Statue vom Spätlesereiter im Innenhof von Schloss Johannisberg

Spätlesereiter: Süße Legende aus dem Rheingau

Quasi durch Zufall entdeckte man im 18. Jahrhundert die heute als Prädikatsweine bekannten Gewächse mit ordentlich Restzucker. Zu verdanken haben wir das dem Spätlesereiter. Wenn man der Legende glaubt. Und genau die schauen wir uns jetzt mal genauer an.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Was einst Goethe in seinem “Erlkönig” dichtete, traf wohl nicht auf den Spätlesereiter zu, der mit seiner höchst verspäteten Ankunft dafür sorgte, dass die Benediktinermönche von Schloss Johannisberg die Edelfäule und damit edelsüße Ausbaustufen für ihre Rieslinge entdeckten. Eilig hatte dieser es nämlich tatsächlich mal so ganz und gar nicht. Aber fangen wir von vorne an. Denn eigentlich beginnt die Geschichte rund um die Entdeckung der Spätlese, die noch heute zu den Prädikatsweinen in Deutschland gehört, bereits im Jahr 1716. Damals kaufte der Hochstift Fulda das Schloss Johannisberg mit all seinen Rebflächen. Zu jedem Hochstift gehörte damals ein Fürstabt. In diesem Fall war es Constantin von Buttlar, der bereits vier Jahre später im Rheingau von sich reden machen sollte. Denn 1720 ließ er auf dem Johannisberg alle Reben rausreißen und ausschließlich mit Riesling bepflanzen. Damit war das Schloss Johannisberg das erste Weingut der Welt, das einen sortenreinen Riesling-Weinberg hatte. Sensation!

Nicht ganz so sensationell, denn damals absolut üblich, war es, dass der Fürstabt auch entschied, wann die Trauben gelesen werden sollten. Nun residierte nicht nur Constantin von Buttlar, sondern auch alle seine Nachfolger nicht im Schloss Johannisberg im heutigen Örtchen Geisenheim, sondern im Hofstift zu Fulda. Heutzutage sind die 150 Kilometer in zwei bis zweieinhalb Stunden überwunden. Im 18. Jahrhundert benötigte man da allerdings schon deutlich länger. Was für ein Aufwand! Rückte der Zeitpunkt der Lese immer näher, gab der Kellermeister von Johannisberg einem berittenen Boten ein paar Trauben mit, die dieser dem Fürstabt in Fulda zeigen sollte. Dieser gab dann seine schriftliche Erntefreigabe und schickte den Boten wieder zurück zur Rheingauer Abtei. Womit wir jetzt endlich bei der Legende rund um den Spätlesereiter wären.

Per Hand gelesene Rieslingtrauben am Schloss Johannisberg
Lesen durften die Mönche im 18. Jahrhundert nur nach vorheriger Erlaubnis. © DWI

Erste Begegnung mit der Edelfäule

Denn im Jahr 1775 freute man sich auf Schloss Johannisberg mächtig über eine wunderschöne Traubenqualität. Die Mönche standen für die Lese in den Startlöchern. Aber der Reiter kam nicht. Überall begann die Lese. Nur auf Schloss Johannisberg nicht. Die Mönche trauten sich aber nicht, ohne Erlaubnis zu beginnen. Und so mussten sie mit ansehen, wie die perfekten Weinbeeren am Stock verschrumpelten und teilweise sogar verfaulten. Was für ein Desaster! Mit reichlich Verspätung traf der Reiter dann doch endlich ein. Hier gibt es – wie bei Legenden halt so üblich – verschiedene Zeitangaben. Von zwei bis vier Wochen ist alles dabei. So oder so standen die Mönche quasi vor den Trümmern ihrer Weinbergsarbeit. Aus solch eingetrockneten und verschimmelten Trauben konnte einfach kein guter Wein mehr werden!

Trotzdem lasen und kelterten sie die Trauben. Bei der ersten Verkostung dann die große Überraschung. Dieser Riesling schmeckte viel besser als alles andere, was im Keller bis dato entstanden war! So konzentriert und tief und süß! Und dann erst die komplexen Anklänge von getrockneter Aprikose, Mango, Ananas und Honig! Was die Mönche damals freilich noch nicht wussten: die Beeren waren nicht verschimmelt, sondern von Edelfäule, im Fachjargon auch Botrytis cinerea genannt, befallen. Dieser Schimmelpilz kann, wenn denn die Wetterbedingungen stimmen, eben eine edle und keine schlechte Fäule auslösen. Wie das geht? Ganz einfach. Der Schimmelpilz befällt die Beeren bei feuchten Witterungsverhältnissen am frühen Morgen. Ist es ab mittags schön warm und sonnig, verdunstet die Feuchtigkeit und der Pilz bringt lediglich seine Enzyme in die Weinbeere ein. Voilà: Edelfäule. Bleibt es indes feucht und kalt, entsteht ganz gewöhnlicher Schimmel. Diesen Balanceakt zwischen Edel- und sogenannter Graufäule kennt inzwischen jeder Winzer auf der Welt. Die Mönche im 18. Jahrhundert natürlich noch nicht. Durch einen puren Zufall entdeckten sie so also die Spätlese, die noch heute zu den Prädikatsweinen in Deutschland gehört. Der Bote indes bekam den Namen Spätlesereiter verpasst – und wurde zur Legende.

Blick auf die Basilika von Schloss Johannisberg von den Reben aus
Die Basilika von Schloss Johannisberg erzählt noch von der Mönchsvergangenheit. © DWI

Warum brauchte der Spätlesereiter so lange?

Wenn du dich jetzt fragst, warum der Spätlesereiter erst nach zwei bis vier Wochen mit der Leseerlaubnis zurück kam … keine Ahnung! Dazu gibt es tatsächlich nur Spekulationen. Er ist halt nicht umsonst eine Legende. Manche Historiker glauben, dass er von Räubern überfallen wurde, die damals die Wege unsicher machten. Andere denken, dass ihn ein Techtelmechtel mit einer Bauerntochter aufgehalten hat. Und dann gibt es auch noch die Thesen, dass er entweder in diversen Gasthäusern zu viel gebechert hat oder schlicht und ergreifend faul war. Wobei der Überfall und die Romanze rein dramaturgisch für den Spätlesereiter natürlich am meisten etwas hermachen. Belegt ist indes keine der möglichen Theorien.

Du siehst: die Legende rund um den Spätlesereiter ist ziemlich nebulös. Fest steht nur, dass es durch die verspätete Ernte zur ersten Riesling Spätlese der Welt kam. Und um diesen Umstand zu ehren, steht bis heute im Hof von Schloss Johannisberg eine Statue des Spätlesereiters. Seit 2021 findet man zudem ein Spätlesereiter-Standbild im Hof des Stadtschlosses in Fulda. Und dann gibt es da noch den ersten Band der Comic-Serie “Karl” von Michael Apitz und Eberhard und Patrick Kunkel. Das Trio bereitet hier die Geschichte noch einmal entzückend auf. Der Spätlesereiter inspiriert also auch noch heute.

Copyright Titelbild: © DWI

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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