Blick auf das Nahe-Tal

Nahe: Weinregion mit wild-romantischem Flair

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Nahe ihr Profil als Weinregion enorm geschärft. Vor allem Nahe-Rieslinge haben heute einen hervorragenden Ruf. Ein Besuch des Weinanbaugebiets in Rheinland-Pfalz lohnt sich aber auch wegen der wunderschönen Natur.

Schroff ragen die teilweise blanken Felsen am Fluss empor – majestätisch gekrönt von dichten Wäldern, durch die man stundenlang wandern kann. Unbeeindruckt von dieser herben Naturschönheit fließt die Nahe gemächlich vor sich hin. An einigen Stellen erinnert sie mehr an einen Bach denn an einen Fluss, während die steilen Steinformationen von ebenso sanften wie grünen Hügeln abgelöst werden. Ja, das Nahe-Tal, das sich dem Hunsrück im Nordwesten und dem Nordpfälzer Bergland im Südosten über etwa 120 Kilometer entlangschlängelt, ist schon ein wunderschönes Fleckchen Erde.

Bis sich die Region einen Namen als Weinanbaugebiet erarbeiten konnte, hat es verhältnismäßig lange gedauert. Dabei bauten hier bereits die Kelten und später die Römer Wein an. Richtig los ging es aber erst im Mittelalter, als Klöster und Adelsfamilien systematisch Weinbau betrieben. Davon zeugt übrigens noch der älteste Rebstock Deutschlands, der am Disibodenberg tief in den Boden wurzelt und auf betagte 500 bis 900 Jahre kommen soll. Es handelt sich dabei um die Rebsorte Weißer Orleans, die hierzulande fast ausgestorben war. Es ist Betrieben wie dem Weingut Gehring aus Rheinhessen zu verdanken, dass Weißer Orleans derzeit eine kleine Renaissance erlebt. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte. Zurück an die Nahe!

Lage Rotenfels an der Nahe
Steil ragen die Felsen über einigen Weinlagen empor. © Deutsches Weininstitut

Weingeschichte im Zeitraffer

Obwohl also im Mittelalter der kommerzielle Weinbau an der Nahe Einzug hielt, dauerte es eine ganz gewaltige Weile, bis die Weine auch außerhalb der Region wahrgenommen wurden. Dabei stimmten die Qualitäten über die Jahrhunderte hinweg immer schon. Bester Beweis sind da etwa die Taten Johannes Bückler, der sich als Schinderhannes einen zweifelhaften Ruf erwarb, weil er mit seinen Kumpanen als Wegelagerer die Gegend unsicher machte. Er soll gerne ganze Weinfässer von durchfahrenden Kutschen geraubt haben.

Kutsche ist dann auch ein gutes Stichwort. Denn die Nahe-Weine wurden traditionell über Land transportiert. Einfach, weil es auf der Nahe zu keinem Zeitpunkt Schiffsverkehr gab! Das war dem Rhein vorbehalten, dessen Nebenarm die Nahe bildet. Als sich die Winzer damals so umguckten, wie sie ihre Weine denn vermarkten könnten, kamen sie auf eine augenscheinlich clevere Idee. Sie druckten einfach den Rhein aufs Etikett ihrer Flaschen und priesen ihre Gewächse als “Rheinwein” an.

Kleines Fachwerkhäuschen auf Stelzen mitten in einem steilen Weinberg
Während einer Weinwanderung kann man an der Nahe viel entdecken. © Deutsches Weininstitut

Die Nahe wird Weinanbaugebiet

Das ging auch eine sehr lange Zeit ziemlich gut. Das Problem war nur, dass die Nahe als Weinanbaugebiet so keine eigene Identität entwickeln konnte. Na ja, und getrickst war es halt auch. Ziemlich sogar. Dieser Meinung war auch Preußen, welches mit zwei Mitteln dagegen vorging. Zum einen gründete Preußen Ende des 19. Jahrhunderts in Bad Kreuznach, das auch heute noch das wirtschaftliche Weinzentrum der Nahe ist, eine Weinbauschule. Zum anderen rief man in Niederhausen mit der Staatlichen Domäne ein eigenes Weingut ins Leben. Genau diese Domäne existiert immer noch, ist inzwischen aber in privater Hand und besser unter dem Namen Gut Hermannsberg bekannt.

Obwohl damit schon ein guter Ansatz geschaffen war, muckelten die Winzer an der Nahe so vor sich hin. Während andere Weinbauregionen zwischen Mosel und Rhein im Jahr 1935 ihre eigenen klar definierten Grenzen bekamen, war das an der Nahe tatsächlich erst 1971 der Fall. Bis dahin galt die Region als “Probierstübchen Deutschlands”, weil so enorm viel unterschiedliche Rebsorten kreuz und quer gepflanzt wurden. Mit der geografischen Abgrenzung kamen dann aber zum Glück auch mehr Regeln in die Region. Weg mit dem Gemischten Satz! Ordnung im Weingarten! Und Winzer, die ihre Tropfen immer noch als “Rheinwein” proklamierten, mussten jetzt zähneknirschend Nahe als Herkunftsgebiet aufs Etikett drucken.

Blick auf das Gut Hermannsberg an der Nahe
Umgeben von den besten Lagen: Gut Hermannsberg © Nils Weiler/Gut Hermannsberg

Klima an der Nahe

Dass sich die Nahe derart schwer getan hat, ein eigenes Weinprofil zu finden, ist eigentlich nicht verständlich. Denn die Bedingungen für Qualitätsweinbau sind ziemlich ideal. Da wäre zum einen das sonnige, regenarme und milde Klima. Hunsrück und Taunus halten kalte Winde ab, mit Spätfrost gibt es auch kaum Probleme. Gut in den 1980er-Jahren war es hier generell noch etwas kühler. Riesling reifte zum Beispiel nicht immer zuverlässig aus.

Derzeit gehört die Nahe aber zu den Regionen, die vom Klimawandel profitiert. Reife Trauben sind hier inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Nur mit der Trockenheit bekommt man immer häufiger Probleme. Gerade bei den Junganlagen kann man im Hochsommer Reben mit ziemlichen Wasserstress sehen. Selbst rigorose Verweigerer wie Önologe Karsten Peter von Gut Hermannsberg kommen ab und zu nicht mehr drumherum, zusätzlich zu bewässern, damit die Reben nicht sterben.

Vielfältiges Nahe-Terroir

Neben dem Klima ist natürlich auch der Boden für Wein wichtig. Und hier ist die Nahe ein Eldorado an Vielfalt. Schließlich wartet die Region mit über 180 unterschiedliche Bodenformationen auf, die durch Vulkanausbrüche und Erdverschiebungen im Urzeitalter zustande gekommen sind! Die Bodenarten können alle 100 Meter wechseln, was zu einer enormen Diversität im Weinbau führt. Deswegen kann man die Region auch grob in drei Teile gliedern. Die untere Nahe erstreckt sich zwischen Bad Kreuznach und Bingerbrück. Die Böden sind hier von Schiefer und Quarzit geprägt. In den besten Lagen gedeiht hier Riesling, der kräftige Weine hervorbringt, die mal fruchtig, mal mineralisch-salzig sein können. Da lohnt sich übrigens auch ein Blick auf die unterschiedlichen Rieslinge vom Schlossgut Diel.

Blick auf die Weinlage Frühlingsplätzchen in Monzingen an der Nahe
Die Lage Frühlingsplätzchen findet man an der oberen Nahe in Monzingen. © ak/Bottled Grapes

An der mittleren Nahe finden wir zwischen Bad Kreuznach und Schlossböckelheim vor allem vulkanische Böden wie Porphyr oder Melaphyr, aber auch Schiefer und Buntsandstein. Das Besondere: Premiumlagen wie Bastei, Rotenfels, Kirschheck, Dellchen, Hermannshöhle, Kupfergrube oder Felsenberg reihen sich wie eine Luxusperlenkette auf. Hier schöpft vor allem das Gut Hermannsberg aus den Vollen. Aber auch das Weingut Dönnhoff oder das Weingut Schäfer-Fröhlich sind dort mit vielen ihrer großen Weine vertreten. Die Rieslinge, die hier entstehen, glänzen mit Kraft und Dichte, gepaart mit kühler Eleganz oder aromatischer Würze.

Und dann ist da noch die obere Nahe, wo man zum Beispiel das Weingut Emrich-Schönleber oder das Wein- und Sektgut Bamberger findet. Die Premiumlagen profitieren hier von Blauschiefer und Quarzit. Und mit Premiumlagen sind vor allem zwei gemeint: Halenberg und Frühlingsplätzchen. Die Rieslinge hier sind hoch mineralisch und enorm elegant.

Superstar Riesling

Dass bis dato ausschließlich von Riesling die Rede war, kommt nicht von ungefähr. Denn diese Traube ist zur Parade-Rebsorte an der Nahe avanciert. Von den gut 4.200 Hektar Rebfläche sind sage und schreibe 29 Prozent mit dieser Traube bestockt. Wobei die Nahe auch ansonsten ganz klar weiß ist. Ob nun Grauburgunder, Weißburgunder, Kerner, Rivaner oder Silvaner – gut 75 Prozent der Weingärten sind mit weißen Rebsorten belegt. An roten Trauben findet man vor allem Spätburgunder, aber auch Dornfelder und Portugieser. Der Rebsortenspiegel wurde also kräftig eingedampft.

Reben in einer Steillage auf rotem Schottergestein
Die Lage Rotenfels trägt ihren Namen nicht ohne Grund. © Deutsches Weininstitut

Riesling fühlt sich in dem milden wie warmen Nahe-Klima tatsächlich pudelwohl. Und dank der unterschiedlichen Böden kann die Rebsorte unter Beweis stellen, dass sie eine waschechte Terroir-Traube ist, die bestens auf unterschiedliche Untergründe mit einer enormen Aromenvielfalt reagiert. Deswegen gibt es aber auch nicht DEN Nahe-Riesling. Von würzig über mineralisch, elegant bis kräftig ist tatsächlich alles dabei.

Urlaub an der Nahe

Genau diese Vielfalt macht für mich die Weine von der Nahe aber so unglaublich interessant. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Riesling von der Nahe etwas ernster (und trockener) als von der Mosel daherkommt oder dass er nicht ganz so voluminös wie aus dem Rheingau ist. Aber auch die anderen Rebsorten lohnen eine genauere Betrachtung. Weißburgunder von der Nahe kann zum Beispiel herrlich geschmeidig daherkommen. Und wem die Grauburgunder aus der Pfalz etwas zu stoffig sind, der kann hier problemlos schlankere Exemplare finden. Um nur mal zwei Vorschläge zu machen, die nichts mit Riesling zu tun haben.

Am schönsten lassen sich die Nahe-Weine übrigens vor Ort genießen. Zum Beispiel auf der Terrasse von Gut Hermannsberg mit Blick auf die legendäre Kupfergrube. Oder aber während einer Wanderung. Denn auch das kann man an der Nahe ganz hervorragend. Etwa zu einer der vielen Burgen in der Umgebung. Oder man macht einen Bummel durch Bad Kreuznach. Wobei es natürlich immer noch am schönsten ist, den Weingütern einen Besuch abzustatten.

Copyright Titelbild: © Deutsches Weininstitut

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben, noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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