Jancis Robinson: Die Weinkritikerin im Portät

Weinexpertin Jancis Robinson vor einem Regal mit sehr vielen Weinflaschen

Sie ist die Grande Dame der Weinkritik, trägt bereits seit Mitte der 1980er-Jahre den Titel Master of Wine, wurde zigfach ausgezeichnet und hat einige der größten Standardwerke in Sachen Wein geschrieben. Die Rede ist natürlich von Jancis Robinson.

Manchmal ist es eben nicht eine Summe aus vielen, sondern dieses eine ganz besondere Glas Wein, das die große Liebe zum Rebensaft entfacht. Bei Jancis Robinson war es ein Glas 1959er Chambolle-Musigny Les Amoureuses, das sie während ihres Mathematik- und Philosophie-Studiums in Oxford genoss. Denn ja, die Grande Dame der Weinkritik ist 1950 im beschaulichen Örtchen Allerdale in der Grafschaft Cumbria nicht mit einem Weinglas statt eines Schnullers zur Welt gekommen. Tatsächlich entdeckte die Britin ihre Weinliebe recht spät. Dafür aber auch sehr nachhaltig.

Nach diesem einen Glas war es um sie geschehen. Fortan drehte sich bei ihr alles um das Thema Wein. Na ja, fast alles. Schließlich galt es nach dem Studium, sich das Leben zu finanzieren. Weinjobs waren damals noch nicht so großzügig gesät wie heute. Also arbeitete sie erst einmal in der Marketing-Abteilung eines Reiseanbieters, bevor sie ein Jahr in Frankreich verbrachte und dort die Genusskultur tief verinnerlichte. 1975 folgte die Rückkehr nach Großbritannien – und die ganz große Chance, für das Magazin “Wine & Spirits” zu schreiben.

Weinkritikerin Jancis Robinson zuhause im Flur vor Wandbildern mit einem Glas Wein in der rechten Hand
Ihr Arbeitswerkzeug: ein Weinglas ©Benjamin McMahon/Jancis Robinson

Jancis Robinson, Master of Wine

Von da an ging die journalistische Weinkarriere von Jancis Robinson steil aufwärts. Sie schrieb Weinkolumne über Weinkolumne für die großen britischen Tageszeitungen, war ab 1983 fürs Fernsehen eine gefragte Weinexpertin und wurde 1984 sogar Master of Wine. In der Weinwelt war das ein kleiner Paukenschlag. Zum einen, weil sie die erste Frau war, die diese Prüfung schaffte. Zum anderen, weil sie als erste Titelträgerin weder Winzerin, noch Önologin oder Händlerin, sondern Journalistin war. Das hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Und dann folgte die Zeit der großen Veröffentlichungen. Das 1986 erschienene Buch “Reben, Trauben, Weine” gehört bis heute zu den absoluten Standardwerken in Sachen Rebsorten und machte sie damals über Nacht zur Expertin auf diesem Gebiet. Auch ihr “Oxford Weinlexikon”, dessen achte Edition kürzlich auf dem Markt gekommen ist sowie der berühmte “Weinatlas”, den Jancis Robinson zusammen mit Hugh Johnson schrieb, gehören heute zu der Standardliteratur im Weinbereich.

Weinkritikerin Jancis Robinson vor ihrem Laptop mit vier Weinflaschen und einem Weinglas beim Verkosten
Verkostung am heimischen Esstisch ©Benjamin McMahon/Jancis Robinson

Weinbewertungen nach dem 20-Punkte-System

Und genau an diesem Punkt unterscheidet sich Jancis Robinson stark vom Kritikerpapst Robert Parker. Denn im Gegensatz zu ihm hat sie nicht nur eine weinakademische Ausbildung, sondern publiziert bis heute wissenschaftlich fundierte Fachartikel. Da verwundert es auch nicht, dass Parker und Robinson so manches Mal aneinander rauschten. Vor allem, wenn sie einen Wein mal wieder wesentlich weniger großzügiger als er bewertete. Und das kam nicht selten vor.

Wobei Jancis Robinson auch nicht mit dem 100-Punkte-System arbeitet, sondern nach dem 20-Punkte-Schema bewertet, das wie folgt aussieht:

  • 20 – Ausnahmewein
  • 19 – spitzenklasse
  • 18 – besser als ausgezeichnet
  • 17 – ausgezeichnet
  • 16 – sticht aus der Masse heraus
  • 15 – durchschnittlich
  • 14 – dumpf und langweilig
  • 13 – grenzwertig fehlerhaft oder unbalanciert
  • 12 – fehlerhaft oder unbalanciert

Ein rares Gut: Höchstbewertungen

Nun könnte man denken, dass es für einen Wein recht einfach sein sollte, hohe Punkte zu ergattern, wenn die Skala so knapp bemessen ist. Weit gefehlt! Zumindest wenn es um Jancis Robinson geht. Denn die britische Weinkritikerin, die bis heute alle 14 Tage eine Weinbewertung in der “Financial Times” veröffentlicht, ist streng und gilt eher als geizig denn großzügig, wenn es um die Punkte-Vergabe geht. 18 Punkte sind bei ihr bereits eine echte Lobeshymne.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Die rheinhessische Winzer-Ikone Klaus Peter Keller ist zum Beispiel so eine Ausnahme. Für seine Großen Gewächse und seine Trockenbeerenauslesen erhält er regelmäßig 20 Punkte von Jancis Robinson, die übrigens eine große Riesling-Liebhaberin ist. Beziehungsweise von Julia Harding (ebenfalls Master of Wine) oder Michael Schmidt. Denn wie auch der Anwalt Robert Parker hat Jancis Robinson irgendwann ein hochkarätiges Verkoster-Team um sich versammelt. Und ebenfalls wie bei Parker veröffentlicht ihr Team auf Robinsons eigener Web-Präsenz Weinbewertungen und Weinartikel in einem zahlungspflichtigen Mitgliederbereich.

Porträt der Master of Wine Jancis Robinson mit einem Weinglas in der Hand
Die Grande Dame der Weinkritik ©Benjamin McMahon/Jancis Robinson

Hoch dekoriert: Jancis Robinson

Auch die Stilistik der Weinnotizen ist recht ähnlich, auch wenn die Bewertungen manchmal schon recht stark voneinander abweichen: sehr informativ, eher nüchtern, leicht verständlich und gerne auch mal in die tiefe gehend, um das Weingut oder den Jahrgang selbst zu beschreiben. Sprich: man erhält fundiertes Fachwissen ohne viel Schnickschnack. Und zwar von allen Verkostern. Nicht nur von Jancis Robinson.

Der ständige Vergleich von Parker und Robinson ist wohl unumgänglich. Sie sind und bleiben die größten Kritikernamen in der Weinwelt. Beide sind hoch dekoriert und zu Hauf mit Auszeichnungen und Preisen überschüttet (Jancis Robinson war beim Decanter etwa 1999 “Woman of the Year” und wurde 2004 von der Queen zur Ratgeberin ihres majestätischen Weinkellers ernannt). Aber im Gegensatz zu Parker ist Robinson eher ruhiger, gelassener. Und vor allem: noch aktiv.

Copyright Titelbild: ©Benjamin McMahon/Jancis Robinson

*Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er wurde von Jancis Robinson weder in Auftrag gegeben, beeinflusst oder vergütet, sondern spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Alle gesetzten Links sind nicht kommerziell, sondern dienen alleine Service-Zwecken.

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