Grafik einer betrunkenen Frau, die auf einer übergroßen Weinflasche liegt

Damp Drinking oder Dry January: Was ist denn jetzt besser?

Der Januar ist fast vorbei – und damit auch das Bashing, das rund um den Dry January dieses Jahr stattgefunden hat. Ob nun Influencer, Podcaster oder Blogger: Allerorten machte man sich über den trockenen Januar lustig und propagierte dafür das Damp Drinking, also den maßvollen Weinkonsum. Aber geht’s dabei wirklich nur um die Gesundheit? Hier mal ein paar Gedanken dazu.

In der ersten Januar-Woche staunte ich nicht schlecht, als ich in den Instagram-Storys von vielen Weinprofis klare Statements gegen den Dry January sah. Nicht immer gab es eine Erklärung, warum man da denn nicht mitmacht. Wenn aber begründet wurde, dann war der Tenor immer recht ähnlich. Einen Monat zu verzichten reicht halt nicht, man müsse das ganze Jahr über maßvoll Wein genießen. Zugleich fand dann auch auf TikTok quasi der mediale Höhepunkt fürs Damp Drinking statt. Beziehungsweise für den Damp Lifestyle, den TikTokerin Hanna Elson mit dem Hashtag #damplifestyle viral gehen ließ. Inzwischen gibt es zum Thema Alkoholgenuss in Maßen Tausende von Videos. Und Bewegtbilder mit dem Hashtag #damplifestlye wurden bereits über zehn Millionen mal angeschaut.

Nun ist Damp Drinking vielleicht international voll der Hit, als Begriff in Deutschland aber trotzdem noch nahezu unbekannt. Was sich wahrscheinlich spätestens 2025 ändert, wenn auf den Dry January weiterhin so vehement eingeprügelt wird. Der Witz, dass “trocken” in dem Fall den Restzuckergehalt eines Weins meint und man halt einen Monat lang nur trockene Gewächse trinken würde, ist außerdem inzwischen auch ziemlich ausgelutscht. Momentan firmiert Damp Drinking hierzulande jedenfalls noch unter der Bezeichnung “maßvoller Genuss”. Hört sich ja auch erst einmal gut an. Und vor allem sehr vernünftig.

Dry January statt Damp Drinking: Kreidetafel mit Dry January, dahinter eine geöffnete Weinflasche, daneben ein umgedrehtes leeres Weinglas
Warum wird der Dry January derzeit eigentlich so gebasht? © Iryna Imago/iStock

Damp Drinking: Wie viel ist maßvoll?

Alkohol ist und bleibt nun einmal ein Nervengift. Ein übermäßiger Konsum macht nicht nur abhängig, sondern ist auch noch extrem gesundheitsschädlich. Mal ganz davon abgesehen, dass Alkohol per se die Leber belastet, kann ein Zuviel das Krebsrisiko erhöhen und dumm machen. Und auch wenn viele Weinliebhaber das nicht gerne hören, im Wein ist halt auch Alkohol enthalten. Neulich las ich auf Threads, dass man von Wein nicht alkoholsüchtig werden könne, weil er ja ein reines Genussmittel sei. Sorry, aber das ist Bullshit. Das muss ich einfach mal so deutlich sagen. Alkohol ist und bleibt Alkohol. Der Körper macht da keinen Unterschied, mit welchem Getränk man diesen zuführt. Punkt.

Was jetzt aber nicht gleich bedeutet, dass man komplett auf Wein verzichten sollte. Genau hier kommt dann wieder das Damp Drinking ins Spiel. Also bewusst Alkohol trinken – und eben weniger. Nur ist das mit dem maßvollem Konsum eben so eine Sache. Denn jeder definiert maßvoll für sich anders. Ein oder zwei Gläschen zum Essen? Kein Problem! Oder vielleicht doch? Schauen wir uns mal an, was die Weltgesundheitsorganisation dazu sagt. Hier definiert man maßvoll wie folgt: Erwachsene Männer sollten täglich maximal 250 Milliliter Wein konsumieren – erwachsene Frauen sogar nur 125 Milliliter täglich. Wobei die Weltgesundheitsorganisation allen Frauen im gebärfähigen Alter eh empfiehlt, komplett auf Alkohol zu verzichten.

Schatten eines jungen Mannes der Alkohol trinkt, vor ihm stehen und liegen lauter Flaschen
Den eigenen Alkoholkonsum darf man ruhig mal hinterfragen. © Katarzyna Bialasiewicz/iStock

Pauschale Verurteilung ist nicht hilfreich

Wenn man sich an diese Richtlinien hält, dann wird das mit dem zweiten Gläschen Wein zum Essen schon ein wenig knapp. Mal ganz davon abgesehen, dass man im Zweifelsfall halt trotzdem täglich die Leber belastet. Genau deswegen fanden ja lange Zeit Dry January oder auch Sober October hierzulande so großen Anklang. Einfach mal einen Monat lang die Finger vom Alkohol lassen. Damit sich der Körper regenerieren kann. Nun wirft man in den Social Media und derzeit auch in diversen Wein-Podcasts den Dry-January-Teilnehmenden Augenwischerei vor. Weil ja Damp Drinking, also der maßvolle Genuss, auf Dauer eh viel vernünftiger und gesünder sei. Was da chronisch mitschwingt, ist die Unterstellung, dass man sich ansonsten die Hucke zusaufen würde, um es mal überspitzt zu formulieren.

Genau das ist mir persönlich zu pauschal. Und auch zu polemisch. Wer generell nicht maßvoll beim Weinkonsum ist, der macht in der Regel auch nicht beim Dry January mit. Einfach, weil dann das ein oder andere Problemchen, das man sonst prima kaschieren kann, zutage tritt. Was jetzt aber bitteschön nicht heißt, dass jeder Weinliebhaber, der sich dem Dry January verweigert und lieber das Damp Drinking propagiert, ein Problem hat! Im Gegenteil! Ein Großteil aller Weinliebhaber dieser Welt geht ja bereits sehr maßvoll mit dem Konsum des Lieblingsgetränks um. Sprich: Wer den überwiegenden Teil der Woche alkoholfrei bleibt und sich am Wochenende nicht eine Weinflasche nach der nächsten hinter die Binde kippt, der hat maßvollen Genuss absolut verstanden. Wenn man es aber bereits am Montag nicht erwarten kann, den Freitagswein zu öffnen, dann hat das mit Damp Drinking nur noch wenig zu tun.

Damp Drinking geht anders: Mit Weinflaschen überfüllter Tisch
Gegenteil von Damp Drinking: Wer so viele Weinflachen regelmäßig leert, der hat ein Problem. © breca/iStock

Wenn Damp Drinking zum Damp January mutiert

Und eh! Auf Tiktok mutiert das generelle Damp Drinking zum Damp January. Quasi als weichgespülte Alternative zum Dry January. Weil es einigen Menschen vielleicht schwerfallen könnte, einen ganzen Monat komplett auf Alkohol verzichten. Sorry, aber gerade in diesem Kontext verstehe ich dann das Dry-January-Bashing erst recht nicht. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der mich ein wenig stutzig gemacht hat.

Ich bin nicht so die große Podcast-Hörerin. Aber ich habe halt mitbekommen, dass Damp Drinking in vielen deutschen Weinpodcasts im Januar Thema war. In den meisten Podcasts kam es zur üblichen Verteufelung des trockenen Januars. Gut, könnte man meinen, gehört gerade halt zum guten Ton, wenn man “in” sein möchte. Interessant dabei war aber, dass sich vor allem Sommeliers sehr negativ über den Dry January äußerten. Und ein Sommelier sprach dann tatsächlich aus, was ich mir während des frustrierten Zuhörens bereits dachte. Wer beim Dry January mitmacht, der generiert im Restaurant einen Monat lang wesentlich weniger Umsatz. Uff. Simple. But true. Für einen Sommelier muss es wahnsinnig frustrierend sein, das neue Jahr mit weniger Umsatz zu beginnen. Das kann ich voll und ganz verstehen. Deswegen aber den Dry January per se zu verurteilen … ich weiß ja nicht.

Damp Drinking: Zeichnung eines Menschen, der in einer Weinflasche gefangen ist und nicht herauskommt
Können Damp Drinking oder Dry January Weinliebhaber vor einer Sucht bewahren? © francescoch/iStock

Bitte auch mal Grautöne in der Diskussion zulassen

Ich weiß auch nicht, ob es so toll ist, es als normal hinzustellen, wenn man sich als Paar nach dem Aperitif (meistens ein Gläschen Sekt) dann eine Flasche Wein teilt und eventuell noch einen Digestif genießt. Und vielleicht kommt während des Essens dann noch ein anderes Glas Wein dazu, weil das Gewächs der eigentlichen Wahl zu einem Gericht nicht so gut passt. Alternativ gibt’s ja auch noch die Weinbegleitung, wenn man gehobener und mehrgängig speist. Was wirklich ganz wunderbar ist. Ich mache das auch gerne. Ich weiß dann aber auch, dass ich an solch einem Abend wesentlich mehr Wein konsumiere als es die Definition von maßvoll zulässt. Von normal bin ich da also schon deutlich entfernt.

Genau deswegen bilden solche Abende bei mir inzwischen die Ausnahme. Was mich aber stört, ist, dass unter dem Deckmantel Damp Drinking ein maßvoller Genuss propagiert wird, der eigentlich gar nicht so maßvoll ist. Jedenfalls nicht, wenn man sich an den Werten der Weltgesundheitsorganisation orientiert. Ja, mir ist klar, dass diese von einer recht einflussreichen Anti-Alkohol-Lobby mitfinanziert wird. Und dass man da mit Studienergebnissen Augenwischerei betreibt. Denn man kommuniziert immer noch die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2018, die besagen, dass jeder Tropfen Alkohol schädlich sei. 2020 werteten Wissenschaftler eben jene Studie aber neu aus und kamen zu dem Ergebnis, dass dem nicht so sei. Wenn du das genauer nachlesen möchtest: Meiningers Weinwirtschaft hat das im Dezember 2023 sehr gut aufbereitet.

Es sind also nicht nur Sommeliers, die gegen den Dry January wettern. Die “andere” Seite bekleckert sich wahrlich auch nicht mit Ruhm. Was also tun? Lasst uns nicht so sehr schwarz-weiß denken, sondern mehr in Grautönen. Und vor allem: Finde dein eigenes Maß für Damp Drinking. Wenn der Dry January dazugehört, dann lass ihn dir nicht vermiesen. Der Trend zum Bashing ist nächstes Jahr ja vielleicht schon vorbei.

Copyright Titelbild: © ​​Blueastro/iStock

*Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er wurde weder beauftragt noch vergütet und spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen ausschließlich Service-Zwecken.

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