Weinstraßen in Deutschland: Ein Überblick für dich
Die Deutsche Weinstraße ist die bekannteste, die Badische Weinstraße die längste Reben-Route, die man in Deutschland durchfahren kann. Aber auch andere Anbaugebiete warten mit sehr unterschiedlichen Weinstraßen auf. Entdecke hier die jeweiligen Highlights – und lerne zugleich auch etwas über den düsteren Ursprung der Weinstraßen in Deutschland.
Wein zu genießen, ist ja an sich schon etwas sehr schönes. Manchmal wird’s aber noch schöner, wenn man ihn direkt am Ort seines Entstehens im Glas hat. Und genau das kann man eigentlich nirgendwo besser und komprimierter machen als während einer Tour auf einer der vielen Weinstraßen, die Deutschland zu bieten hat.
Bevor wir uns aber die einzelnen Weinstraßen genauer anschauen, müssen wir zunächst ein düsteres Kapitel in der Geschichte des deutschen Weintourismus aufschlagen. Denn auch wenn sich die Tourismus-Magnete heutzutage romantisierend vermarkten und präsentieren, liegt dem Anfang eine wirtschaftliche Notlage zugrunde, die man mit NS-Propaganda löste.
Vom „Kampf dem Verderb“ zum Tourismusmagnet: Die historischen Wurzeln
Wusstest du, dass wir hierzulande mit der Deutschen Weinstraße die älteste Weinstraße der Welt haben? Man mag ja meinen, dass die Franzosen oder Italiener diese Idee zuerst gehabt hätten. Aber weit gefehlt! Auch ist diese Art, den Weintourismus zu pushen, noch nicht einmal 100 Jahre alt.

So wurde die Deutsche Weinstraße zum Beispiel erst am 19. Oktober 1935 feierlich in Bad Dürkheim eingeweiht. Und die Idee dahinter war auch nicht, Menschen einen schönen Urlaub zu bereiten. Denn Anfang der 1930er-Jahre saßen die Winzer in der Pfalz auf vollen Kellern. Zudem waren die Weinpreise im freien Fall. Beides bedrohte die Existenz vieler Betriebe. Der NS-Gauleiter Josef Bürckel initiierte daraufhin die Weinstraße als eine Art gigantische Marketingmaßnahme. Unter dem martialischen Slogan „Kampf dem Verderb“ sollten der Weinkonsum angekurbelt und Touristen in die Region gelockt werden.
Von Weinstraßen, Propaganda und der Nachkriegszeit
Die Nationalsozialisten nutzten die Route geschickt für ihre Propaganda, inszenierten Weinfeste als „Volksgemeinschaft“ und banden die Landschaft in ihre Blut-und-Boden-Ideologie ein. Und ja, das alles war wirtschaftlich sowie politisch höchst erfolgreich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam dann allerdings der große Katzenjammer. Nun hatte man da die Deutsche Weinstraße, die prächtig funktionierte – aber eben auch die Altlasten der Nazi-Ideologie. Die Entscheidungsträger der noch jungen Bundesrepublik gingen das Dilemma von der wirtschaftlichen Seite an. Nicht von der moralischen oder gar ethischen.
Also ging man so vor, wie in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens auch: Man kehrte die NS-Vergangenheit unter den Teppich und setzte stattdessen auf Lebensfreude, Völkerverständigung (besonders mit dem nahen Frankreich) und den wirtschaftlichen Aufschwung. Mit der Zeit wuchs dann halt einfach Gras drüber. Heute erinnert kaum etwas an den dunklen Ursprung der Deutschen Weinstraße. Sie wird – ebenso wie alle anderen Weinstraßen – als romantisierter Tourismus-Magnet wahrgenommen. Was auch irgendwie verdient ist. Denn die Routen sind tatsächlich wunderschön. Du ahnst, was kommt. Wir schauen uns nach dem dunklen Abstecher in die Vergangenheit jetzt mal die freundlichen und hellen Highlights der unterschiedlichen Routen an.
Deutsche Weinstraße

Sie ist die Mutter aller Weinstraßen und unser erster Stopp. Auf rund 85 Kilometern schlängelt sich die Deutsche Weinstraße durch das zweitgrößte Weinbaugebiet Deutschlands, die Pfalz. Du startest am besten ganz im Norden in Bockenheim und fährst gemütlich bis zum Deutschen Weintor in Schweigen-Rechtenbach an der französischen Grenze.
Das absolute Highlight erlebst du hier im Frühling: Die Mandelblüte taucht die ganze Region in ein zartrosa Licht, noch bevor der Rest der Republik aus dem Winterschlaf erwacht. Aber auch im Herbst lockt der Wurstmarkt in Bad Dürkheim – das größte Weinfest der Welt. Hier spürst du den Herzschlag der Region, wenn der Riesling in den Dubbegläsern funkelt.
Römische Weinstraße

Jetzt machen wir einen Sprung an die Mosel. Genauer gesagt in die Region, wo Geschichte immer noch atmet. Die Römische Weinstraße folgt den Spuren der antiken Eroberer, die den Weinbau einst zu uns brachten. Du fährst hier durch eine Landschaft, die den Riesling weltberühmt machte.
Von Schweich bis Leiwen reiht sich eine spektakuläre Moselschleife an die nächste. Schau’ dir unbedingt die römischen Kelteranlagen an. Nirgendwo sonst spürst du so intensiv, dass Weinbau ein jahrtausende altes Handwerk ist. Der Schieferboden gibt den Weinen hier diese unverwechselbare, fast schon elektrische Mineralität.
Badische Weinstraße

Einmal anschnallen, bitte. Diese Reise wird jetzt lang. Denn die Badische Weinstraße zieht sich über 500 Kilometer wie ein grünes Band am Schwarzwaldrand entlang – von Baden-Baden bis hinunter nach Weil am Rhein an der Schweizer Grenze. Hier bist du in Deutschlands Sonnenstube.
Die Route führt dich durch so unterschiedliche Bereiche wie die Ortenau, den Kaiserstuhl und das Markgräflerland. Dein Glas füllst du hier vorzugsweise mit Burgundersorten. Ein Stopp am Kaiserstuhl ist Pflicht: Auf den vulkanischen Böden entstehen Spätburgunder von internationaler Klasse, die so viel Feuer haben wie die Region Sonne.
Weinstraße Taubertal

Willkommen im „lieblichen Taubertal“. Diese Route ist etwas für Romantiker und Liebhaber historischer Gemäuer. Sie führt dich durch eine Landschaft, die wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Weinberge, Wiesen und mittelalterliche Städtchen wie Rothenburg ob der Tauber prägen das Bild. Hier treffen Franken, Baden und Württemberg aufeinander. Probier’ unbedingt den Tauberschwarz, eine autochthone Rebsorte, die fast in Vergessenheit geraten wäre. Oder genieße einen frischen Rotling auf einer der vielen sonnigen Terrassen.
Ferienstraße Bergstraße
„Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden“, soll Kaiser Joseph II. einst gesagt haben. Und er hatte recht. Die Bergstraße, die sich durch Hessen und Nordbaden zieht, verwöhnt ihre Besucher mit einem extrem milden Klima. Oft blühen hier die Obstbäume schon, wenn anderswo noch Schnee liegt.
Die Strecke von Darmstadt bis Heidelberg ist kurz, aber intensiv. Die steilen Hänge der Hessischen Bergstraße liefern charakterstarke Rieslinge, während Heidelberg mit seiner Schlossromantik den perfekten Abschluss bietet. Ein kleiner Tipp: Vor allem die kleinen Betriebe lohnen sich hier sehr.
Ahr-Rotweinstraße

Jetzt wird es rot! Das Ahrtal ist das Paradies für Spätburgunder-Fans und wohl das spektakulärste Rotweingebiet Deutschlands. Die Ahr-Rotweinstraße verbindet die Weinorte Bad Bodendorf und Altenahr. Du bewegst dich hier durch ein enges Felstal, in dem die Reben an schroffen Schieferfelsen kleben.
Trotz der schweren Flutkatastrophe 2021 haben die Winzer ihren Mut nicht verloren und bauen wieder Weine an, die zur absoluten Weltspitze gehören. Ein Spaziergang über den Rotweinwanderweg, gefolgt von einem Glas Frühburgunder direkt beim Erzeuger, ist gelebte Solidarität und Genuss zugleich.
Naheweinstraße
Die Nahe ist der Geheimtipp für Boden-Nerds. Auf keiner anderen Weinstraße findest du auf so engem Raum eine derartige geologische Vielfalt: Schiefer, Vulkangestein, Rotliegendes, Löss. Die Naheweinstraße führt dich von Bingen bis Kirn durch ein Tal, das wie ein Amphitheater wirkt. Hier probierst du am besten Rieslinge, die oft etwas würziger und kräutriger sind als ihre Mosel-Geschwister. Das Highlight ist der Kurort Bad Kreuznach mit seinen Brückenhäusern und den spektakulären Felsformationen des Rotenfels – der höchsten Steilwand nördlich der Alpen.
Rheingauer Riesling Route

Adel verpflichtet! Im Rheingau zeigt sich der deutsche Wein von seiner aristokratischen Seite. Die Route führt von Wicker bis Lorchhausen, immer den Rhein im Blick, der hier majestätisch breit fließt. Du passierst weltberühmte Klosteranlagen wie das Kloster Eberbach und Schlösser wie Schloss Johannisberg, wo man einst die Spätlese entdeckte. Die Rieslinge hier sind kraftvoll, mineralisch und langlebig. Ein absolutes Muss: Ein Glas Wein am Rheinufer genießen, während die Schiffe an dir vorbeiziehen.
Pfälzer Weinstraße
Moment, hatten wir die Pfalz nicht schon? Ja, aber die Pfalz ist so groß, dass man sie ruhig zweimal erleben kann. Während die Deutsche Weinstraße die offizielle Ferienstraße bezeichnet, meint der Begriff Pfälzer Weinstraße im Volksmund oft das Lebensgefühl vor Ort. Hier fokussieren wir uns auf die unglaubliche Hüttenkultur. Wander’ durch den Pfälzerwald und kehre in den unzähligen Weinstuben ein. Hier bestellst du dann keinen „Wein“, sondern einen „Schoppen“. Es geht um Geselligkeit, um Saumagen und darum, dass man an den langen Holztischen sofort mit dem Nachbarn ins Gespräch kommt. Die Pfälzer Weinstraße ist weniger ein Ort, als vielmehr ein Zustand purer Gastfreundschaft.
Württemberger Weinstraße
Wir fahren ins Ländle! 1993 wurde die Schwäbische Weinstraße eingeweiht, die seit 2004 allerdings Württemberger Weinstraße heißt – und im Zuge der Umbenennung direkt auch erweitert wurde. Von Niederstetten-Oberstetten bis Metzingen erlebst du auf 494 Kilometern eine Landschaft, die von den Flüssen Neckar, Rems und Enz geprägt ist. Die Besonderheit hier: Die Besenwirtschaften. Wenn der „Besen“ draußen hängt, haben die Winzer geöffnet und servieren eigenen Wein und hausgemachte Maultaschen. Lass’ dich hier unbedingt auf den Lemberger ein – er passt perfekt zur deftigen schwäbischen Küche.
Sächsische Weinstraße

Klein, fein und voller Barock-Charme: Im äußersten Osten, entlang der Elbe, findest du eines der kleinsten Weinbaugebiete Deutschlands. Die Sächsische Weinstraße verbindet auf rund 55 Kilometern Pirna mit Diesbar-Seußlitz. Du flanierst hier durch Geschichte pur, vorbei an den prunkvollen Elbschlössern und dem berühmten Schloss Wackerbarth. Eine absolute Rarität, die du nur hier ins Glas bekommst, ist der Goldriesling. Genieße den Blick auf die Elbe, besuch’ Meißen (ja, das mit dem Porzellan) und lass’ von der herzlich-direkten Art der sächsischen Winzer begeistern.
Weinstraße Saale-Unstrut
Unser letzter Stopp führt uns in den hohen Norden des Weinbaus. Rund um Freyburg an der Unstrut und Naumburg an der Saale erstreckt sich eine Landschaft, die an die Toskana erinnert – nur beträchtlich kühler. Hier dominieren terrassierte Steillagen mit romantischen Weinbergshäuschen. Das Klima ist fordernd, was den Weinen (vor allem Müller-Thurgau und Weißburgunder) eine herrlich spritzige Säure verleiht. Besuche den Naumburger Dom, UNESCO-Weltkulturerbe. Und auch wenn man kein Fan von Sekt für die Massen bist, ist ein Besuch der historischen Rotkäppchen-Sektkellerei trotzdem interessant.

Weinstraßen zeigen die Vielfalt des deutschen Weinbaus
Uff, das war jetzt ein ganz schöner Ritt durch die Anbaugebiete! Aber eben auch einer, der mal nötig war. Denn ja, die deutschen Weinregionen sind herrlich unterschiedlich. Es lohnt sich wirklich sehr, sie nicht nur im Glas, sondern eben auch vor Ort zu entdecken. Das macht den Wein von dort nicht nur nahbarer, sondern man bekommt oft auch einen Eindruck davon, wie schwierig es teilweise sein kann, Weinreben zu kultivieren. Mal ganz davon abgesehen, dass es immer eine Freude ist, sich auch direkt mit den Winzern austauschen zu können.
Hast du schon einmal eine der vielen Weinstraßen in Deutschland bewusst bereist? Oder hast du es in nächster Zeit vor? Ich bin gespannt!
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Sali Nicole,
Danke, sehr aufschlussreich. Besonders die dunkle Vergangenheit, das wusste ich nicht. Gruss Markus
Moin Markus, die Nazi-Vergangenheit wurde in Deutschland in vielen Bereichen nur bedingt oder gar nicht aufgearbeitet. Der Weintourismus gehört halt dazu. Das ist jetzt keine Wertung. Die Weinstraßen sind touristisch nach wie vor sehr wichtig – und auch wunderschön. Ich wünsche mir nur, dass es zumindest bei der Deutschen Weinstraße auch einen deutlichen Hinweis auf den Ursprung gibt. Damit nicht vergessen wird.