Hagelflieger: Rebenschutz aus dem Himmel

Hagelflieger in den Wolken.

Obwohl viele Meteorologen an der Wirksamkeit zweifeln, sind Landwirte und Winzer dankbar, dass es so etwas wie Hagelabwehr gibt. Aber wie funktioniert die? Und was machen Hagelflieger genau? Ein paar Antworten.

Um ehrlich zu sein hatte ich vor ein paar Wochen das Thema Hagelflieger noch so gar nicht auf dem Schirm. Bis ich ein äußerst dankbares Facebook-Posting vom Winzer Martin Moser gesehen habe. Äußerst dankbar, weil die Hagelflieger aus Krems gerade in der Luft waren und wohl einen potenziell schlimmen Hagelschlag verhindert haben. Erst da fing ich an, mir Gedanken zu machen. Und zu recherchieren.

Hagelabwehr ist nicht unumstritten. Mal ganz davon abgesehen, dass viele Meteorologen denken, dass sie nicht wirklich funktioniert, gibt es überall dort, wo Hagelflieger starten, auch Initiativen, die genau das verhindern möchten. Aus zweierlei Gründen. Zum einen, weil zwar Bauern (und damit auch Winzer) zwar davon profitieren, wenn ihre Feldfrüchte (bzw. Reben) von dicken Hagelkörnern nicht schwer beschädigt werden, die restliche Natur drum herum aber im Zweifelsfall “verdurstet”. Zum anderen ist da dann noch die Umweltbelastung, die mit jedem Start eines Hagelfliegers einhergeht.

Zwei Hände halten sehr große Hagelkörner
Große Hagelkörner können enormen Schaden anrichten ©andrei32/Pixabay

Hagelabwehr in der Kritik

Womit wir die negativen Aspekte direkt mal abgefrühstückt hätten. Kommen wir zum Thema an sich. Warum gibt es so etwas wie Hagelabwehr – und wie funktioniert sie? Fangen wir an! Immer wieder kann man in den Nachrichten sehen oder von Winzern hören, dass ein Teil ihrer Trauben durch Hagel vernichtet wurde. Selbiges gilt natürlich für die Landwirtschaft generell. Aber bleiben wir – aus Gründen – einfach mal bei den Weinbauern. 😉 Je größer ein Hagelkorn, desto mehr Schaden kann es anrichten. Nicht nur Blätter werden zerfetzt, sondern auch Weinbeeren. Manchmal reißt Hagel durch seine Wucht sogar ganze Trauben ab oder lässt Reben einknicken. Alles schon da gewesen.

Ist eine Beerenhaut erst einmal verletzt, kann alles eindringen, was eindringen will: Bakterien, Pilze, Mücken. Und das war’s dann auch schon mit dem zukünftigen Wein. Deswegen sind Winzer enorm dankbar, wenn ein Hagelschlag verhindert werden kann. In Gegenden mit viel Landwirtschaft ist es in Deutschland und Österreich deswegen gar nicht so unüblich, dass es dort eine Hagelabwehr gibt. In der Regel decken die Hagelflieger ein Gebiet von zwei- bis dreihundert Quadratkilometern ab, sodass sich mehrere Gemeinden die Kosten für die Hagelabwehr teilen. Diese belaufen sich übrigens auf 200.000 bis 350.000 Euro im Jahr – je nach Flottengröße.

Starker Regenfall aus Gewitterwolken über einem Dorf.
Gewitter und Hagel bereiten Winzern Sorgen ©SturmjaegerTobi/Pixabay

Was Hagelflieger in den Wolken machen

Hagelflieger steigen immer dann in die Luft, wenn Gewitterwolken aufziehen. Denn die bringen meist nicht nur Blitze und Donner mit sich, sondern eben auch Hagel. Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend. Haben sich in den höheren Wolkenschichten bereits Hagelkörner gebildet, ist es zu spät. Vereinfacht erklärt, funktioniert Hagelabwehr so: Die Hagelflieger haben außen spezielle Behälter installiert, in denen sich Silberjodid (das nicht schädlich für die Umwelt ist in diesen Mengen) befindet. Damit werden die Hagelwolken “geimpft”.

Hagelkörner bilden sich aufgrund von Kristallisationskeimen. Mit dem Silberjodid werden genau diese künstlich in die Wolken eingebracht. Dadurch bilden sich zwar mehr Hagelkörner, aber die sind eben viel kleiner als ohne diesen Eingriff. Es gibt schließlich nur eine bestimmte Wassermenge in den Wolken. Im besten Fall wird aus dem Hagel so Regen. Im schlimmsten Fall sind die Hagelkörner so klein, dass sie wenig bis gar keinen Schaden anrichten. Dieses Prinzip der Wolkenimpfung geht übrigens auf den amerikanischen Nobelpreisträger Irving Langmuir zurück, der es in den 1940er-Jahren zusammen mit Vincent Schaefer und Bernard Vonnegut entwickelte.

Ein Flugzeug in der Luft mitten im Gewitter
Zwar kein Hagelflieger, aber so sieht es trotzdem ungefähr in den Wolken aus ©TeeFarm/Pixabay

Hagelflieger: Das sind die Voraussetzungen

Übrigens kann nicht jeder Pilot einfach so Hagelflieger werden. Neben dem Pilotenschein braucht man auch noch eine Lizenz für mehrmotorige Maschinen. Und eine Blindflug-Erlaubnis. Schließlich fliegen die Piloten direkt in die Gewitterwolken rein. Da braucht man nicht nur starke Nerven und muss höchst konzentriert sein, sondern muss auch in Sachen Instrumentenflug Erfahrung haben. Mal ganz davon abgesehen, dass man auch eine einjährige Zusatzausbildung für Gewitterflüge absolvieren muss. Sicherheit geht vor.

Neben dieser aktiven gibt es natürlich auch eine passive Hagelabwehr. Womit wir bei den Hagelnetzen wären. Diese werden über die Reben gespannt und sollen vor Hagelschlag schützen. Nur leider sind diese Netze nicht eben günstig. Da kann man als Winzer nicht alle seine Rebflächen schützen, sondern maximal die Premiumlagen – wenn überhaupt. Nach fünf bis acht Jahren sind die Hagelnetze derart erodiert, dass sie ausgetauscht werden müssen. Hinzu kommt, dass sie die Trauben zugleich zwar auch vor der Sonne schützen, aber dass auch der Reifeprozess beeinträchtigt werden kann. Eine praktische Alternative zu den Hagelfliegern sind diese Netze also nicht.

Gewitterwolken ziehen auf
In solche Gewitterwolken fliegen Hagelflieger hinein ©SturmjaegerTobi/Pixabay

Geschichte der Hagelabwehr

Bevor es die Hagelabwehr zu Luft gab, war das Hagelschießen mit Kanonen und Raketen Standard. In einigen Landstrichen soll das wohl immer noch praktiziert werden, aber das ist dann ein Thema für sich. 😉 Das Hagelschießen kam bereits im 18. Jahrhundert auf – und wurde sehr ernst genommen. 1788 schrieb Placidus Heinrich darüber mit “Über die Wirkung des Geschützes auf Gewitterwolken” sogar die erste wissenschaftliche Abhandlung.

Hagelabwehr an sich hat aber tatsächlich eine noch viel längere Tradition. Bereits Seneca (womit wir jetzt so round about Christi Geburt wären) erwähnte in einer seiner Schriften die Hagelwächter der Stadt Kleonai, die vor bevorstehendem Hagel warnten. Die Abwehrmaßnahmen damals? Tier- und Blutopfer! Wie effektiv das war, könnt ihr euch denken. 😉 Auch die frühzeitliche Kirche war nicht ganz so effizient. In deren Augen waren nämlich Gewitter und Hagel Dämonen, die man mit Gebeten, Gottesdiensten und Weihwasser vertreiben konnte. Später verleibte sich die Kirche dann auch noch heidnische Hagelbeschwörungen und Hagelprozessionen ein. Mh. Mag ja sein, dass die Wirksamkeit von Hagelfliegern wissenschaftlich nicht belegt ist. Aber wenn ihr mich fragt, dann ist das doch allemal effektiver als das, was man früher so versucht hat, um sich vor Hagelschlag zu schützen.

Copyright Titelbild: ©cocoparisienne/Piaxabay

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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