Nicole Wolbers riecht in ein Glas mit Schaumwein während sie an einem Fenster steht

Nicole Wolbers: “Deutsche Wettbewerbe könnten noch vielseitiger sein!”

In dieser Interviewreihe kommen Frauen aus der Weinbranche zu Wort. Heute unterhalte ich mich mit der Schaumwein-Expertin und Wein-Jurorin Nicole Wolbers über Weinwettbewerbe.

Nicole Wolbers gehörte zu den ersten Deutschen, die ihr WSET Diploma direkt in London machten. Und zwar zu einer Zeit, als diese Weinausbildung hierzulande noch längst nicht so bekannt war wie heute. Schnell fokussierte sie sich auf das Thema Schaumwein. Mit ihrem Schaumweinmagazin gehört sie inzwischen zu einer der wichtigsten deutschen Stimme in diesem Bereich. Als offizieller Cava Educator bringt Nicole Wolbers die spanischen Schaumweine in Deutschland näher, wenn sie nicht gerade für andere prickelnde Veranstaltungen als Moderatorin gebucht ist oder für so renommierte Formate wie Trink darüber schreibt. Doch es gibt noch eine zweite vinophile Seite im Leben von Nicole Wolbers. Denn sie ist auch eine gefragte Jurorin bei Weinwettbewerben. Und über genau diese unterhalte ich mich hier jetzt mit ihr.

Liebe Nicole Wolbers, seit wann sitzt du in verschiedenen Jurys, um Weine zu bewerten?

Nicole Wolbers: Seit 2015. Bei mir hat es tatsächlich nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien angefangen. Da war ich in London beim International Wine and Spirit Competition (IWSC) mit dabei. Und später bei weiteren, unter anderem beim reinen Schaumweinwettbewerb namens Glass of Bubbly. Beide finden einmal im Jahr statt und haben verschiedene Themenschwerpunkte. Bei Glass of Bubbly ist es tatsächlich nur Schaumwein, wo dann innerhalb einer Woche alles verkostet wird. Beim IWSC ist es hingegen so, dass man sich für verschiedene Slots eintragen musste.

Dann war man zum Beispiel im Juni für die Weine aus Südfrankreich dabei. Oder man wählte Weißweine aus Österreich und Deutschland, oder Schaumwein. Jedes Thema hatte einen eigenen Slot. Dieses Konzept wurde aber, wie ich erfahren habe, kürzlich umgestellt. Wie genau es jetzt aussieht, kann ich nicht sagen, weil ich beim IWSC seit Beginn der Pandemie nicht mehr dabei sein konnte. Was sich aber nicht geändert hat, ist, dass die Jurorenplätze in der Branche tatsächlich heiß begehrt sind. Wenn man angeschrieben wird, dann sollte man sich schon schnell eintragen, um auch mit dabei sein zu können.

Frau verkostet einen Schaumwein
Hat ein feines Gespür für alle Weine: Nicole Wolbers. © Stella Costa Photography/Nicole Wolbers

Wie kam’s überhaupt dazu, dass man dich dafür anschrieb?

Nicole Wolbers: Ich habe ja beim WSET in London mein Diploma zu Ende gemacht, welches ich zuvor in Kalifornien angefangen hatte. Und da vernetzt man sich natürlich auch mit den anderen Studenten und Dozenten. Daneben besucht man die vielen Weinveranstaltungen in London und schließt Kontakte innerhalb der Weinbranche. Zuerst habe ich nur Associate gemacht, wie es so schön heißt. Ich war also Beisitzerin. Nach und nach arbeitet man sich so langsam die Hierarchie hoch. Damit landet man irgendwann automatisch in dem Juroren-Pool, der regelmäßig angeschrieben und eingeladen wird.

Bekommt man solch eine Jurorentätigkeit dann eigentlich auch bezahlt?

Nicole Wolbers: Das ist tatsächlich die große Krux! Gerade im englischsprachigen Raum wird meist nichts bezahlt. Vielleicht bekommt ein Master of Wine ein gewisses Honorar, aber alle anderen Juroren meines Wissens nach nicht. Dadurch, dass die Wettbewerbe so renommiert sind, leben diese von ihrem Ruf. Du musst die Kosten leider komplett selbst tragen. Es geht daher darum, seinen eigenen Namen mit ins Spiel zu bringen, sich selbst bekannter zu machen und zu netzwerken. Man sammelt halt vor allem Erfahrung, vor allen Dingen in der Weinverkostung. Es ist und bleibt aber immer ein Investment. Vor allem, wenn man aus einem anderen Land wie etwa Deutschland anreist.

Ist das bei deutschen Wettbewerben auch so?

Nicole Wolbers: Da ist es sehr gemischt. Es gibt hierzulande etwa die Highlight-Verkostungen. Da gehört zum Beispiel die Berliner Wein Trophy oder die Wettbewerbe des Meininger Verlages dazu. Natürlich bekommt man auch hier kein Honorar, aber sämtliche Reisekosten sind abgedeckt. Das finde ich schon wichtig, denn so entsteht eine Win-Win-Situation. Man selbst hat die Möglichkeit, wieder eine große Bandbreite an Weinen zu probieren und erhält einen guten Einblick, wie der Markt qualitativ und thematisch gerade aufgestellt ist. Und: man vernetzt sich. Es gibt immer mehr deutsche und internationale Weinwettbewerbe. Wenn man überall dabei sein wollte, könnte man die Teilnahmen finanziell gar nicht stemmen.  

Ehrlich gesagt, finde ich das gerade erstaunlich, liebe Nicole Wolbers. Denn die Berliner Wein Trophy ist ja eher so ein Wettbewerb, bei dem alle Welt ihre Weine einreicht. So frei nach dem Motto: Ich brauche noch irgendeine Auszeichnung, die ich als Badge aufs Etikett knallen kann – lass’ mal da was einschicken …

Nicole Wolbers: lacht Ich würde es so formulieren: Einige der Qualitäten sind oft schon etwas schlichter, einfacher, aber einwandfrei. Dieser Wettbewerb zielt meiner Meinung nach eher auf den allgemeinen Einzelhandel ab als auf den (gehobenen) Fachhandel. Dementsprechend werden die passenden Weine eingereicht. Ein positiver Aspekt ist, dass der Konsument herausfinden kann, ob ihm die Weine eines bestimmten Wettbewerbes besonders schmecken. Und anhand dieser Badges findet er die Flaschen dann schneller im Markt. Ich habe beobachtet, dass jeder Veranstalter mit seiner Ausrichtung auf einen ganz speziellen Markt abzielt.

Alle Competitions haben ihre eigenen Statistiken und Berechnungen, wie die Medaillen vergeben werden. Das heißt, es wäre – muss aber nicht – gut, wenn eine gewisse Anzahl an Medaillen vergeben werden können. Denn ehrlicherweise handelt es sich hier ja um ein lukratives Geschäft, nämlich die Vermarktung von Weinen.  

Werdet ihr als Juroren vorab eigentlich gebrieft, nach welchen Kriterien ihr bewerten sollt – oder wie sich die Punkte zusammensetzen?

Nicole Wolbers: Es gibt ja leider keine einheitlichen Kriterien. Im Laufe der Zeit hat tatsächlich jeder Wettbewerb sein eigenes System entwickelt, dennoch mit dem gleichen Ziel, die besten Weine herauszufiltern. Was indes fast überall die Norm ist: Alle nutzen die 100-Punkte-Skala, die einst Robert Parker eingeführt hat. Und in der Regel ist es so, dass du zum Beispiel ab 84 Punkte eine Bronze-Medaille bekommst, ab 92 dann Silber und ab 96 kommt dann Gold. Manche toppen das ja noch mit Großem Gold oder Platin, das sind dann die Weine, die in den Vorrunden Gold erzielt haben. Diese Weine stellt man zu einer finalen Bewertung nochmals zusammen.

Wie sich die Punkte zusammensetzen, ist jedoch immer unterschiedlich. Von daher kann ein Wein bei einem Wettbewerb Gold erhalten, bei dem anderen aber “nur” Silber. Zu Beginn der Veranstaltung wird das jeweilige Bepunktungssystem den Juroren vorgestellt. Manchmal bepunktet man noch auf Papier, aber der Trend geht stark auf die Eingabe am Laptop. Das geht schneller, die Punkte rechnen sich von alleine zusammen und man erhält sofort einen Überblick. Bewertet werden unter anderem unterschiedliche Aspekte wie Farbe, Nase, Gaumen, Fehler, also die klassische Methode. Vereinzelt wird nur der Gesamteindruck verlangt, dann schreibt man sich seine detaillierte Bewertung als Notiz an den Rand. Das ist vor allem bei englischen Wettbewerben der Fall.

Wie wichtig ist als Juror eigentlich der eigene Weingeschmack?

Nicole Wolbers: Ich finde, weniger wichtig. Im Gegenteil! Er kann hinderlich sein, deswegen sollte man sein eigenes Gusto ausblenden. Es gibt Teilnehmer, die hier nicht differenzieren können. Und das funktioniert halt einfach nicht. Sicherlich ist man geprägt von seiner Erfahrung und Geschmackswelt, dennoch sollte man den Wein so objektiv wie möglich bewerten. Man muss zudem ja auch immer das Große und Ganze vor Augen haben. Je nach Informationen, die die Wettbewerbe zur Verfügung stellen, weiß man vielleicht, dass man zum Beispiel. einen günstigen Wein im Glas hat. Dann kann man nicht einfach die gleiche Tiefe und Komplexität wie bei einem teureren 20-Euro-Wein erwarten. Man muss schon umschalten können. Aber was beide Weine gemein haben: sie müssen gut gemacht sein und etwas für das Preisniveau anbieten. Fehlerhafte Weine werden in keiner Kategorie durchgelassen. Deshalb werden für die Wettbewerbe Menschen mit verlässlichen und konstanten Verkostungsfähigkeiten gesucht. Wenn man seinen Job gut macht, wird man gerne auch für andere Wettbewerbe empfohlen.

Weinfrau Nicole Wolbers im Porträt
Behält beim Wein stets den Überblick: Nicole Wolbers. © Stella Costa Photography/Nicole Wolbers

Wie kann ich mir generell so einen Bewertungsprozess vorstellen? Sitzt man da alleine und bewertet? Oder findet das in kleinen Gruppen statt?

Nicole Wolbers: Das ist sehr unterschiedlich. Bei jedem Wettbewerb wird das anders gehandhabt. Meistens sitzt du aber in einer Fünfergruppe und bewertest den Wein zunächst für dich alleine. Geleitet wird die eine Gruppe von einem Senior, der schon oft mit dabei war. Wenn dann die Punkte der einzelnen Teilnehmer bei der Bewertungsbekanntgabe zu krass voneinander abweichen, kann man gemeinsam diskutieren, was ich persönlich sehr, sehr gut finde. Wichtig ist zu erwähnen, dass man zu Beginn einen Kalibrierwein erhält, um zu sehen, wie jeder beurteilt. Es gibt aber auch das komplette Gegenteil. Dann sitzt du wirklich ganz alleine in einer Art Kabine und arbeitest die einzelnen Weine ab. Da brauchst du schon eine Menge Erfahrung, um konstant und sicher zu beurteilen.

Wie viele Weine verkostest du eigentlich während eines Wettbewerbs durchschnittlich am Tag?

Nicole Wolbers: Auch das wird unterschiedlich gehandhabt! Die Mehrheit der Wettbewerbe ist sehr gaumenfreundlich. Da hast du so zwischen 60 und 100 Weine am Tag, die am Vormittag verkostet werden. Dagegen gibt es wenige, bei denen am Tag 250 Weine gefühlt im 2-Minuten-Takt bewertet werden müssen. Das ist schon sehr anstrengend, und auch hier gilt, die Erfahrung zählt, um den Weinen gerecht zu werden.

Kann man einen Wein in zwei Minuten überhaupt verstehen und ihm gerecht werden?

Nicole Wolbers: Es gibt viele Weine, die man in kürzerer Zeit beurteilen kann. Da durch das Einschenken der Wein atmen kann, er vorab geöffnet wurde und die Temperatur stimmt. Aber ich hatte auch einmal einen aromatischen Flight mit Gewürztraminer und Co, die zudem auch – für meinen Geschmack – zu kalt serviert wurden. Da versucht man, den Wein mit den Händen noch irgendwie zu erwärmen, was aber nur bedingt möglich ist. Man sollte auf alle Fälle den Service darauf hinweisen. Die Weine werden ja zusammen im Kühlraum gekühlt und so kann das schon mal vorkommen. Gute Veranstalter korrigieren dies umgehend. Was mir in einem Wettbewerb sehr gut gefallen hat, dass die Verkoster immer wieder überprüft wurden. Sprich: ein Wein aus einem Flight, den man bereits bewertet hatte, kam noch einmal ins Glas. So können die Veranstalter vor allem bei neuen Juroren gut herausfinden, wie verlässlich die Verkostungsfähigkeiten sind.

Wie bereitest du dich und deinen Gaumen auf einen Wettbewerb vor?

Nicole Wolbers: Es ist schon wichtig, am Ball zu bleiben. Sonst überforderst du deinen Gaumen. Regelmäßige Verkostungen sind da also Pflicht. Zum Glück kann ich aber auch inzwischen auf meine Erfahrung zurückgreifen. Man kann so zum Beispiel viel schneller clustern. Man erkennt Weine schneller und kann dementsprechend flott das gängige Geschmacksprofil abrufen, dabei aber flexibel für neue Nuancen bleiben. Wenn man weiß, was man im Glas hat, weiß man auch, worauf man bei einem Wein achten sollte.

Allerdings kann man sich auf solche anstrengenden Beurteilungen mit 250 Weinen am Tag nicht wirklich vorbereiten. Das schafft man – oder man schafft es nicht. Oder es hängt dann noch von den Flights ab. Hast Du einen Flight mit vielen tanninhaltigen Rotweinen, gefolgt von hoch säurehaltigen Rieslingen, dann ist das schon heftig für die Geschmacksnerven. Bei einem dieser Wettbewerbe war für mich nach drei Tagen Schluss. Da war mein Gaumen durch, beziehungsweise es half auch nicht mehr Brot zu kaufen oder zwischendurch viel Wasser zu trinken. Der Gaumen kann sich bei der Masse irgendwann nicht mehr schnell genug erholen. Deshalb achte ich mittlerweile genau darauf, bei welchem Wettbewerb ich an wie vielen Tagen teilnehme. Schließlich fühle ich mich dem Winzer gegenüber verpflichtet, seine Weine professionell zu verkosten und zu beurteilen.

Frau verkostet einen deutschen Sekt und macht sich Notizen
Schaumweine sind ihre große Leidenschaft. © Stella Costa Photography/Nicole Wolbers

Welcher Wettbewerb war für Dich bis jetzt eigentlich der spannendste?

Nicole Wolbers: Dazu gehören mit Sicherheit auch die englischen Competitions. Einfach, weil da eine ganz andere Art und Vielfalt von Wein ins Glas kommt. Da sind oft sehr gute Qualitäten zum Beispiel aus Übersee oder Osteuropa, aber auch neue Trends wie Pet Nat oder neue Weinregionen am Start. Sicherlich sind dies Gründe dafür, dass diese Wettbewerbe in der internationalen Weinwelt einen sehr hohen Stellenwert genießen. Aber auch, weil die britische Insel für sehr viele Produzenten der Weinwelt einen sehr attraktiven und besser bepreisten Markt darstellt. Größere deutsche Wettbewerbe sind mir da – dem deutschen Markt entsprechend – doch sehr stark von Weinen aus Frankreich, Italien und Spanien geprägt. Ein Wunsch von mir: Deutsche Wettbewerbe könnten noch vielseitiger sein. Aber das wird sich in Zukunft sicherlich noch ändern, wenn die hiesigen Konsumenten neugieriger werden, Stichwort Nature oder Orange Weine, oder auch neue Produktionsländer wie zum Beispiel Brasilien oder Asien, die ihre Weine in Deutschland anstellen.

Gibt es trotzdem ein deutsches Wettbewerbs-Highlight für dich?

Nicole Wolbers: Auf jeden Fall! Der Deutschen Sektpreis! Die Qualitäten und auch die Stilistiken waren recht unterschiedlich, aber genau das spiegelt den deutschen Sekt aktuell wider. Es macht Spaß, zu sehen, auf welch einem guten Weg die deutschen Sektmacher sind. 

Genießt du Wein privat anders, seitdem du auch für Wettbewerbe verkostest?

Nicole Wolbers: Ja, in gewisser Weise schon. Ich achte jetzt auch privat viel genauer auf die Facetten und die einzelnen Aspekte. Allerdings gehe ich privat noch einen Schritt weiter und verkoste gerne nochmal später nach, um zu schauen, wie sich der Wein entwickelt. Diese Möglichkeit habe ich bei Wettbewerben eher selten oder gar nicht.

Eine letzte Frage noch, liebe Nicole Wolbers. Bepunktest du eigentlich auch privat die Weine, die du im Glas hast?

Nicole Wolbers: In der Tat. Ich habe mein eigenes 10-Punkte-System. Von dem 100-Punkte-Schema halte ich persönlich nur bedingt etwas, da es einen größeren Spielraum erlaubt und es ehrlicherweise sehr schwer ist, einen 95-Punkte-Wein von einem 96-Punkte-Wein zu unterscheiden. Mit der 10er-Skala muss ich einfach deutlichere Unterschiede machen und mich entscheiden, finde ich den Wein gut, super gut oder einfach nur schlecht. Ist nicht einfach, aber ich finde es in der Aussage klarer.

Copyright Titelbild: © Stella Costa Photography/Nicole Wolbers

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben, noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich die persönliche Meinung von Nicole Wolbers wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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