Älterer Mann macht auf hip und mag gerne ein Glas Wein trinken

Maßvoller Weinkonsum: Was bedeutet das eigentlich genau?

Während die Weltgesundheitsorganisation inzwischen beim Alkohol keine sichere Menge mehr sieht, steht ein maßvoller Weinkonsum im Zentrum der Weinbranchen-Kommunikation. Aber wie viel ist denn “maßvoll”? Dröseln wir das mal etwas genauer auf.

Um es direkt mal vorweg zu nehmen: Mir geht es hier nicht um das allseits beliebte Alkohol-Bashing oder die teilweise noch beliebtere Verteidigung des Weintrinkens. Dieser Schwarz-Weiß-Krawall inklusive populistischer Plattitüden überlasse ich denen, die solch ein Gehabe ohne Mehrwert brauchen, um auch mal etwas gesagt zu haben. Oder über den Untergang der Weinbranche zu jammern. Weil das irgendwie einfacher ist, als neue Wege zu finden und zu gehen. Wobei es egal ist, ob nun der Populismus oder das Gejammer gewählt wird, denn im Zentrum der Argumentation steht vor allem eines. Maßvoller Weinkonsum.

„Der Wein ist kein Medikament, kein Drohstoff, kein Gift, keine Droge, sondern ein kulturelles Lebensmittel – so tief verwurzelt in der europäischen Geschichte wie Brot oder Olivenöl.“

Harald Scholl, Vinum

Beste Beispiele sind da die Kampagne VITAEVINO, die Instagram-Reihe des Deutschen Weinbauverbands oder der Klartext von Harald Scholl in der Vinum. Sie alle stellen den maßvollen Weinkonsum in den Vordergrund. Denn beim Wein ginge es schließlich nicht um die Wirkung, sondern um den Genuss. Und natürlich um das gesellige Miteinander. Da dürfe man sich ja wohl in Maßen ein Gläschen Wein gönnen. Nur eines wird in allen Fällen konsequent nicht mitgeliefert. Nämlich wie viel denn maßvoller Weinkonsum ist – und was zu viel ist. Oder sein könnte.

Gruppe von Freunden isst und trinkt, lacht und genießt an einem gedeckten Tisch draußen in der Natur
Es ist schwierig, bei so viel Spaß und Freude das richtige Maß zu bewahren. © Jacob Lund/iStock

Wie definiert man maßvollen Weinkonsum?

An genau dieser Stelle wird es ein wenig tricky. Denn schließlich hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einigen Jahren beschlossen, dass es keine sichere Menge mehr geben würde. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) zog nach. Dass da jetzt sehr effektive Lobbyarbeit hintersteckt, muss ich hoffentlich nicht betonen. Da habe ich schon genug drüber in meinem Text über sinkenden Weinkonsum geschrieben. Trotzdem waren WHO und DGE nun einmal die einzigen Instanzen, die maßvollen Weinkonsum vorher klar definiert haben. Diese Empfehlungen sind inzwischen natürlich aus dem Netz verschwunden. Puff.

„Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge.“

WHO

Aber hier und da findet man dann eben doch noch die ehemalige Einordnung als World-Wide-Web-Artefakt. Und die besagen, dass Frauen täglich 10 Gramm und Männer täglich 20 Gramm Alkohol bedenkenlos zu sich nehmen könnten. Aha. Da das erst einmal reichlich abstrakt klingt, müssen wir das in Wein umrechnen. Für Frauen sind das 125 Milliliter Wein, für Männer 250 Milliliter. Und ja, wir reden hier von der täglichen Höchstmenge. Nicht vom rechnerischen Durchschnitt auf die Woche verteilt. Wer also jetzt als Mann denkt, er könnte drei Tage nichts trinken und sich dann eine komplette Flasche reinzwirbeln, den muss ich leider enttäuschen. So hat das bereits damals nicht funktioniert. 

Junge Frau trinkt aus einem Glas Rotwein
Wahrscheinlich ist hier bereits zu viel Wein im Glas für eine Frau. © pogorelova/iStock

Warum man beim Trinken nicht alle Weine über einen Kamm scheren kann

Dass die ehemalige WHO-Empfehlung auf die Alkohol-Grammzahl und nicht die Weinmenge abzielte, war übrigens eine sehr bewusste Entscheidung. Denn es ist nun einmal ein Unterschied, ob ich als Frau 125 Milliliter Riesling Kabinett mit 7 Volumenprozent Alkohol trinke – oder die gleiche Menge Amarone della Valpolicella mit 15,5 Volumenprozent Alkohol wegschnabuliere. Bei gelungener Auswahl ist beides köstlich, wirkt aber nun einmal komplett anders auf den Körper. Die 10 Gramm Alkohol müssten dementsprechend täglich für den jeweiligen Wein ausgerechnet werden, damit man im Rahmen eines maßvollen Weinkonsums bleibt.

„In mehreren Studien hat sich gezeigt, dass das „gesündeste“ Trinkmuster darin besteht, möglichst regelmäßig (entweder täglich oder aber mehrmals wöchentlich) geringe Mengen Alkohol (für gewöhnlich definiert als 1 bis 3 Gläser/Tag) zu trinken.“

Wine in Moderation

Genau deswegen hat mich die Einordnung von Wine in Moderation neulich so verwundert. Dort habe ich nämlich auch gezielt nach einer Definition von maßvollem Weinkonsum gesucht. Und gefunden. Versteckt in den FAQ. Dort gibt es unter Punkt 5 sogar die Formel, wie du den Alkoholgehalt in einem Wein korrekt berechnest. Sehr schöner Service – auch wenn man danach etwas suchen muss. Andererseits ist bei Wine in Moderation aber auch eine Seite zum Thema „Wein & Gesundheit“ zu finden, die erläutert, welche gesundheitlichen Benefits ein moderater Weinkonsum haben kann. Hier fehlt dann leider nicht nur die genaue Definition, sondern „geringe Mengen Alkohol“ werden dort mit ein bis zu drei Gläser pro Tag definiert. Äh, echt jetzt? Kein Unterschied zwischen Mann und Frau? Keine Mengen- und Alkoholangaben, sondern Glas-Einheiten? Oder anders gefragt: Warum wird moderater Weinkonsum da plötzlich mit zweierlei Maß gemessen?

Weinbegleitung zu einem ausgefeilten Menü
Maßvoller Weinkonsum ist bei einem Mehrgänge-Menü recht schwierig. © Asercank/iStock

Lässt sich maßvoller Weinkonsum in der Praxis umsetzen?

Wobei mich das ehrlich gesagt nicht wundert. Denn immer wieder ist ja nun auch zu lesen, dass ein moderater Weinkonsum die Geselligkeit fördern würde. Was ja auch stimmt. Aber mal Hand aufs Herz: Bleibt es in einer geselligen Runde bei einem kleinen Glas für Frauen und einem großen Glas für Männer? Wenn ich ehrlich bin, habe ich solche disziplinierten, geselligen Runden noch nie selbst erlebt. Da sind die drei Gläser Wein ohne dezidierte Mengen- und Geschlechterangabe doch weitaus realistischer.

Wine in Moderation muss ich – ebenso wie dem Deutschen Weinbauverband e.V. – allerdings zugute halten, dass sie in ihren Kampagnen auch sehr klar benennen, wer keinen Wein trinken sollte. Nämlich nicht nur Schwangere, sondern eben auch Menschen, die Medikamente wie Betablocker, Statine, Antidepressiva, starke Schmerzmedikamente und Co. nehmen.

Junge Menschen essen und trinken gemeinsam und haben eine gute Zeit
Mal Hand aufs Herz: Würdest du hier bei einem oder zwei Gläschen Wein bleiben? © Kar Tr/iStock

Maßvoller Weinkonsum: Weniger als gedacht?

Gerade als Weinliebhaber ist es zugegebenermaßen schwierig, sich mit dem moderaten Weinkonsum auseinanderzusetzen. Denn wenn wir ehrlich sind, dann liegen wir oft drüber. Zu zweit eine Flasche am Samstag zum Abendessen? Kein Problem! Zumal da ja auch der Genuss im Vordergrund steht. Und die Freude am Wein an sich. Moderater Weinkonsum ist das dann indes nicht. Sorry to say. Was aber auch vollkommen in Ordnung ist. Jeder Mensch kennt sich und seine Grenzen selbst am besten und kann dementsprechend einschätzen, was für ihn oder sie gesundheitlich noch akzeptabel ist – und was eben nicht.

„Nahezu jede dritte erwachsene Person weist mit drei oder mehr alkoholischen Getränken pro Woche ein Konsumverhalten auf, das mit einem moderaten oder hohen Krankheitsrisiko assoziiert ist.“

RKI

Was ich stattdessen hinterfrage, ist die Art und Weise, wie moderater Weinkonsum in der Weinbranche kommuniziert wird. Menschen, die nicht in der Wein-Bubble zuhause sind, kann die fehlende Definition erst einmal irritieren. Weil es keinen Halt gibt, keine Orientierung. Stößt man bei Recherchen dann auf das kleine und große Glas Wein, kommt vielleicht das Bedürfnis auf, weniger zu trinken, weil das Risiko nicht mehr gering ist. Laut dem Monitoring vom Robert Koch Institut (RKI), das im März 2025 veröffentlicht wurde, trinkt jeder dritte Erwachsene zu viel Alkohol – besonders in den höheren Bildungsgruppen übrigens. Wenn jetzt die Weinbranche selbst auch noch regelmäßig zu einem moderaten Konsum aufruft, dann schießt man sich damit ein wenig ins eigene Knie.

Junge Frau denkt über das Thema moderater Weinkonsum nach, während sie ein Glas Wein anstarrt.
Trinken wir wirklich zu viel Alkohol – und damit auch Wein? © Yacob Chuk/iStock

Mein persönliches Fazit

Don’t get me wrong: Ich finde es toll, dass die Branche da auch Verantwortung übernimmt. Statt sich aber an den gesundheitlichen Aspekten und an der Anti-Alkohol-Lobby derart abzuarbeiten und mit moderatem Weinkonsum gegenzuhalten, würde ich persönlich es ja wesentlich produktiver finden, wenn man ohne die abendfüllende Opferrolle einfach mal konsequentneue Wege und gesellschaftliche Strömungen wie alkoholfreie Alternativen (inklusive Proxys) und alkoholarme Weine gehen und bedienen würde. Da lohnt es doch viel eher, Kraft und Kapazitäten zu investieren, oder?

Oder man macht mal etwas ganz Außergewöhnliches. Und lässt das Alkohol-Bashing einfach mal unbeantwortet und stellt es nicht ins Zentrum der eigenen (Verteidigungs)-Kommunikation. Denn Wein ist dann ja doch in der Regel mehr als das reine Rauschmittel, das man nebenbei wegballert. Wäre es da nicht besser, schöne Momente und Gefühle in den Vordergrund zu stellen, statt ständig in Verteidigungsposition gegen das Alkohol-Bashing anzugehen? Die Spirituosenbranche macht genau das vor. Ich würde mir wünschen, wenn sich die Weinbranche da auch mal endlich freischwimmen würde.

Copyright Titelbild: © Alessandro Biascioli/iStock

*Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er wurde weder gebucht noch vergütet und spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen ausschließlich Service-Zwecken.

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