Gut Hermannsberg: Riesling mit Herkunft – und Geschichte

Weinflaschen mit Riesling von Gut Hermannsberg

Vor knapp 100 Jahren von Gefangenen aus den Felsen gesprengt, in staatlicher Hand auf- und dann abgestiegen, bevor das Weingut privatisiert wurde und auch da erneut den Besitzer wechselte. Gut Hermannsberg kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Ein Porträt.

Gut Hermannsberg gehört zweifellos zu den wenigen Weingütern, bei denen man nicht weiß, wo man anfangen soll. Einfach, weil es viel zu viel zu erzählen gibt. Von der Historie über die Bedeutung für den deutschen Weinbau bis hin zu den besonderen Böden und Lagen und den Verdiensten am Riesling. Und natürlich die Weine selbst! Ihr seht: es gibt viel zu berichten. Fangen wir also mit einem geschichtlichen Schnelldurchlauf an!

Als im Jahr 1902 die ersten Felsen an der Nahe-Schleife gesprengt wurden, war der jetzige Name Gut Hermannsberg noch ferne, ferne Zukunftsmusik. Das Weingut firmierte, wie alle staatlichen Betriebe zu der Zeit, unter dem Namen Königlich Preußische Weinbaudomäne. Und weil halt der Staat Besitzer war, wurde beim Aufbau nicht gekleckert, sondern geklotzt. Strafgefangene bauten nicht nur das Gut auf, sie kultivierten auch die Weinberge. Wer schon einmal in den steilen Weinbergen, die zum Teil von ebenso schroffen wie massiven Felsen umgeben sind, stand, der ahnt, was für eine brutale Arbeit das war.

Außenansicht des Gutshauses von Gut Hermannsberg an der Nahe
Das Gutshaus hat sich von außen in 100 Jahren kaum verändert ©Nils Weiler

Die Weinbaudomäne im Wandel der Zeit

Besonders die Kupfergrube bedeutete Schwerstarbeit. Und Lebensgefahr. Aber diese Geschichte habe ich euch ja bereits an anderer Stelle erzählt. Von Anfang an war Riesling in der Weinbaudomäne Trumpf. Übrigens nicht nur im Anbau. Denn zu den Aufgaben der Betriebsleiter der Weinbaudomäne gehörte auch ein gewisser Anteil an Forschung. Die Reblaus hatte auch an der Nahe gewütet. Könnte man die Reben vielleicht widerstandsfähiger machen? Und wenn man schon dabei ist … vielleicht auch einfach besser? Es wurde kräftig in Klone und Forschung investiert. Das Ergebnis: bald waren die Weine in aller Munde.

Daran konnten auch zwei Weltkriege nichts ändern. 1946 ging die Weinbaudomäne in den Besitz des Landes Rheinland-Pfalz über und hieß dann Gutsverwaltung Niederhausen-Schloßböckelheim. Mehr änderte sich indes nicht. Es war vor allem Gutsdirektor Hermann Goedecke, der dafür sorgte, dass die Rieslinge der Domäne weltweit begeisterten. Nach seiner Verabschiedung im Jahr 1978 begann ein wechselhafter Abschnitt in der Geschichte des Nahe-Weinguts. Mal wurden die Rieslinge gehypt, mal in Grund und Boden bewertet.

Unterschiedliche Etiketten der Rieslinge vom Gut Hermannsberg
Riesling Großes Gewächs Hermannsberg gestern und heute ©Gut Hermannsberg

Privatisierung im Jahr 1998

Man ahnt es schon: die großen goldenen Zeiten der Domäne waren vorbei. Vor allem: sie rentierte sich für den Staat nicht mehr, war nicht wirtschaftlich. Was folgte, war die Privatisierung und damit der Verkauf. Im April 1998 erwarb der Pfälzer Kaufmann Erich Maurer das Traditionsweingut für 4,8 Millionen Mark. Weitere 2,7 Millionen Mark musste der neue Besitzer für den Weinbestand der Domäne berappen – schließlich gab es bereits damals eine prall gefüllte Schatzkammer. Und dann plante er auch noch ca. 3 Millionen Mark für Investitionen ein.

Neben Riesling gedeihten auf den 30 Hektar jetzt auch Spätburgunder und Dornfelder. Mehr Rebsorten, weniger Spezialisierung. Aber immerhin: das Weingut trug sich selbst, war rentabel. Trotzdem trennte sich Maurer im Jahr 2009 von dem Betrieb. Er war inzwischen 72 Jahre alt, niemand aus seiner Familie wollte übernehmen. Womit wir uns mit riesigen Schritten dem Hier und Jetzt nähern.

Das Fürhungs-Team von Gut Hermannsberg vor der Lage Kupfergrube an der Nahe
Brand Ambassador Stuart Pigott (2. v.l.) mit den Geschäftsführern (v.l.n.r.): Jasper Reidel, Karsten Peter und Achim Kirchner ©Gut Hermannsberg

Aus der Weinbaudomäne wird Gut Hermannsberg

2009 kauften Jens Reidel und seine Frau Dr. Christine Dinse das Weingut. Bereits vor dem Kauf stellten die beiden mit Karsten Peter den idealen Önologen und Betriebsleiter ein. Inhaber wie Peter hatten nämlich Visionen, die sich optimal ergänzten. Während Reidel der Weinbaudomäne zum einstigen Glanz zurück verhelfen wollte, war es das Ziel von Karsten Peter, einzigartige Rieslinge entstehen zu lassen, die von ihrer Herkunft erzählen. Entstehen, wohlgemerkt, nicht machen. Einen Wein zu “machen” entsprach noch nie der Philosophie des Winzers. Er kann nur durch die ihm gegebenen Bedingungen heraus entstehen. Und zwar so natürlich wie möglich, ohne Eingriffe im Keller.

Gut, dieser Richtlinie musste Peter nach seiner ersten Lese im Jahr 2009 etwas untreu werden. Ein paar Tage, bevor die Ernte begann, fing er schließlich erst an – und musste mit dem arbeiten, was da ist. Vorsichtshalber griff er deswegen auch bei den Lagen-Rieslingen auf Reinzuchthefen zurück. Noch war er schließlich mit den Böden, dem Klima und den einzelnen Lagen nicht eng vertraut. Auch musste er erst schauen, in welchem Zustand die Reben waren.

Winzer Karsten Peter vor dem Kelterhaus von Gut Hermannsberg
Betriebsleiter Karsten Peter vor dem Kelterhaus ©Gut Hermannsberg

Gut Hermannsberg und die Vision vom Herkunfts-Riesling

2010 war dementsprechend ein höchst arbeitsreiches Jahr. Weg mit Spätburgunder und Dornfelder und fast allem, was eben nicht Riesling war. Ein wenig Weißburgunder blieb, aber Riesling sollte wieder die ungeschlagene Königin werden. Hinzu kam noch eine weitere Neuausrichtung. Aus der Weinbaudomäne wurde endlich das Gut Hermannsberg – benannt nach der großen Monopollage des Weinguts. Dieses allerdings wird seitdem optisch von einer anderen Lage geprägt. Denn ob nun Kelterhaus oder Gästebereich: überall findet sich eine Kupfer-Optik wieder.

Nicht ohne Grund, denn schließlich blickt man aus vielen der Gästezimmer sowie von der Terrasse von Gut Hermannsberg aus auf eben diese legendäre Lage: Kupfergrube. Hier, wo tausende Arbeitsstunden nötig waren, um aus der ehemaligen Kupfermine einen Weinberg zu machen. Die teilweise über 80 Jahre alten Reben wurzeln tief in das vulkanische Eruptivgestein. Diese alten Reben geben ihre Trauben für das Große Gewächs her, das bei mir ob seiner mineralischen Wildheit immer wieder für Herzklopfen sorgt. Vor allem, wenn es sich bei dem GG um den Jahrgang 2015 handelt, der noch stürmerisch, so energisch und doch so elegant ist.

Weinberge säumen die Straße zum Gut Hermannsberg
Mitten in den Weinbergen liegt das Gut Hermannsberg ©Nils Weiler

Faszination Kupfergrube

Doch das alleine ist es nicht, was mich persönlich so an der Kupfergrube reizt. Klar, hier entsteht auch der legendäre Versteigerungs-Sekt, der mit seiner mineralischen Kühle und Finesse brilliert. Einer der ganz großen Winzersekte, die einem hervorragenden Champagner locker den Rang ablaufen können. Nicht nur in der Qualität, sondern auch im Preis. Alltagstauglicher ist da dann der Ortswein “Vom Vulkan”. Auch hier ist Kupfergruben-Riesling pur drin. Allerdings nicht von den alten Reben, sondern aus Anlagen, die so zwischen 15 und 35 Jahre alt ist. Die Junganlagen indes geben ihre Trauben für den neuen Gutsriesling von Gut Hermannsberg: den “7 Terroirs”.

Bei dem ist der Name Programm. Denn mit Kupfergrube, Hermannsberg, Steinberg, Rotenberg, Felsenberg, Rossel und Bastei besitzt Gut Hermannsberg eben sieben Lagen (allesamt übrigens Große Lagen – auch nicht eben Standard bei einem Weingut), die in den “7 Terroirs” mit ihren Jungreben einfließen. Ein Gutswein übrigens, dessen Erfolg selbst das Team von Gut Hermannsberg überraschte, wie mir Vertriebsleiter und Geschäftsführer Achim Kirchner verriet.

Blick auf die Riesling-Reben der Kupfergrube an der Nahe
Die Kupfergrube in voller Pracht ©Nils Weiler

Hermannsberg und Steinberg

Wenn wir schon bei den Lagen sind, dann bleiben wir da einfach noch ein Weilchen. Denn auch wenn die Kupfergrube inzwischen über allem steht, haben auch die anderen Lagen ihre ganz eigenen und besonderen Stärken. Da hätten wir zum Beispiel den Hermannsberg. Nur 200 Meter von der Kupfergrube entfernt, sieht hier der Boden komplett anders aus: Tonschiefer, überweht von Löss. Die Monopollage bringt eher leisere Rieslinge hervor, die etwas Zeit benötigen, um ihre volle Strahlkraft zu entwickeln. Dann allerdings begeistern die Weine mit ihrer lebendigen Mineralität und satten Frucht.

Zwischen Kupfergrube und Hermannsberg liegt der Steinberg, weist aber ein eigenständiges Terroir auf. Das vulkanische Eruptivgestein ist hier viel härter und gelblich, ja, fast schon weiß. Der Boden ist extrem karg – und das kann man dann auch den Weinen anschmecken. Kristalline Mineralität dominiert die Rieslinge dieser Lage. Kein Liebling für jeden, durchaus herausfordernd am Gaumen. Aber wenn man sich auf die Mineralität des Steinbergs einlässt, wird man mit einem wahren Kosmos an komplexer Tiefe belohnt.

Blick auf die ehemalige Weinbaudomäne zwischen den verschiedenen Weinlagen
Der Hermannsberg stand fürs Weingut Namenspate ©Nils Weiler

Rotenberg und Felsenberg

Im Alsenztal findet man den Rotenberg. Hier ist der Name Programm: die Böden sind vom Rotliegenden geprägt, durchsetzt mit Ryolith. Der Eisenanteil in den steilen Südhängen ist recht hoch. Er prägt dann auch die mineralische Aromenwelt der Weine. Während der Riesling Kabinett und die Spätlese mit mineralischer Frische brillieren, hat das Große Gewächs meist eine herrlich rauchige Speck-Note. Muss man schon mögen. Ich liebe es!

In der Lage Felsenberg besitzt Gut Hermannsberg gerade einmal einen Hektar. Dementsprechend limitiert ist das Große Gewächs, das hier entsteht. Wie bei der Kupfergrube besteht der Boden hier aus vulkanischem Melaphyr. Trotzdem ist der Wein eher von einer fruchtigen Opulenz geprägt. Die hat er dem Klima zu verdanken. Denn hier schlängelt sich die Nahe durch ein besonders steiles und schmales Tal. Dadurch hält sich die Wärme sehr gut im Weinberg – es ist fast schon wie ein Treibhaus für Riesling. Damit die Weine nicht zu opulent werden, beginnt Karsten Peter hier meist schon recht früh mit der Lese.

Einfahrt zum Weingut Gut Hermannsberg an der Nahe
Willkommen auf Gut Hermannsberg! ©Gut Hermannsberg

Rossel und Bastei

Die Monopollage Rossel ist euch vielleicht besser bekannt als Kertz. Der Name wechselte hin und her, was etwas mit den deutschen Weingesetzen zu tun hat. Jetzt versucht Gut Hermannsberg, den Namen Rossel wieder zu etablieren. An Lage und Wein ändert dieses Namensgerangel natürlich nichts. Nach Süden ausgerichtet, dominiert hier vulkanischer Rhyolith. Der Riesling “Steinterrassen”, der hier entsteht, ist gleichzeitig würzig und elegant, mit viel gelber Steinfrucht und einem salzigen und langen Abgang.

Wenn ihr mal an der Nahe seid, dann fahrt bitte unbedingt an der Traiser Bastei vorbei. Der Anblick ist einfach nur spektakulär: ein paar Rebzeilen, die vor einem massiven und steil ansteigenden Fels stehen. Mächtiger kann sich Natur nicht präsentieren. Die Reben, die in Ryolithgeröll wurzeln, werden quasi vom Rotenfels umschlossen. Dieser ist ein natürlicher Wärmespeicher. Zugleich herrscht in der Bastei aber auch immer ein kühler Luftzug. Der Riesling, der hier gedeiht, neigt zu einer satten Fruchtaromatik. Aprikose und Mango muss man schon mögen. Diese doch sehr prägnante Fruchtigkeit wird allerdings durch den mineralischen Touch im Abgang abgefedert. Wenn man dem Riesling GG etwas Zeit und Reife lässt, dann kommen immer mehr mineralische Noten hinzu.

Weinberge im Nahe-Tal
Oh, wunderschönes Nahe-Tal! ©Nils Weiler

Die Zukunft von Gut Hermannsberg

Ihr seht: so unterschiedlich wie die einzelnen Lagen sind, sind dann auch die Rieslinge selbst, die Karsten Peter für Gut Hermannsberg vinifiziert. Damit konnte der Winzer seine Vision von eigenständigen Weinen, die von ihrer Herkunft erzählen, also schon in die Tat umsetzen. Und das in gerade einmal gut zehn Jahren! Inzwischen gehören die Rieslinge von Gut Hermannsberg wieder zur ersten Riege in Deutschland und werden weltweit gefeiert. Womit sich also auch die Vision des Inhabers Jens Reidel erfüllt hat.

Dessen Sohn Jasper gehört inzwischen übrigens auch zur Geschäftsführung des Gut Hermannsberg. Anders als beim Vorbesitzer der ehemaligen Weinbaudomäne gibt es hier also auch höchst interessierten Nachwuchs. Dementsprechend optimistisch kann man auf Gut Hermannsberg also in die Zukunft blicken.

Copyright Titelbild: ©Christian Deutscher

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er entstand ohne Einfluss des Gut Hermannsberg und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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