Blick vom Roten Hang in Nierstein auf den Rhein

Roter Hang: Rheinhessens Lagen-Legende

Ob nun Orbel, Hipping oder natürlich Pettenthal – es gibt wenig Einzellagen in Rheinhessen, die derart viel Strahlkraft haben. Was sie eint: sie alle drängen sich dicht an dicht in einem Weinbaubereich, der inzwischen unter Winzern und Weinliebhabern einen echten Kultstatus hat. Stichwort Roter Hang. Und den schauen wir uns jetzt mal genauer an.

Rheinhessen ist nicht eben mit legendären Weinlagen gesegnet. Zumindest nicht, wenn man die Weinregion mit anderen wie Mosel, Pfalz oder Baden vergleicht. Dem sanften Hügelland fehlt es da an Steilheit. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und die wichtigste Ausnahme hat einen Namen, der seit Jahren für verzückte Gesichter sorgt. Tendenz steigend. Roter Hang hier, Roter Hang dort. Mit ihrem Rotliegenden ist die steile Formation inzwischen in aller Weinliebhabermunde. Im wahrsten Sinne des Wortes. Hier sind sie alle vereint, die renommierten Einzellagen Rheinhessens, nach denen sich inzwischen nicht nur Riesling-Enthusiasten die Finger lecken. Grund genug, um dem Roten Hang mal etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Am linken Rheinufer erstreckt sich der Rote Hang auf fünf Kilometern zwischen Nackenheim und Nierstein. An einigen Stellen ist er gerade einmal 200 Meter breit, an anderen wiederum 800 Meter. Optisch prägt er die sogenannte Rheinfront. Und das nicht zu knapp! Denn die Weinberge ragen hier teilweise sehr steil auf. Was allein für sich schon sehr beeindruckend ist. Scheint dann aber noch die sommerliche Abendsonne auf die Reben, wird klar, woher der Rote Hang seinen Namen hat. Denn tatsächlich leuchtet er dann herrlich-faszinierend rot. Schuld daran ist der Boden. Schauen wir uns mal genauer an, wie es zu diesen beiden prägnanten Merkmalen kam.

Blick auf den Roten Hang in Nierstein
Willkommen am Roten Hang! ©Deutsches Weininstitut (DWI)

Roter Hang: Geschichte und Geologie

Zu verdanken ist diese majestätische Optik, die übrigens auch “Niersteiner Formation” heißt, der, wie sollte es anders sein, Erdgeschichte. Vor etwa 280 Millionen Jahren bildete sich zunächst der Boden. Dieser besteht bis heute vor allem aus Ton- und Sandstein, erinnert aber auch ein wenig an Schiefer. Zunächst war es ein ganz normaler Boden, der sich verdichtete, als das Mainzer Becken mit Wasser füllte und der Rheingraben aufgrund des steigenden Drucks einbrach. Im Verlauf des Tertiär, einem Zeitalter, das ein subtropisches Klima in die Gegend brachte, färbte sich der Boden dann aufgrund von eingelagerte Eisenverbindungen rot. Somit entstand also das, was wir heute Rotliegendes nennen. Womit klar ist, woher der Rote Hang seinen Namen hat.

Fehlte damals halt nur noch der Hang. Der kam am Tertiär-Ende zustande, als sich vor etwa 2,6 Millionen Jahren eine Erdkrustenscholle anhob. Tektonisch war damals mächtig viel los in der Gegend. Durch die Kraft dieser Erkrustenverschiebung ragte die Abbruchkante steil aus dem Wasser hervor. Voilà: Roter Hang fertig. Es dauerte noch eine ganze Zeit, bis sich das Wasser zurückzog und Rhein wie Roter Hang die Formen annahmen, die wir heute kennen. Aber im Großen und Ganzen war das damals die Geburtsstunde.

Rebflächen in Nierstein am Roten Hang
Roter Hang: Blick auf die Rebflächen in Nierstein. ©Deutsches Weininstitut (DWI)

Klima-Besonderheiten

Nicht minder beeindruckend wie die Geologie, an deren Entwicklungsende die ebenso roten wie kargen Böden standen, die jetzt für Reben so ideal sind, ist aber auch das Klima. Denn am Roten Hang ist es warm. Die Lagen sind nach Süden bzw. Südosten ausgerichtet und wenden sich konsequent gen Rhein. Auf die steilen Hänge scheint also konsequent die Sonne. Zusätzlich reflektiert der Fluss die Strahlen und sorgt für zusätzliche Wärme. Hinzu kommt, dass auch das Rotliegende ein idealer Wärmespeicher ist.

Reben, die am Roten Hang gedeihen, finden also ideale Bedingungen vor, um ausreifen zu können. Wobei das jetzt alles schon ein wenig allgemein beschrieben ist. Denn von Lage zu Lage ändert sich das Mikroklima hier. Ebenso wie die Bodenzusammensetzung. Deswegen sollte und darf man hier nicht alles über einen Kamm scheren. Tatsächlich umfasst der Rote Hang zehn Einzellagen, die alle höchst eigenständig sind:

  • Brudersberg
  • Glöck
  • Heiligenbaum
  • Hipping
  • Kranzberg
  • Ölberg
  • Orbel
  • Pettenthal
  • Rothenberg (zum Teil nur Roter Hang)
  • Schloss Schwabsburg

Es würde an dieser Stelle zu weit gehen, auf jede Einzellage und deren Besonderheiten detailliert einzugehen. Deswegen wird (fast) jede von ihnen hier nach und nach einen eigenen Text bekommen. Aufmerksamkeit haben sie nämlich alle verdient.

Roter Hang und der Rhein
Auch der Rhein hat einen klimatischen Einfluss auf den Roten Hang. ©Deutsches Weininstitut (DWI)

Roter Hang: Alles Riesling, oder was?

Bekannt geworden ist der Rote Hang unter Weinliebhabern vor allem wegen einer Rebsorte. Riesling. Zwar bringen die Einzellagen höchst unterschiedliche Charakteristiken in die Weine, was man aber generell sagen kann: Riesling gelingt hier besonders tief und kraftvoll, ohne dabei aber an Finesse zu verlieren. Die Säure ist meist moderater, der Alkohol ebenso. Dafür ist die Fruchtfülle konzentrierter. Hört sich gut an? Ist es auch! Kein Wunder, dass die besten Lagen am Roten Hang einst der deutschen Paraderebsorte Nummer 1 vorbehalten waren.

Geändert hat sich das erst im Jahr 2007, als Winzer Felix Peters seine besten Parzellen mit Blaufränkisch statt mit Riesling bestockte. Und damit für mächtig Wirbel sorgte. Rotwein vom Roten Hang? Never ever! Aber Peters erkannte, dass die Bedingungen hier eben auch für rote Reben ideal waren. Spätburgunder wollte er hier nicht pflanzen, das schien ihm aufgrund des mineralischen Bodens unpassend. Er wollte aber auch nicht die x-te Bordeaux-Cuvée machen. Und weil er eine Zeitlang beim Weingut Schloss Halbturn im österreichischen Burgenland tätig war, wusste er Blaufränkisch sehr zu schätzen. Die Wahl war also getroffen.

Einzellage Brudersberg in Nierstein
Einzellage Brudersberg im Abendlicht. ©Deutsches Weininstitut (DWI)

Winzer und der Rote Hang

Was 2007 noch mächtig für Aufsehen sorgte, ist heutzutage normal. Natürlich dominiert nach wie vor Riesling. Aber inzwischen sieht man auch immer mehr rote Reben. Zum Beispiel doch Spätburgunder, der in einigen Lagen besonders konzentrierte Weine hervorbringt. Und immer mehr Blaufränkisch. Da brach nicht zuletzt St. Antony eine Lanze für. Das Weingut besitzt am Roten Hang übrigens die meiste Rebfläche. Außerdem gehört es zu den 30 Winzern, die sich für die Initiative Weine vom Roten Hang e.V. zusammengetan haben. Gemeinsam macht man bekanntlich besser Marketing. Und Veranstaltungen wie die Riesling Lounge, Gratwanderung und natürlich auch die Weinpräsentation am Roten Hang locken Jahr für Jahr enorm viele Weinliebhaber nach Rheinhessen.

Neben St. Antony gehören auch Weingüter wie Gröhl, Eimermann, Schneider Müller, Gunderloch, Fritz Ekkehard Huff, Kai Schätzel, Louis Guntrum, Gehring oder Philipp Wedekind sowie die Familie Kopp und das Weingut Georg Gustav Huff mit zur Initiative. Die rund 200 Hektar Rebfläche wird allerdings von noch vielen weiteren Winzern bewirtschaftet. Unlängst gesellte sich etwa Jungwinzerin Julia Schittler zu der illustren Runde, nachdem sie eine Parzelle in der legendären Einzellage Pettenthal erwarb. Und auch Winzer-Ikone Klaus Peter Keller nennt hier Rebfläche sein Eigen. Lauter bekannte Namen also, deren Weine ebenso unterschiedlich wie spannend sind. Ein Ausflug im Glas lohnt sich also garantiert nicht nur einmal. In diesem Sinne: Roter Hang, wir kommen!

Copyright Titelbild: © Deutsches Weininstitut (DWI)

*Dieser Text wurde weder beauftragt noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

11 Kommentare

  1. Vielen lieben Dank für deinen tollen und wirklich umfangreichen Beitrag. Ich trinke sehr gerne Wein. Durch Corona bin ich auf Weine aus Deutschland erst aufmerksam geworden. Sonst habe ich Wein aus Urlauben in Spanien und Frankreich mitgebracht.

    liebe Grüße
    Annalena

    1. Moin Annalena! Danke für deinen Kommentar! 😊 Deutsche Weine sind einen genaueren Blick wert. Wir haben hier echt tolle Qualitäten am Start. Vor allem im Weißweinbereich. Wobei auch ich einen schönen Wein aus Spanien oder Frankreich sehr zu schätzen weiß. Oder auch aus Österreich, Südafrika, Italien oder Australien. Die Weinwelt ist echt riesig. Genau diese Vielfalt macht sie für mich so spannend. Einen schönen Abend dir und herzliche Grüße Nicole

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