Hugh Johnson im Porträt

Bücher des Weinjournalisten Hugh Johnson vor einem Korb mit Heidekraut auf einem Holztisch

Er ist der erfolgreichste und wichtigste Weinautor überhaupt. Und sein Weinführer ist der meistgelesene der Welt. Wenn man automatisch in Superlative verfällt, aber nicht in gottgleiche Anbetung, dann kann nur von einem ganz bestimmten Weinmenschen die Rede sein: dem Briten Hugh Johnson.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer von euch besitzt mindestens eine Ausgabe von “Der kleine Johnson”? Und wer hat eine der acht Editionen vom “Weinatlas” bei sich stehen? Ich oute mich mal: Bei mir findet sich beides im Bücherregal. Nebst “Weingeschichte” und der Autobiografie von Hugh Johnson. Denn ja, ich bin ein echter Fan des 1939 in London geborenen Briten. Weil er sich nämlich trotz all der Auszeichnungen, trotz des immensen Erfolgs und trotz des Renommees eine herrliche Bescheidenheit bewahrt hat – und eine kindliche Freude und neugierige Offenheit, wenn es um Wein geht.

Aber das hat Hugh Johnson ja von jeher ausgezeichnet: Offenheit, Demut vor dem Wein und eine höchst liebenswerte weil natürliche Bescheidenheit. So war das schon zu seinen Anglistik-Studienzeiten am King’s College in Cambridge, als er regelmäßig an Verkostungsrunden teilnahm und immer tiefer und tiefer in die Weinmaterie eintauchte. Dass er dann auch noch Journalist werden würde, zeichnete sich früh ab. Auch wenn er zunächst bei der “Vogue” anfing und für “House & Garden” (Garten und Bäume sind übrigens seine andere Leidenschaft neben Wein) schrieb, bevor er – erstaunlich jung noch – Herausgeber von “Wine & Food” wurde.

Hugh Johnson während einer Weinverkostung
Hugh Johnson während einer Weinverkostung im Jahr 2009 ©Dhasler/Wikimedia Commons

Vom “Weinatlas” und dem “Kleinen Johnson”

Ab diesem Punkt nahm Hugh Johnson Weinkarriere rasant Fahrt auf. So wurde er 1963 Generalsekretär der Wine & Food Society London und publizierte, was das Zeug hielt. Bis halt 1971 sein erster großer Coup erschien, den er zusammen mit Jancis Robinson verantwortet: der “Weinatlas”. Nach wie vor eines der großen Standardwerke in Sachen Wein.

Und wenn wir schon bei Standardwerken sind: 1977 kam erstmals “Der kleine Johnson” auf den Markt. Ein Weinführer, der sich Jahr um Jahr zu DEM Weinführer schlechthin mauserte. Komplettiert durch den “Großen Johnson” Anfang der 1980er-Jahre. Über 15.000 Weine samt Bewertungen lassen sich inzwischen im “Kleinen Johnson” finden – samt Jahrgangs-Highlights. Eine Arbeit, die sich Hugh Johnson seit geraumer Zeit nicht mehr alleine macht. Wie auch Robert Parker, Jancis Robinson und all die gedruckten Weinführer, hat auch Johnson ein nicht allzu kleines Team um sich herum.

Vier Bücher über Wein von Hugh Johnson auf einem Holztisch
Nur eine kleine Auswahl der zahlreichen Bücher, die Hugh Johnson geschrieben hat ©NK/Bottled Grapes

Wie Hugh Johnson Wein bewertet

Bewertet wird im “Kleinen Johnson” nicht mit Punkten, sondern mit Sternen. Und auch hier hält er es nicht ganz so elitär, wie manch anderer Weinsternekrieger:

  • * – einfache Qualität für jeden Tag
  • ** – überdurchschnittlich
  • *** bekannt, berühmt
  • **** erstklassig, anspruchsvoll

Sind die Sterne rot, dann bedeutet das, dass diese Weine in ihrer jeweiligen Preisklasse besonders gut sind. Das hört sich recht vage an – und das ist es auch. Hugh Johnson quetscht Weine nämlich seit jeher nicht in ein starres Bewertungskorsett. Das wird den edlen “Kreszenzen” (eines seiner Lieblingswörter, so oft, wie er es verwendet) seiner Meinung nach nämlich nicht gerecht. Und ja, er hat Robert Parkers Einfluss mehr als einmal verurteilt. Wobei er auch da stets fair geblieben ist: Niemand wurde jemals dazu gezwungen, dem Geschmack Parkers unbedingt entsprechen zu müssen. Das geschah immer recht freiwillig. Und trotzdem: Hugh Johnsons Meinung nach machen Punkte einen großen Wein klein.

In seinen ausführlichen Weinbesprechungen verwendet Hugh Johnson übrigens ein verbales Schema in 12 Stufen. Auch das ist so vage wie es klingt, lässt sich aber wie folgt super einordnen: Die Skala geht von “einmal Schnuppern und dann nie wieder” bis “kauf’ den Weingarten”. Letzteres hat Hugh Johnson übrigens durchaus gemacht. Um mal selbst Wein zu machen. Keinen großen Wein, aber einen trinkbaren Wein. Er ist aber auch von England gen Bordeaux gesegelt. Mehrmals. Auf den Spuren der englischen Weinflotte und so.

Weinführer Der kleine Johnson auf einem Balkontisch vor Herbstpflanzen
Mit dem “Kleinen Johnson” hat Hugh Johnson einen der ganz großen Weinführer kreiert ©NK/Bottled Grapes

Der Weinmensch Hugh Johnson

Wobei das nur einige von vielen, vielen beeindruckenden Lebensdetails sind, die ich hier äußerst knapp über den im Jahr 2007 für seine “Dienste für die Weinherstellung und den Gartenbau” zum OBE (Offizier in der “Order of the British Empire”) ernannten Hugh Johnson schreibe. Das alles wird ihm eigentlich nicht gerecht. Denn tatsächlich ist er ein unerschöpflicher Quell an höchst fundiertem Weinwissen – ob es nun um Weingeschichte, Weingüter, Weinjahrgänge oder Weinqualitäten geht. Und noch eine Besonderheit: Hugh Johnson hat – typisch für einen Kritiker – zu alles und jedem eine Meinung. Jedoch poltert er diese nicht hemmungslos hinaus, sondern flüstert sie leise und sanft und bleibt dabei immer fair, und versucht stets, auch die andere Seite der Medaille zu zeigen.

Was mich aber tatsächlich am meisten beeindruckt, ist seine grandiose Bescheidenheit, von der sich so manch wichtiger Weinmensch heutzutage eine gehörige Portion abschneiden kann. So sagte er etwa in einem Interview aus dem Jahr 2018 mit dem schweizer Medium “Blick”: “Ich bin kein Wein­experte. Um es deutlicher zu sagen: Ich verstehe nichts von Wein! Ich bin Journalist, Schriftsteller. Wenn Sie so wollen, bin ich ein Schreiberling, der den Wein interpretiert.” Alleine dafür möchte ich mich wieder und wieder vor ihm verneigen und vor Dankbarkeit auf die Knie gehen. Menschen wie Hugh Johnson erden die Weinwelt. Und ja, aus dem Porträt ist jetzt ein Fangirl-Text geworden. Das ist mir egal. Denn das musste jetzt einfach mal sein. So.

Copyright Titelbild: ©NK/Bottled Grapes

*Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er wurde von Hugh Johnson weder in Auftrag gegeben, beeinflusst oder vergütet, sondern spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Alle gesetzten Links sind nicht kommerziell, sondern dienen alleine Service-Zwecken.

Beitrag bewerten:

Anzahl: 4 Bewertung: 5/5

2 Gedanken zu „Hugh Johnson im Porträt“

Kommentar verfassen