Cover des Weinbuchs The New California Wine von Jon Bonné

Jon Bonné: “The New California Wine”

Warum tickt die kalifornische Weinindustrie so, wie sie tickt? Dieser Frage widmet sich der Weinjournalist Jon Bonné in seinem Buch “The New California Wine”.

Alles begann mit einem Anruf. Nämlich als die Sprecherin einer einflussreichen kalifornischen Weinpersönlichkeit (Namen werden bei dieser kleinen Anekdote nicht genannt) Jon Bonné in der Redaktion des “San Francisco Chronicle” anrief. Sie hätte gehört, dass er als Weinredakteur kalifornische Weine hassen würde. Bonnés Antwort war eine Gegenfrage: “Wenn ich kalifornische Weine hassen würde, würde ich dann tatsächlich machen, was ich mache?” Dieser kurze Wortwechsel fand 2006 statt. Und er ließ Jon Bonné nachdenken. Darüber, warum er kalifornischen Wein zwar nicht hasst, aber von ihm gelangweilt ist. Oder warum die perfektionierte Industrialisierung ihn derart abstößt. Und wie es eigentlich zu dieser Full-Flavor-Anbeterei mit Robert Parker als obersten Guru im Sunshine State gekommen ist.

Streng genommen war dieser semi-provokante Anruf also für Jon Bonné der Auslöser, das Buch “The New Californian Wine” zu schreiben, das zusätzlich mit höchst atmosphärischen Fotos von Erik Castro glänzt. Ja, das Buch wurde bereits 2013 veröffentlicht. Und nein, eine Übersetzung gibt es nicht. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn Bonné bedient hier inhaltlich quasi die Nische einer Nische. Das lohnt sich wirtschaftlich für einen Verlag einfach nicht. Leider. Trotzdem. Die Lektüre ist es allemal wert, sich mit dem Englischen herumzuquälen. Und aktuell ist das Buch auch heute noch.Blick in ein Weinbuch mit Bildern

Jon Bonné, der gnadenlos gute Erklärer

Mal ganz davon abgesehen, dass es einen großen zeitlosen Part gibt. Nämlich den mit der Geschichte des Weinbaus in Kalifornien. Diese beginnt nicht, wie es manch einer vielleicht vermuten mag, 1976 mit der Weinjury von Paris, als ein kalifornischer Chardonnay und ein Cabernet Sauvignon die französischen Kontrahenten bei einer Blindprobe vom Platz fegten. Durch dieses Ereignis wurden die Weine zwar über Nacht zu vinophilen Stars, aber Weinbau hatte in den Vereinigten Staaten dann doch schon eine längere Tradition. Wer sich übrigens für die Geschichte rund um die Pariser Weinjury interessiert, dem sei die Komödie “Bottle Shock” mit Alan Rickman als Steven Spurrier empfohlen, die die Story höchst amüsant erzählt.

Aber zurück zum Thema. Dem Buch von Jon Bonné. Der Weinjournalist dröselt hier auf, wo wie und wann der Weinbau in Kalifornien begonnen hat, warum man auch hier mit der Reblaus zu kämpfen hatte, wie er durch die Prohibition zunichte gemacht wurde. Und wie danach wieder alles anfing. Immer im Hinterkopf mit dabei: die amerikanische Mentalität. Da denkt man groß – da handelt man effektiv. Die Devise lautet also, das Maximum herauszuholen. Immer und ständig. Jon Bonné gelingt es dadurch, in seinem Buch “The New California Wine” zu erklären, wie so aus einem Handwerk schnell eine Industrie werden konnte. Warum die Kellertechnik Trumpf war, während man die Eigenheiten des Terroirs ignorierte. Und natürlich, wie es zur Massenproduktion kam und solche riesigen Weinmastbetriebe wie Gallo und Co.Blick in das Weinbuch The New Californian Wine von Jon Bonné

Empfehlungen fernab der Massenproduktion

Zugleich setzt Jon Bonné aber Kontraste. Er stellt auch kleine Weingüter vor. Und lässt vor allem Winzer zur Wort kommen, die mit ihrer Einstellung zum Wein echte Pionierarbeit in Kalifornien geleistet haben. Ja, die sie immer noch leisten. Das sind dann die leisen, die eindringlichen Passagen. Warum muss man bewässern? Geht es nicht auch ohne? Und gehen eigentlich auch Rebsorten fernab von Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Zinfandel und Pinot Noir? Die Antwort ist schnell gefunden. Natürlich!

Damit die Weingüter, Winzer und Weine fernab der Massenproduktion noch mehr Raum und Stellenwert bekommen, widmet sich Jon Bonné ihnen auf gut 100 Seiten im Detail. Geordnet nach Rebsorten empfiehlt er Betriebe und Gewächse, stellt Besonderheiten vor und ordnet außergewöhnliche Qualitäten ein. Mein einziger Wermutstropfen dabei: der ständige Vergleich mit der sogenannten “Alten Welt”. Es ist schon ein wenig ermüdend zu lesen, wenn dieser oder jene Blend wie ein Bordeaux schmeckt, oder Syrah Nummer X geschmacklich an der Rhône zu verorten ist. Genau von dieser Vergleichbarkeit darf man gerne ablassen, wenn man etwas Eigenständiges schaffen möchte. Meine Meinung. Natürlich kann man einen Wein so viel einfacher einordnen. Aber es muss einem ja nicht alles leicht gemacht werden. 😉Blick in das Weinbuch von Jon Bonné

Jon Bonné und die Liebe zu kalifornischem Wein

Zwischen Historie, Entwicklung und Wein-Tipps stellt Jon Bonné außerdem noch einzelne AVAs vor. Also American Viticultural Areas – die amerikanische Antwort auf das französische Appellationssystem. Sind die Weinempfehlungen schon ein kleiner Schatz für sich, den es zu entdecken gilt (einige der Weine sind auch hierzulande erhältlich und kosten kein Vermögen – jedenfalls kein großes) sind die AVA-Texte ein Fundus an kompaktem Wissen schlechthin. Warum wächst was wo? Wie sehen die Besonderheiten in Sachen Boden und Klima aus? Und welche Pioniere kann man wo antreffen? Das ist nicht nur eine kurzweilige Lektüre, sondern ein Schatz an Einsichten von jemanden, der Kalifornien wie seine Westentasche kennt. 

Nicht zu vergessen, dass man zwischen den Zeilen auch viel Liebe entdeckt. Denn Jon Bonné hasst kalifornische Weine nicht. Er schätzt sie sehr. Wenn sie denn handwerklich gemacht sind – und mit Bedacht. Es sind diese Weinjuwelen fernab der Massenindustrie, die er hier in “The New California Wine” feiert. Und denen er zu mehr Bekanntheit verhilft. Das ist ebenso wertvoll wie zeitlos. Denn wahre Liebe vergeht schließlich nie. Hach.

Jon Bonné: The New California Wine. A Guide to the Producers and Wines Behind a Revolution in Taste. 304 Seiten, Ten Speed Press, 2013. 32,83 Euro.

Copyright alle Fotos: ©NK/Bottled Grapes

*Bei diesem Buch handelt es sich um einen Eigenkauf. Die Rezension spiegelt ausschließlich meine eigene Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen alleine Servicezwecken.

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