Cartoon von einer Online-Weinprobe mit vier Freunden

Online-Weinprobe: Ein Plädoyer für virtuelle Tastings

Im vergangenen Jahr hat sich in der Weinbranche viel getan. Zwangsläufig. Ein Trend hat sich dabei klar herauskristallisiert. Die Online-Weinprobe. Die auch hoffentlich nach der Pandemie weiterleben wird. Denn virtuelle Verkostungen sind nicht bloß ein Notbehelf.

Hotels dicht, Gastronomie zu, Messen abgesagt, Veranstaltungen gecancelt. Covid-19 hat unsere Leben ganz schön durcheinander gewirbelt. Einige Branchen kamen und kommen besser weg als andere. Neue Wege muss aber so gut wie jede gehen. Für den Weinmarkt brachte die Pandemie zum Beispiel eine Turbo-Digitalisierung mit sich. Weingüter bauten fleißig Webshops, der stationäre Handel, der über die Online-Konkurrenz zuvor die Nase rümpfte, tummelte sich nun auch im Internet. Und es etablierte sich schnell eine ganz bestimmte Sache. Die Online-Weinprobe.

Mit ihr wurden seitdem nicht nur zahlreiche Weinseminare, die nicht mehr stattfinden durften, ersetzt, sondern sogar ganze Messen. Für den privaten wie für den professionellen Weintrinker. Ja, für Online-Weinproben wurden sogar eigene Plattformen geschaffen. Und so mancher Winzer ist inzwischen ein beinharter YouTube-Spezialist. Während der Profibereich virtuell Kontakt zueinander hält und sich weiter vernetzt, können private Weinliebhaber aus einer ungeheuer großen Bandbreite an Online-Weinproben schöpfen. On nun direkt vom Winzer, vom Händler oder sonstigen Veranstaltern. Die virtuellen Tastings boomten – und tun es immer noch.

Online-Weinprobe des Weinguts Braunewell
Seit Pandemiebeginn hat sich die Online-Weinprobe etabliert. © Weingut Braunewell/Deutsches Weininstitut

Weinproben und der Sozialfaktor

Klar, die soziale Komponente einer Weinverkostung fehlt. Und zwar gehörig. Damit ist nicht nur das Treffen mit anderen Weinliebhabern gemeint. Das gehört natürlich auch dazu. Der Austausch miteinander. Andere Menschen mit anderen Geschmäckern und anderen Wahrnehmungen, die dadurch auch den eigenen Weinhorizont erweitern. Nicht in eine Kamera glotzend, sondern gemeinsam entspannt an einem Tisch sitzend. Eben ohne dass man durch zwei Bildschirme voneinander getrennt ist.

Ein weiterer Aspekt: man kommt mal raus. So eine Verkostung, egal, ob von einem Weinhändler oder privat organisiert, ist doch eine schöne Abwechslung. Ausgehen halt, sich sozialisieren. Selbiges gilt natürlich auch für alle anderen vinophilen Veranstaltungen. Von der Messe bis zur gemeinsamen Weinwanderung. All das wird es hoffentlich auch bald wieder geben. Und trotzdem wünsche ich es mir sehr, dass die Online-Weinprobe nicht aus der Mode kommen wird. Ich verrate euch auch, warum.

Leere Gläser in einer Reihe, die mit Wein befüllt werden.
Es gibt inzwischen eine Alternative zu analogen Verkostungen. ©MonicaVolpin/Pixabay

Mehr Abwechslung dank Online-Weinprobe

Wie oft habe ich vor Covid-19 von Weinveranstaltungen gelesen, die mich interessierten. Einmal quer durch die Republik und wieder zurück, um dann auch noch den ein oder anderen Abstecher ins europäische Ausland zu machen. Mal abgesehen davon, dass meine Urlaubstage vorne und hinten nicht gereicht hätten – ich wäre im ersten Quartal bereits bankrott gewesen. Nicht nur wegen der Teilnahmegebühren, die da eventuell erhoben wurden. Sondern auch, weil Hamburg nicht eben der Weinnabel der Welt ist. Die Strecken hätten sich zu sehr summiert.

Dann kam die Pandemie und damit auch die Online-Weinprobe in mein Leben. Zuerst nur als Zuschauerin, später dann auch mal moderierend. Reisekosten hatte ich keine, konnte vom heimischen Wohnzimmer aus aber konsequent raus in die Weinwelt. Den einen Abend ging’s an die Rhône, den anderen zum Roten Hang. Ich durfte den Erklärungen von Francesco Ricasoli lauschen und lernte noch manch anderen Winzer virtuell kennen. Es gab Wochen, da jagte eine Online-Weinprobe die nächste. Das machte nichts, denn alle ließen sich prima in meinen Alltag integrieren. Ich musste ja nicht extra anreisen, die Weine bekam ich bequem nach Hause geliefert. Mit Jogginghose konnte ich so vorm Bildschirm sitzen und gemeinsam mit dem Deutschen Weininstitut die deutschen Anbaugebiete entdecken. Wo ich sonst Absagen erteilen musste, weil ich einfach nicht alle Einladungen von Weingütern annehmen konnte, durfte ich dank Online-Weinprobe beherzt zur Jasagerin werden.

Frau liegt auf einem Sofa mit einem Glas Rotwein in der Hand, Kopfhörer auf und Handy in der Hand
Bequem vom Sofa aus digital die Weinwelt entdecken. © Deutsches Weininstitut

Fortbildung dank Online-Weinprobe

Auch beruflich ging das munter so weiter. Nun ist es ja kein großes Geheimnis, dass ich für einen Online-Weinhändler tätig bin. Digitales Arbeiten war auch schon vor Covid-19 vollkommen normal für mich. Was sich geändert hat: ich bildete mich jetzt auch online fort. WSET3? Gar kein Problem! Vor allem dank der Online-Weinproben, die ich mit Kommilitonen gemacht habe, um zu “trainieren”.

Nicht zu vergessen, dass ich auch mit einer Freundin aus den Vereinigten Staaten digital für WSET3 fachsimpeln konnte. Man trifft sich im Wohnzimmer – und gleichzeitig in den Weiten des Internets. Selbiges gilt auch für Tasting-Runden mit diversen Weinprofis, an denen ich inzwischen regelmäßig teilnehmen darf. Berlin, Amsterdam, Zürich, Wien, London, New York und Hamburg – alle vereint zur regelmäßigen Online-Weinprobe. Solch eine Konstellation gibt es im “realen Leben” dann doch nicht soooo häufig.

Online-Weinprobe: Frau schenkt Rotwein in ein Glas
Ohne Online-Weinprobe bliebe derzeit so manches Glas leer. © JillWellington/Pixabay

Digitales Weinwissen ohne Ende

Versteht mich bitte nicht falsch. Auch mir fehlt das Reisen, der persönliche Kontakt. Und ich freue mich bereits jetzt schon wie ein Wiener Schnitzel, wenn die Impfungen erst einmal durch sind und man bedenkenlos reisen kann. Von den ganzen privaten Weinrunden, die seit über einem Jahr auf Eis liegen, mal ganz abgesehen. Trotzdem möchte ich auch weiterhin die Möglichkeit von Online-Weinproben nutzen können. Weil sie noch mehr Weinvielfalt in mein Leben gebracht haben, super in den Alltag integriert werden können und weil sie mir einen echten Mehrwert bieten.

Ich habe noch nie derart viel Weinwissen in mich aufgesogen wie in diesen Pandemie-Monaten. Deswegen hoffe ich sehr, dass analoge und digitale Welt in einer friedlichen Koexistenz leben können. Bei den Profi-Veranstaltungen für Handel und Gastronomie sehe ich meine Felle da allerdings bereits jetzt wegschwimmen. Inzwischen gibt es weit aus mehr Einladungen zu Präsenzveranstaltungen als zu Online-Events. Einzig die Anbieter, die ihre Präsentationen optimiert haben und Weine nicht mehr in Normalflaschen, sondern in kleinen Probeeinheiten verschicken, sind auch weiterhin digital sehr aktiv. Kommt halt immer darauf an, wie gut man sich mit einer Situation arrangiert. Diese Mini-Verkostungsflaschen sind meiner Meinung nach ein echter Segen für jeden, der sich nicht nur aus Genussgründen mit Wein beschäftigt. Leider haben diesen Zug einige Veranstalter verpasst. Aber das nur am Rande.

Frau sitzt mit einem Laptop auf dem Schoß auf einem grauen Sofa
In Sachen Wein ist der Laptop nicht mehr wegzudenken. © picjumbo/Pixabay

Hat die Online-Weinprobe eine Zukunft?

Im privaten Bereich sind Normalflaschen natürlich Gang und Gäbe. Da kommt zuerst der Genuss und dann das Wissen. Das ist schon aufwendiger und mit größeren Kosten verbunden. Trotzdem wünsche ich es mir von Herzen, dass gerade die kleineren Winzer, die nicht ganz so doll mit Glitzer, Glamour und Prämierungen, dafür aber mit grundehrlichen und charakterstarken Weinen aufwarten können, das Format der Online-Weinprobe nicht aufgeben. Gerade weil es für den ein oder anderen Weinliebhaber eben nicht möglich ist, regelmäßig durch das Land zu turnen, um alle Winzer zu besuchen, die einen interessieren. Da ist die Online-Weinprobe schon ein sehr gutes Instrument, um Kunden auch weiterhin zu binden.

Und auch beim Thema Wein und Wissen wird mein Lernleben weiterhin hauptsächlich digital bleiben. Die Gruppen sind inzwischen derart international gemischt, dass die Online-Verkostungen einfach der beste Weg sind. Aber genug von mir! Was mich interessieren würde: Wie digital ist denn eure Weinwelt geworden? Nehmt ihr auch regelmäßig an Online-Weinproben teil? Oder ist und bleibt Wein eine rein analoge Angelegenheit für euch?

Copyright Titelbild: © ninanaina/iStock

*Dieser Text wurde weder beauftragt noch vergütet und spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen ausschließlich Service-Zwecken.

Kommentar verfassen