Johannes Hirsch: Der qualitätsbesessene Winzer aus dem Kamptal

Johannes Hirsch, Weingut Hirsch, Winzer, Österreich, Kamptal, Kammern, Riesling, Gründer Veltliner, Bottled Grapes

Er sei stur, sagt man. Er sei ein Querdenker, sagt man. Er schwimme ständig gegen den Strom, sagt man. Aber wenn es um seine Weine geht, dann geraten alle ins Schwärmen. Nun, als ich den Winzer Johannes Hirsch während einer Verkostung im Hamburger Oxhoft kennenlernen durfte, ist mir da ein höchst sympathischer und äußerst humorvoller Mann begegnet, der von seinen eigenen Ansprüchen angetrieben wird. Und die sind hoch.

Es gibt Menschen, die sind ihrer Zeit konsequent voraus. Zu ihnen gehört ganz eindeutig Johannes Hirsch aus dem österreichischen Kamptal. Dass er dadurch für viele Menschen manchmal unbequem ist, weil es halt doch viel kuscheliger ist, am Althergebrachten festzuhalten … geschenkt. Visionäre müssen unbequem sein, um etwas zu erreichen. Und wenn man über sie nicht regelmäßig den Kopf schüttelt, dann sind sie auch keine Visionäre.

Den Kopf geschüttelt haben die Leute ja schließlich schon über Johannes‘ Vater Josef Hirsch, der Ende der 1970er-Jahre die Finger vom Kunstdünger ließ und lieber mit dem Kuhdung vom Nachbarn arbeitete. Im Einklang mit der Natur und so. Ja, das brachte der Familie Hirsch das erste Kopfgeschüttel ein. An der naturnahen Bewirtschaftung hat auch Johannes Hirsch nichts geändert, als er 1995 als Kellermeister in das Familienunternehmen eintrat. Im Gegenteil. Inzwischen arbeitet er nicht nur biologisch, sondern biodynamisch. Und das bereits seit 2006. Aber trotzdem hat sich der Winzer so manchen Kopfschüttler sehr redlich verdient. Denn er traf ein paar Entscheidungen, die seiner Zeit definitiv voraus waren.

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Riesling und Grüner Veltliner – und sonst nix! ©Peter Podpera/Weingut Hirsch

Lang leben Riesling und Grüner Veltliner!

Als zum Beispiel Ende der 1990er-Jahre überall auf der Welt ein Loblied auf die positiven gesundheitlichen Eigenschaften von Rotwein gesungen wurde, riss Johannes Hirsch seine roten Reben raus. Alle. Gut, auch damals war der Rotweinanteil im Kamptal jetzt nicht riesig (so wie heute eben auch), aber trotzdem hatte jeder Winzer Rotweine. Hirsch machte bei sich damit Schluss. „Als ob Weißwein nicht auch solche positiven Eigenschaften hat!“, echauffiert sich der Winzer ein wenig während des Abends im Oxhoft. Jetzt ist es an ihm, den Kopf zu schütteln. Voller Bedauern ob der Tunnelblicke, die wir Menschen so gerne haben.

Dabei war es nicht nur reiner Trotz, der ihn mit dem Rotwein auf den eigenen Flächen schlussmachen ließ. Viel eher trieb ihn dabei eine rigorose Qualitätsphilosophie. Johannes Hirsch schaute sich seine Lagen an: Lamm, Heiligenstein, Grub, Renner und Gaisberg. Er analysierte die Böden und das Wetter. Und statt halt einfach anzupflanzen, machte er sich Gedanken, welche Reben eben welches Terroir am besten wiedergeben könnten. Riesling und Grüner Veltliner. Punkt. Zwei Rebsorten. Für je drei Weine. Mit unzähligen Möglichkeiten bestückt. Wenn man denn dann auch bitteschön aufs Terroir hört.

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Willkommen im Weingut Hirsch! ©Peter Podpera/Weingut Hirsch

Johannes Hirsch und das Terroir

Und genau das tut Johannes Hirsch bis heute. Deswegen schmecken seine Lagenweine auch so extrem unterschiedlich. Nehmen wir etwa mal den Grünen Veltliner vom Gaisberg, der so wunderschön leise und mineralisch daherkommt. Der Grüne Veltliner vom Lamm hingegen ist kräftig und mächtig. Erstaunlich hierbei: auch er hat viele leise Töne, fordert zum Hinhören und zum Zeitlassen auf. Trotz aller Power. Beeindruckend. Ähnliches gilt auch für den Riesling Heiligenstein.

Wobei jetzt eine Lage nicht nur einer Rebsorte vorbehalten ist bei Johannes Hirsch. Denn schließlich ändert sich so ein Boden ja auch von oben nach unten und von rechts nach links. Inklusive Sonnenwinkel und Windschneisen und so. Überall, wo Grüner Veltliner gedeiht, ist irgendwo deswegen auch Riesling zu finden. Es ist eben jener Riesling, der zu 15% in die Lagen-Veltliner kommt, um für Frische und Struktur zu sorgen. Gerne würde Hirsch auch noch mehr Riesling einsetzen. Doch dann hätten die Weine leider keinen DAC-Status mehr. Und mit dem verkauft man bedauerlicherweise auch noch heute sehr gut Wein, wie der Winzer während der Verkostung erklärt.

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Ein höchst sympathischer Visionär: Johannes Hirsch ©Peter Podpera/Weingut Hirsch

Wenn der Schraubverschluss den Korken ersetzt

Denn es ist ja nicht so, dass Johannes Hirsch Dinge verändert, ohne vorher darüber nachzudenken. Es ist immer die Vernunft, die ihn handeln lässt. Deswegen belässt er es halt bei den 15% Riesling, die gesetzlich erlaubt sind, damit der Grüne Veltliner noch das DAC als verkaufsförderndes Rattenschwänzchen behalten darf. So löst man eh keine Revolution aus. Und mit solchen kennt sich Johannes Hirsch aus. Womit wir jetzt endlich im Jahr 2002 wären. Während in Neuseeland, wo der Winzer mal eine Zeit lang gearbeitet hat, Schraubverschlüsse bei hochwertigen Weinen schon längst normal waren, wurde in der Alten Welt über selbige noch heiß diskutiert. Vor allem in Österreich. Ein Wein von Wert der braucht einen Korken, bitteschön!

„Wissen Sie eigentlich, wieviele schlechte Korkqualitäten damals auf dem Markt waren?“, fragt der Winzer während der Hamburger Verkostung. Jeder vierte Korken hätte damals einen fehlerhaften Wein zur Folge gehabt. Gerade bei den Lagenweinen sei das doch ein echter Jammer gewesen. Da Johannes Hirsch dank seines Neuseeland-Aufenthalts mit Drehverschlüssen sehr gute Erfahrungen gemacht hatte, stellte er kurzerhand auf selbige um. Damit war er der erste Winzer aus Österreich, der für seine Lagenweine eben jene Schraubverschlüsse verwendete. Sie kamen so erstmals 2003 auf den Markt.

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Kork sucht man hier vergeblich ©Peter Podpera/Weingut Hirsch

Kaufen Sie diese Weine nicht!

Was folgte, war ein Aufschrei von ungeahntem Ausmaß. Wie konnte dieser Hirsch es wagen! Dieser Querulant! Das geht doch nicht! Das kann er doch nicht machen! Die Weinwelt echauffierte sich mächtig. Vor allem dem damaligen Chefredakteur vom “Falstaff” war diese Modernisierung ein mächtiger Dorn im Auge. Im Editorial einer Ausgabe rief er deswegen sogar zum Boykott der Hirsch-Weine auf. Starker Tobak.

Nun, Zeiten ändern sich, Chefredakteure gehen. Inzwischen regt sich in Österreich niemand mehr über Lagenweine mit Schraubverschluss auf. Und auch der “Falstaff” hat eingesehen, dass die Weine von Johannes Hirsch dank eines ebenso präzisen wie leidenschaftlichen Handwerks wirklich außergewöhnlich sind. Die Folge: 2008 kürte das Magazin ihn zum “Winzer des Jahres”. Eine verdiente Auszeichnung, auf die Hirsch aber nicht weiter eingeht. Denn das, was für ihn zählt, sind nun einmal seine Weine selbst, die sich an seinem eigenen Anspruch messen lassen müssen. Johannes Hirsch ist und bleibt eben stur, wenn es um Qualität geht. Und das ist auch gut so.

Copyright Titelbild: ©Peter Podpera/Weingut Hirsch

*Dieser Artikel entstand ohne Wissen und Einfluss des Winzers und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Gesetzte Links dienen ausschließlich Servicezwecken und sind nicht kommerziell.

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