Weingut Lackner-Tinnacher: Eleganz made in Südsteiermark

Winzerin Katharina Tinnacher im Weinberg.

Tradition verpflichtet? Auch. Aber eben nicht nur. Das Weingut Lackner-Tinnacher kann auf eine lange Geschichte und dementsprechend viel Tradition zurückblicken. Winzerin Katharina Tinnacher verbindet die klassischen Aspekte aber mit enorm viel moderner Eleganz.

Es ist schon ein etwas eigenartiger Anblick, wenn man sich Fotos anschaut, auf denen alle 12 STK-Winzer zu sehen sind. Elf Männer. Und eben eine Frau. Nämlich Katharina Tinnacher. Wären es Politiker oder Vorstandsmitglieder, könnte glatt ein Raunen durch die Menge gehen während man in einer Ecke bestimmt das Wörtchen “Frauenquote” geflüstert hört. Das ist bei Fotos von den STK-Winzern nicht der Fall. Ich schwinge jetzt nicht die Feminismuskeule und schreibe nichts über die männerdominierte Weinwelt.

Denn das Eigenartige an den STK-Winzerfotos ist, dass es gar nicht auffällt, dass Katharina Tinnacher, die seit 2013 das Weingut Lackner-Tinnacher führt, die einzige Frau ist. Ganz einfach, weil das Geschlecht der STK-Winzer nicht relevant ist. Menschen kommen und gehen, Geschlechter ändern sich dadurch. Was aber bleibt, ist der Wein. Und dessen Qualität. Nur darauf kommt es an. Und im 21. Jahrhundert dürfte es (hoffentlich) eh normal sein, dass es auch Winzerinnen gibt. Daran ist nun wahrlich nichts Exotisches mehr. Mal ganz davon abgesehen, dass es in der eigenen Familie ja schon weibliche Vorbilder gab!

Blick in die Südsteiermark vom Weingut Lackner-Tinnacher aus
Blick in die Südsteiermark ©Marion Luttenberger/Weingut Lackner-Tinnacher

Aus dem Weingut Lackner wird das Weingut Lackner-Tinnacher

Schließlich wurde das Weingut schon von ihrer Mutter Wilma Lackner geführt, die es 1976 von ihrem Onkel übernahm. Als sie 1978 dann Fritz Tinnacher heiratete, ward der bis heute bestehende Doppelname geboren: Weingut Lackner-Tinnacher. Katharina Tinnacher hat daran nicht gerüttelt. Selbiges gilt übrigens auch für die eingangs erwähnte Tradition, die tatsächlich gewaltig ist. Seit 1770 wird im Familienbetrieb Wein gemacht. Also seit 250 Jahren. Zweihunderundfünzig! Oder um es noch größer auszudrücken: seit einem Vierteljahrtausend. Da ist es plötzlich auch komplett irrelevant, dass man die einzige STK-Winzerin ist.

Als junge Winzerin braucht man schon Selbstbewusstsein, Umsicht, Tiefgang und vor allem Vertrauen in sich selbst, um trotz dieser Geschichtsgewaltigkeit seinen eigenen Weg zu gehen – ohne dabei die Tradition aus den Augen zu verlieren. Von all dieser beeindruckenden Historie wusste Katharina Tinnacher zwar schon als Kind. Aber welches Kind kümmert sich schon um so etwas? Vor allem, weil Katharina und ihre Schwester Ulrike in der Kindheit ja eine ganz besondere Aufgabe hatten. Nämlich sich um die fünf Reben zu kümmern, die jede von ihnen bekam. Dass damit nicht automatisch der Winzerinnenweg vorprogrammiert war, bewies die Schwester, die jetzt Architektin ist.

Winzerin Katharina Tinnacher vor einem Regal mit Weinflaschen
Winzerin Katharina Tinnacher ©Marion Luttenberger/Weingut Lackner-Tinnacher

Eine Flasche Wein pro Rebstock

Katharina indes übernahm das Weingut Lackner-Tinnacher. Und stellte die 28 Hektar direkt auf biologische Bewirtschaftung um. Eine logische Konsequenz, denn Handarbeit wird bei der jungen Winzerin groß geschrieben. Jeder Rebstock wird drei- bis viermal im Jahr ausgedünnt. Außerdem werden die Triebe manuell formatiert, damit eine hohe Traubenreife erreicht werden kann. Und die Lese findet spät statt. Nämlich dann, wenn der ideale Reifezeitpunkt erreicht ist. Selektion ist hier Pflicht. All diese Reduktionsarbeit führt dazu, dass jeder Rebstock genau eine Flasche Wein liefert.

Dass dann schonend gepresst und ebenso schonend vinifziert wird, versteht sich von selbst. So energiegeladen und multitaskingfähig Katharina Tinnacher auch ist – im Keller herrschen Ruhe und Geduld vor. Schließlich sollen die großartigen Qualitäten, die aus den Weingärten kommen, hier noch großartiger werden.

Denn, und das hat beim Weingut Lackner-Tinnacher tatsächlich Tradition, überzeugen die Weine seit jeher mit einem klassischen und sehr präzisen Profil. Und mit einer enormen Eleganz. Durch die späte Lese vermisst man weder bei den verschiedenen Sauvignon-Blanc-Qualitätsstufen (natürlich auch hier die Leitrebsorte – wir sind schließlich in der Südsteiermark) noch bei Morillon, Gelben Muskateller oder Weißburgunder die Fruchtigkeit oder die Fülle am Gaumen. Klassisch eben. Aber auch höchst vielschichtig und vornehm. Weil halt viele leise Töne mitschwingen. Vor allem die Riedenweine zeichnen sich durch eine zauberhafte Filigranität am Gaumen aus. Und das ist dann keine Tradition mehr. Sondern die Handschrift von Katharina Tinnacher.

Eingang zum Weinkeller vom Weingut Lackner-Tinnacher in der Südsteiermark.
Ebenso zeitlos wie die Optik des Weinkellers sind auch die Weine, die hier entstehen ©Moodley/Weingut Lackner-Tinnacher

Weingut Lackner-Tinnacher und die Ried Welles

Was sie aber wieder mit ihren Vorfahren verbindet: Sie weiß genau, welche Rebsorte in welchem Weingarten welchen Charakter entwickelt. Und noch besser: sie kennt auch die Geschichten, die sich um die unterschiedlichen Lagen ranken. Das ist nicht minder wichtig für einen Wein. Nehmen wir zum Beispiel mal die Ried Welles, die schon recht lange in Familienbesitz ist, wie Katharina Tinnacher erzählt: “Im Jahr 1930 machte sich mein Urgroßvater auf die Suche nach einem Weinberg. Er war Wirt, mit den gebotenen Weinqualitäten aber nicht zufrieden und beschloss kurzerhand, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Es standen einige Weingärten zur Auswahl und mein Urgroßvater entschied sich für die Ried Welles – hoch, steil, kühl und karg. ‘Wahnsinn’, meinten damals viele. ‘Genie’, würden sie wohl heute sagen.“

Denn die Lage hatte noch mehr Potenzial als der Urgroßvater damals annahm. Das jedenfalls erkannte Fritz Tinnacher, Katharinas Vater, als er die Schankweine probierte – und ihn das Weinfieber derart nachhaltig packte, dass er selbst Winzer wurde. Ried Welles war anfangs allerdings sein Problemkind, denn auf dem äußerst kargen Schotterkonglomerat-Boden wollten die Sauvignon-Blanc-Trauben nicht so recht Fuß fassen. Die Lösung brachte dann Mutter Wilma, wie Katharina Tinnacher verrät: “Sie konnte aus ihrem Betrieb familieneigene Sauvignon-Blanc-Selektionen, mit Felsenreben als Unterlage, zur Verfügung stellen.”

Blick auf die Ried Welles in der Südsteiermark.
Geschichtsträchtig: Ried Welles ©Marion Luttenberger/Weingut Lackner-Tinnacher

Katharina Tinnacher: Wein als Lebensmittelpunkt – nicht als Lebensinhalt

Heute wurzeln die teils 30 Jahre alten Weinstöcke daher bis zu 18 Meter tief in den kargen Boden und versorgen die Trauben mit wertvollen Nährstoffen. Und genau die werden für die beiden besten Weine vom Weingut Lackner-Tinnacher verwendet, denn es gibt neben dem Rieden-Wein auch noch eine Reserve-Version. Beide Sauvignons bestechen durch ihre enorme Komplexität und den extrem langen Nachhall. Weine, mit denen man sich stundenlang beschäftigen und dabei die Welt um sich herum vergessen kann. Das ist schon ganz, ganz große Kunst!

Und diese Parallele zur Kunst kommt nicht von ungefähr. Denn neben Wein und ihrem Winzerinnendasein hat Katharina Tinnacher noch eine andere Leidenschaft: Kunst und Kultur in allen Facetten. Ob nun Musik oder Design oder Architektur – das Weingut Lackner-Tinnacher mag ihr Lebensmittelpunkt sein, aber eben nicht ihr einziger Lebensinhalt. Wobei die schönen Künste die Winzerin dann wiederum für ihre Weine inspirieren, die durch diese Feingeistigkeit noch eleganter, noch filigraner werden. Weil es ständig neue Impulse gibt. Schließlich ist ja auch Wein ein Kulturgut.

Neu gestalteter Verkostungsraum im Weingut Lackner-Tinnacher
Architektur und Design gehen Hand in Hand mit den präzisen Weinen ©Simon OberhoferWeingut Lackner-Tinnacher

Weingut Lackner-Tinnacher in neuem Gewand

Wobei sich dieses enorme kulturelle Interesse nicht nur in den Weinen niederschlägt, sondern auch im Weingut Lackner-Tinnacher selbst. Denn Katharina Lackner wollte, dass Architektur und Weine eine Symbiose eingehen, um zu zeigen, wie alles aufeinander aufbaut, einen Kreislauf ergibt. Und wer eignete sich da als Architektin besser als die eigene Schwester Ulrike? Gemeinsam planten die beiden bis ins kleinste Detail. Das Ergebnis lässt Besucher staunen. Denn das Weingut Lackner-Tinnacher strahlt dank der klaren und minimalistischen Architektur nun eine beeindruckend zeitlose Ruhe aus. Sich komplett auf einen Wein konzentrieren und dabei alles andere vergessen? In solch einer Umgebung ist das kein Problem!

Dieses Zusammenspiel veranschaulicht wohl am besten, dass Katharina Tinnacher viel Wert auf das Große und das Ganze legt, dabei aber auch die Details nicht aus den Augen verliert. Letztlich sind ihre Weine so wie sie: beeindruckend energiegeladen, höchst tiefsinnig und doch bedächtig mit vielen unterschiedlichen Facetten. Und genau das fasziniert mich immer wieder neu, wenn ich eine Flasche vom Weingut Lackner-Tinnacher entkorke. Falls ihr die Weine noch nicht kennt, dann ändert das bitte. Sie lohnen sich nämlich. Sehr sogar.

Copyright Titelbild: ©Marion Luttenberger/Weingut Lackner-Tinnacher

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er entstand ohne Einfluss des Weinguts Lackner-Tinnacher und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

Beitrag bewerten:

Anzahl: 9 Bewertung: 4.7/5

Kommentar verfassen