Weinkritiker Robert Parker im Porträt

Porträt von Weinkritiker Robert Parker

Eine Weinwelt ohne Parker-Punkte? Kaum auszumalen! Man kann von dem Weinkritiker Robert Parker halten, was man will, aber sein Einfluss ist unbestritten. Auch jetzt noch. Obwohl er sich 2017 ins Privatleben verabschiedet hat. Aber sein “Wine Advocate” ist aktiver denn je zuvor – und sein legendäres 100-Punkte-System nach wie vor DIE feste Größe.

Ja, ja, schon klar. Für die einen wird er immer der Weinpapst schlechthin bleiben, während die anderen ihn als Geschmacksdiktator konsequent ablehnen. Entweder verehrt man diesen Robert Parker. Oder man würde ihn am liebsten mit den eigenen Blicken vernichten können. Der erste Superstar unter den Weinkritikern polarisiert auch heute noch. Obwohl er sich 2017 komplett aus dem Bewertungsgeschäft im Weinbereich zurückgezogen hat.

Denn ja, es waren nicht nur Leidenschaft und bedingungslose Weinliebe, die ihn angetrieben haben. Sondern eben auch der Drang, davon leben zu können. Also das Geschäft. Dass er aber mal ein echtes Imperium auf die Beine stellen würde, das auch nach dem Verkauf und dem Gründer-Rückzug einen Markt derart dominieren würde, hat Parker selbst wohl nicht erwartet, als er 1978 seinen ersten Newsletter von seinem Wine Advocate verschickte.

Robert Parker’s Wine Advocate – die Anfänge

Damals kaufte er sich noch von Weinfachhändlern 600 Adressen und ließ seinen Newsletter als Beilage von Postverteil-Listen an den Weinliebhaber bringen. Als er seinen Wine Advocate 2012 an drei asiatische Investoren für 15 Millionen Dollar verkaufte (wobei der Wine Advocate heute komplett dem Michelin gehört) und den Posten des Chefredakteurs aufgab, hatte der Newsletter über 50.000 Abonnenten in 38 Ländern – und war nach wie vor frei von Werbungen und irgendwelchen Anzeigen.

Denn genau darum ging es Robert Parker ja ursprünglich: Eine unabhängige Orientierung für den Konsumenten zu bieten, die eben nicht vom Handel beeinflusst wird. Doch bis der 1947 in Baltimore geborene Parker 1978 diesen ersten Schritt in die Öffentlichkeit ging, flossen viele Weine in sein Glas. Vor allem ab 1967. In diesem Jahr besuchte der damals noch angehende Jurist seine damalige Freundin (und spätere Frau) in Straßburg. Und kam erstmals mit Weinen aus dem Bordeaux und Burgund in Berührung. Bäm. Zaubermoment. Beginn einer an Wahnsinn grenzenden Leidenschaft.

Weinkritiker Robert Parker verkostet einen Rotwein
Robert Parker bei der Arbeit ©Robert Parker’s Wine Advocate

Ohne Fachchinesisch und blumiger Prosa

Robert Parker studierte brav Jura – und verbrachte fast jede freie Minute mit seinem übergroßen Hobby Wein. Gesegnet mit höchst feinen sensorischen Fähigkeiten und einem enormen Erinnerungsvermögen lernte und lernte und lernte er. Bis er halt irgendwann das alles weitergeben wollte. Und zwar weder in Fachchinesisch noch in blumige Prosa gepackt. Von Anfang an waren seine Weinkritiken schlicht und auf das Wesentliche konzentriert. Vergleiche kamen vor, aber nur innerhalb strenger selbst gesetzter Parameter. Ein Wein aus dem Bordeaux wurde nicht mit einem aus dem Burgund verglichen, eine Rebsorte nicht mit der anderen.

Robert Parker wollte reelle Vergleichbarkeiten schaffen. Deswegen entwickelte er sein Bewertungssystem mit 100 Punkten, an dem sich heute auch viele, viele weitere Kritiker orientieren. Aufgebaut sind die maximal zu erreichenden 100 Punkte eigentlich ganz einfach. Dem Grundwert folgen Punkte für Auge, Nase, Gaumen und Gesamteindruck/Alterungspotenzial:

  • 50 Punkte Grundwert (der Wein ist handwerklich sauber und fehlerfrei)
  • Max. 5 Punkte Auge (Farbe, Klarheit)
  • Max. 15 Punkte Nase (Aroma, Bouquet)
  • Max. 20 Punkte Gaumen (Geschmack, Extrakt, Abgang)
  • Max. 10 Zusatzpunkte (Gesamteindruck, Alterungspotenzial)

Robert Parker: 1982 im Bordeaux

Damit definierte Parker ganz klar seine Parameter für seinen Wine Advocate, der kontinuierlich wuchs. Vor allem nach 1982. Damals machte Anwalt aus Baltimore das erste Mal international auf sich aufmerksam. Während die gesamte Kritikerwelt den Bordeaux-Jahrgang 1982 in Grund und Boden schrieb und ihm als “säurearm” keine große Zukunft prophezeite, rief Parker Gegenteiliges in die Welt und sprach von einem “superben” Jahrgang. Da traute sich jemand was!

Die Debatte darum, ob Parker denn nun Recht behalten hat, dauert übrigens bis heute an. Er selbst hat diesen “Kampf” schon vor Jahren als für gewonnen erklärt. Natürlich. Selbstvermarktung war dem Anwalt nie so ganz fremd. Ohne ein außergewöhnlich großes Verkostungstalent hätte ihm das aber nichts gebracht. Aber: Nach 1982 kannte man diesen Robert Parker in der internationalen Weinszene. Ein Umstand, der es ihm 1984 erlaubte, seinen Job als Anwalt bei einer Agrarkreditbank an den Nagel zu hängen und hauptberuflich über Wein zu schreiben. Das tat er dann auch! Von Artikeln für diverse Magazine bis hin zu Büchern. Und natürlich eine Weinbewertung nach der nächsten.

Von Punkten und Weinen

Sein Schwerpunkt lag zunächst auf den beiden Regionen Bordeaux und Burgund. Irgendwann kam auch noch die Côtes du Rhône dazu. Es folgten andere Länder. Das alles konnte Robert Parker nicht mehr alleine wuppen. Während er seine Nase mit einer Million Dollar versichern ließ, baute er ein Verkoster-Team um sich herum auf, vergab Länderschwerpunkte. Kurzum: aus dem Wine Advocate wurde ein international agierendes Unternehmen – und die Parker-Punkte eine überfeste Größe in der Weinbranche.

Plötzlich diktierten seine Punkte den Markt. Vor allem in den Vereinigten Staaten. Ein Wein, der keine oder auch keine guten Parker-Punkte aufweisen konnte, wurde (und wird!) von vielen amerikanischen Händlern erst gar nicht ins Sortiment genommen. Die Punkte-Skala bei Robert Parker’s Wine Advocate gliedert sich übrigens wie folgt:

  • 50 – 69 Punkte: schlechter bis unterdurchschnittlicher Wein
  • 70 – 79 Punkte: durchschnittlicher Wein
  • 80 – 89 Punkte: guter bis sehr guter Wein
  • 90 – 95 Punkte: hervorragender Wein
  • 96 – 100 Punkte: außergewöhnlicher Wein

Der Hype um 100 Parker-Punkte

100 Punkte. Der perfekte Wein. Für Parker. Und für Winzer und Händler auf der ganzen Welt. Denn wer die legendären 100 Punkte kassiert, der verdient. Weine mit Maximalbewertung legen bis heute einen kometenhaften Aufstieg hin. Vor allem, wenn es um die Preispolitik geht. Da verwundert es nicht, dass viele Winzer dieser Welt genau so einen Wein machen möchten. Und dafür muss man halt auch den Geschmack Parkers kennen. Der Anwalt aus Baltimore bevorzugt extraktreiche, voluminöse Weine. Die feingliedrigen Artgenossen, wie sie etwa Jancis Robinson bevorzugt, haben es bei ihm etwas schwerer.

Plötzlich wurden überall (aber vor allem im Bordeaux und in Kalifornien – die beiden Steckenpferde von Robert Parker) regelrechte Wuchtbrummen vinifiziert. Dabei tauchte ein Name immer häufiger auf. Michel Rolland. Der “Flying Winemaker” und enge Freund von Parker konnte nämlich spielend das treffen, was viele ohne seine Hilfe sonst verfehlten: den Geschmack des Anwalts. 100-Punkte-Wein um 100-Punkte-Wein kreierte er für die Weingüter dieser Welt, die begeistert aufgenommen und zu exorbitanten Preisen gekauft wurden.

Licht und Schatten rund um den Weinpapst

Aus der unabhängigen Bewertung war eine Marketingmaschine geworden. Ob nun mit Kalkül oder nicht, sei dahingestellt. Ab einem gewissen Einfluss kann etwas schnell eine Eigendynamik entwickeln. Es ist ja jetzt nicht so, dass Parker darum gebeten hätte, nur noch Weine nach seinem Gusto zu machen. Das wurde schon freiwillig angebiedert.

Andererseits erhob seine ehemalige Mitarbeiterin Hanna Agostini 2007 in ihrer Biografie “Robert Parker – Anatomie d’un mythe” schwere Vorwürfe gegen ihren Chef. Nämlich dass er jährlich nur sieben Tage in Frankreich sei, um dort zu verkosten. Und dass diese Verkostungen nicht von seinen Mitarbeitern, sondern von mit ihm befreundeten Händlern organisiert werden würden, die dann natürlich nur einschenkten, was sie selbst im Programm hätten.

Weinkritiker Robert Parker vor einem Regal mit Weinflaschen
Weinpapst oder Geschmacksdiktator? ©Robert Parker’s Wine Advocate

Robert Parker: Genie oder Diktator?

Der glänzende Lack um den Mythos Parker bekam ein paar Kratzer. An seinem Status als Weinpapst schlechthin änderte sich nichts. Wobei immer mehr Stimmen von einer “Geschmacksdiktatur” sprachen und erleichtert aufatmeten, als Parker seinen Wine Advocate 2012 verkaufte und Lisa Perrotti-Brown neue Chefredakteurin wurde. Mit ihr zusammen kam damals übrigens auch der Deutsche Stephan Reinhardt in das Verkoster-Team.

Bordeaux und Burgund wurden seitdem vom neuen Senior Editor Neal Martin betreut. Dieser verließ 2017 den Wine Advocate und wechselte zu Vinous. Moment, das war doch was …. Ja, genau: Vinous-Gründer Antonio Galloni war ja selbst mal im Parker-Team. Wie übrigens auch der Amerikaner Jeb Dunnuck, der von 2013 bis 2017 hauptsächlich Weine von der Rhône und aus Südfrankreich, aber auch aus den Vereinigten Staaten für den Wine Advocate bewertete, bevor er sich mit seiner eigenen Verkostungs-Seite selbstständig machte.

Was von Robert Parker bleibt

Vielleicht ist das ja genau das Vermächtnis von Robert Parker: die nächste große Kritiker-Generation herangezüchtet zu haben. Die selbstverständlich auch alle nach dem 100-Punkte-Schema bewerten. An Strahlkraft hat Robert Parker’s Wine Advocate bis heute nichts verloren. Noch immer sind hohe bis höchste Parker-Punkte in den Vereinigten Staaten DAS Verkaufsargument schlechthin. Wobei auch hier in Europa noch viele Weinliebhaber auf hohe Bewertungen vertrauen. Ob man sich nun an Parker-Punkten orientiert oder nicht – fest steht, dass sie aus der Weinwelt nicht mehr wegzudenken sind. Oder etwa doch?

Copyright Titelbild: ©Robert Parker’s Wine Advocate

*Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er wurde von Robert Parker’s Wine Advocate weder in Auftrag gegeben, beeinflusst oder vergütet, sondern spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Alle gesetzten Links sind nicht kommerziell, sondern dienen alleine Service-Zwecken.

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