneren Auge sehe ich weiße Papierservietten mit griechischen Vokabeln. Bitte, danke und so. Und dann rieche ich sogar Gyros und habe den Geschmack von Tzatziki auf der Zunge.

Ja, so schlimm ist das griechische Klischee. Einzig allein Wein kommt da nicht vor. Traditionell bestelle ich beim Griechen nämlich Bier. Denn ja, beim Dorfgriechen nebenan ist die Weinauswahl meist immer noch … dürftig. Um es mal nett auszudrücken. Retsina, der ebenso berühmte wie berüchtigte geharzte Tafelwein, dominiert da manchmal leider noch. In der Großstadt sieht das schon ein wenig besser aus. Da findet man dann tatsächlich auch mal etwas aus Nemea, Naoussa, Santorini oder einer der anderen Inseln auf der Karte. Womit wir auch schon direkt beim Thema wären. Denn griechischer Wein ist nicht nur vielfältig, sondern auch interessant.

Griechischer Wein: weißer Retsina wird in ein Glas gegossen
Griechischer Wein: Es muss ja nicht immer Retsina sein! © kasjanf/Pixabay

Griechischer Wein: Noch ein Klischee

Klar, auch hier gibt es auch neben Retsina gewisse Klischees von den holzigen Wuchtbrummen. Die habe ich mal in einer komplett neuen Dimension während eines Chalkidiki-Urlaubs kennengelernt. Ihr wisst schon: das Kloster Athos am gleichnamigen Berg. Das orthodoxe Kloster bildet nicht nur einen autonomen Staat innerhalb Griechenlands und darf nur von Männern betreten (und natürlich auch bewohnt) werden, sondern ist halt auch noch Weingut. Hier kommen echt mächtig ruppige Weine her, die eine kleine Ewigkeit zusätzlich lagern dürfen, damit die Tannine einem nicht den Mund wund scheuern. Um es mal etwas überspitzt zu formulieren.

Zum Glück ist das aber auch nicht typisch griechischer Wein, wie ich dann während anderer Urlaube feststellen durfte. Trotzdem. Der Einstieg in die griechische Weinwelt ist schon ziemlich schwierig. Ähnlich wie mit Portugal halt, wenn es nicht um den Portwein geht. Der Grund: lauter einheimische Rebsorten, bei denen man nicht mal weiß, welche Farbe sie haben. Geschweige denn, wie man sie ausspricht. Vor allem, wenn sie im griechischen Original draufstehen. Dabei tut sich auf dem Festland sowie auf den Insel eine Menge im Weinbau. Dank einer jungen Generation, die gerne mal was Neues wagt.

In den Bergen der griechischen Insel Kreta steht eine Ziege auf einem Stein
Ziegen und Kreta gehören ebenso zusammen wie griechischer Wein und Kreta! © fietzfotos/Pixabay

Auf nach Naoussa!

Nehmen wir zum Beispiel den Norden Griechenlands. Hier, in Makedonien, findet man die Weinregion Naoussa. Anders als in Deutschland, wo ein Wein gerne nach der Rebsorte benannt wird, ist es in Griechenland die Region, die diesen Platz einnimmt. Man trinkt also einen Naoussa. Weil der Wein da herkommt. Die Rebsorte indes ist da dann aber hauptsächlich Xinomavro. Die rote Sorte ist eigentlich auch recht ruppig. Viele Gerbstoffe, eine hohe Säure. Im traditionellen Stil bereitet, kann auch das ganz schön den Gaumen malträtieren.

Im krassen Gegensatz dazu gelingt es aber gerade jungen Winzern, die ihre Weingärten immer höher und höher pflanzen, zu zeigen, wie elegant, schlank und lebendig Rotweine aus Xinomavro sein können. Nehmt nur mal die Weine von Apostolos Thymiopoulo! Schon sein Einstiegswein Naoussa Alta (Alta = Höhe = Höhenlage) vibriert fast vor Lebendigkeit. Klar, auch hier ist die Säure noch recht hoch. Aber sie ist elegant in sehnige Tannine und in einer zarten Kirschfrucht verpackt. Das ist leicht, aber nicht belanglos. Und schon mal gar nicht langweilig. Je höher die Qualitäten, desto mehr Substanz bekommen auch die Weine von Apostolos Thymiopoulo. Aber im Vergleich zu den traditionellen griechischen Weinen aus Makedonien sind auch sie echte Balletttänzer!

Weinreben in Naoussa - griechischer Wein
In Naoussa gehen die Winzer immer mehr in die Höhe. ©Pennygeorg/Pixabay

Griechischer Wein und Santorini

Wer es dann doch mit etwas mehr Schmackes mag, der sollte sich in Sachen griechischer Wein vielleicht mal auf Santorini umschauen. Die bildhübsche Insel ist nämlich nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel, sondern auch eine interessante Weinregion. Hier wird die weiße Rebsorte Assyrtiko ganz groß geschrieben. Daraus entstehen Weine, die sehr intensiv nach Zitrusfrüchten und Steinobst duften (und schmecken) und die einen vollen und komplexen Charakter haben. Also nicht unbedingt Leisetreter, aber immer noch mit einer gewissen Eleganz ausgestattet, die die Weine auch der ausgeprägten Säure zu verdanken haben.

Falls ihr übrigens selbst mal auf Santorini weilen solltet, lohnt es sich, mal ein paar Weingärten zu besuchen. Falls ihr sie denn erkennt. Denn während hierzulande die Reben an einem Pfahl oder an diversen Drahtrahmensystemen erzogen werden, haben sie auf Santorini die Form von am Boden liegenden Vogelnestern. Kein Witz! Denn auf der Insel ist es sehr, sehr windig. Zu windig für die Reben, wenn man sie nicht schützt. Deswegen werden sie in Korbform am Boden geflochten. Also Augen immer schön nach unten richten, wenn ihr euch auf Santorini Reben anschauen möchtet. 😉

Am Boden liegende Rebe, die zu einem Korb geflochten wurde auf der Insel Santorini
So sieht die Reberziehung auf der Insel Santorini aus. ©Ragna Hatlo/iStock

Bitte Kreta nicht vergessen!

Eine Insel, die leider etwas im Schatten von Santorini steht, ist Kreta. Nun, vielleicht nicht als Urlaubsziel. Aber wenn es um griechischen Wein geht. Hier findet man gleich einen ganzen bunten Mix aus einheimischen Rebsorten. Die bekannteste ist wohl die rote Kotsifali, die so beliebt ist, dass ihre Weine auch in deutschen Restaurants immer häufiger auf der Karte stehen. Greift da ruhig mal zu. Hier ist die Säure nicht ganz so ausgeprägt – ebenso wie die Tannine. Fruchtig und leicht findet man sie auf Kreta gerne auch in Rosés. Da dann entweder im Verschnitt mit anderen indigenen Sorten wie etwa Mandilari. Oder aber in einer Cuvée mit internationalen Rebsorten. Syrah zum Beispiel. Oder Cabernet Sauvignon.

Ein Weingut, dass sich auf den Verschnitt von beiden Sorten spezialisiert hat, ist die Domaine Gavalas. Das kleine Weingut in der Nähe von Heraklion existiert seit 1906 und wird seit Jahren biologisch bewirtschaftet. Hier setzt man vor allem auf einen fruchtig-intensiven Stil. Aber auch das Terroir kommt nicht zu kurz. Was man da an Kräuterfülle in den Weinen findet, ist einfach sagenhaft.

Ich hatte mir von dort mal einen Wein aus dem Urlaub mitgenommen – und ein Jahr später zuhause genossen. Direkt nach dem Öffnen strömten mir all die Wildkräuter entgegen, die dort zwischen den Olivenbäumen wachsen, entgegen. Das war dann tatsächlich wie Urlaub im Glas herrlich! Von solchen spontanen Begegnungen könnte ich noch massenhaft berichten (und werde es vielleicht eines Tages auch). Aber noch viel besser: entdeckt doch bitte selbst. Denn griechischer Wein ist inzwischen tatsächlich viel, viel besser als sein Ruf, den er sich durch diesen unsäglichen Retsina einmal eingefangen hat. So ganz ohne harzige Noten und den wilden Tanninmonstern. Versprochen.

Copyright Titelbild: © GregMontani/Pixabay

*Dieser Text wurde weder beauftragt noch vergütet und spiegelt ausschließlich meine eigene Meinung wider. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen alleine Service-Zwecken.

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