Buch und Wein von Rettet die Reben

Rettet die Reben: Der Museumsweinberg von Jochen Beurer

Mittelalterliche Rebsorten spielen die Hauptrolle im Museumswengert des württembergischen Winzers Jochen Beurer. Aber dieser Weingarten ist tatsächlich noch sehr viel mehr. Willkommen beim Projekt Rettet die Reben!

Hoch über Stetten thront sie. Die Y-Burg. Die Burgruine aus dem frühen 14. Jahrhundert prägt die Landschaft im Remstal und zieht nicht nur viele Touristen an. Denn auch die Einheimischen lieben ihr “Schlössle”, wie sie die Ruine nennen, sehr. Und die Winzer der Gegend haben sie sogar täglich im Blick. Schließlich befindet sie sich in unmittelbarer Nähe der Lage Pulvermännchen, die wiederum für ihre Riesling-Gewächse bekannt ist. Einer dieser Winzer mit täglichem Blick auf die Y-Burg war Jochen Beurer. Sein Interesse galt einem kleinen Weingarten am Pulvermännchen-Rand, direkt neben der Y-Burg. Dieser Wengert war so um das Jahr 2008 eigentlich gar kein richtiger Wengert mehr. Die Trockenmauern, die ihn umgaben, waren marode und eingefallen. Und die paar Riesling-Reben, die hier und dort noch standen, wurden von wilden Brombeersträuchern fast schon überwuchert. Jochen Beurer kaufte die 14 Ar (0,14 Hektar) trotzdem. Es war die Geburtsstunde des Projekts Rettet die Reben.

Das wusste der Winzer damals freilich noch nicht. Denn er stand erstmal ratlos vor seinem neu erworbenen Stückchen Land. Wie sollte er diesen Weingarten wieder in Schuss bringen? An dieser Stelle kam das Stettener Urgestein Eberhard “Ebbe” Kögel ins Spiel. Als der Gründer des Politik- und Kulturvereins Allmende mit dem Winzer so vor dem verlotterten Weinberg stand, kam ihm eine Idee. Nämlich die Trockenmauern zusammen mit anderen Mitgliedern seines Vereins wieder aufzubauen. Quasi als Erhaltung des historischen Kulturguts und zur Förderung der Biodiversität. In den Trockenmauern sollten sich dann nämlich wieder Insekten und Tiere ansiedeln, die im Remstal als gefährdet galten. Und mit erneuerter Trockenmauer hätte man dann auch die Basis für den Weingarten.Fotos in dem Weinbuch Rettet die Reben

Rettet die Reben: Am Anfang stand die Trockenmauer

Was sich simpel anhört, ist tatsächlich eine enorme Arbeit. Nicht umsonst sind in Württemberg die meisten Trockenmauern inzwischen verschwunden. Die Steine müssen erst einmal gefunden und herangeschafft und dann manuell bearbeitet werden. Von der Technik, die es braucht, um solch eine Trockenmauer zu bauen, mal ganz abgesehen. Und selbst das ist alles stark vereinfacht heruntergebrochen! Nicht umsonst heißt es, dass es pro Stein für solch eine Mauer einen Tag Arbeit braucht.

Hinzu kommen dann natürlich noch die Kosten. Ein Quadratmeter Trockenmauer kostet 500 Euro. Die Fläche rund um den verwilderten Weingarten beträgt etwa 150 Quadratmeter. Machte also gut 75.000 Euro. Ein Weingut allein konnte das nicht finanzieren. Zum Glück zählten die Trockenmauern am Pulvermännchen zu den erhaltenswerten Biotopen, für die es eine Förderung von bis zu 80 Prozent gab. Jochen Beurer kümmerte sich um den Papierkram, Ebbe Kögel legte los. Es war der nächste Schritt für das Projekt Rettet die Reben, das zu diesem Zeitpunkt aber immer noch nicht so hieß.Buch Rettet die Reben auf einem Balkontisch in der Sonne

Historische Rebsorten für die Y-Burg

In der Zwischenzeit nahm der Weingarten aber in einem anderen Bereich weiter Form an. Jochen Beurer besuchte nämlich einen Vortrag von Dr. Christine Krämer, bei dem es um alte württemberger Rebsorten ging. Dem Winzer kam eine Idee. Wie wäre es denn, wenn man genau diese Trauben im Weingarten pflanzen würde? Damit sie erhalten bleiben. Quasi in einem lebendigen Museum. Und um zu zeigen, dass man auch noch heute ganz prima aus ihnen Wein machen kann. Genau das war dann die finale Geburtsstunde von Rettet die Reben. Nur, wer hatte solche Weinstöcke?

Nach kurzer Recherche kontaktierte Jochen Beurer den Wissenschaftler Andreas Jung im pfälzischen Lustadt. Der ausgewiesene Rebendetektiv archivierte in seinem Büro für Rebsortenkunde und Klonselektion nämlich vergessene Rebsorten, die er während seiner Streifzüge durch alte Weinberge aufspürte. Und dann war da noch der Rebsortenexperte Bernd Hill von der Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg. Gemeinsam steuerten die beiden 17 verschiedene Sorten für den Museumsweinberg in Stetten hinzu. Diese wurden noch durch vier weitere mittelalterliche, aber nach wie vor bekannte Trauben ergänzt. Neben Fütterer, Kleinweiß, Räuschling, Heunisch und Honigler pflanzte Jochen Beurer im Jahr 2009 so auch Neuburger, Gelben Orleans, Frühroten Veltliner oder Roten Gutedel in den von Schilfsandstein geprägten Boden. Die Mission Rettet die Reben konnte losgehen.Wein vom Winzer Jochen Beurer in einer Nahaufnahme

Ein Museumsweingarten entsteht

Gepflanzt wurde im Gemischten Satz. Also alle Reben kreuz und quer verteilt. Eine Praxis, die man in Deutschland nur noch höchst selten, in Österreich vor allem rund um Wien aber durchaus noch regelmäßig findet. Dort allerdings vor allem mit den modernen Reberziehungssystemen. Jochen Beurer wollte es für sein Projekt Rettet die Reben so ursprünglich wie möglich halten. Deswegen sollte es bei ihm die Drei-Schenkel-Erziehung sein, für die man drei Pfähle benötigt, damit man die Triebe mit Weidenruten und Pfeifengras anbinden kann. Eine höchst aufwändige Angelegenheit, für die man etwas Übung braucht. Genau die hatte zum Glück Jochens Vater, der das Erziehungssystem noch aus seiner Kindheit kannte. Die Basis für Rettet die Reben konnte dann also endlich in dem Boden wurzeln.

Traditionell brauchen Weinstöcke zwei bis drei Jahre, bevor man die ersten Trauben lesen und aus ihnen Wein machen kann. Beim Projekt Rettet die Reben waren es drei Jahre. Denn 2011 machte das Wetter Jochen Beurer einen Strich durch die Rechnung. Der Frühjahrsfrost war zu heftig für die Triebe der jungen Stöcke. Im Jahr 2012 war es dann aber so weit: die erste Lese ging über die Bühne. Insgesamt 150 Kilogramm Trauben. Selbstverständlich ausschließlich per Hand gelesen. Auch danach ging es so ursprünglich wie möglich weiter. So wurden die Trauben etwa mit den Füßen getreten – und nicht mechanisch gepresst. Spontangärung, ein langes Hefelager, kontrolliertes Nichtstun und der Verzicht von Schwefel sind bei allen Weinen von Jochen Beurer selbstverständlich. So dann natürlich auch hier.Wein Gemischter Satz von Jochen Beurer

Rettet die Reben – der Wein dazu

Bleibt nur noch die Frage, wie dieser Gemischte Satz denn nun schmeckt. Um das herauszufinden, habe ich mir den 2015er gekauft. Und tatsächlich mit sehr großer Freude verkostet. Auffällig ist hier erstmal das tiefe Goldgelb des Weins. Das verspricht Komplexität. Ein Versprechen, das die Nase dann auch direkt einlöst. Hier finden sich Anklänge von reifem gelben Apfel, saftiger Birne, Quitte, Mirabelle, Orangenschale und Heu. Generell hat der Wein einen sehr gelben und warmen Charakter. Am Gaumen dicht und stoffig, mit viel Schmelz, der für ordentlich Eleganz sorgt. Leise ist der Wein nicht. Er spricht schon recht deutlich. Dabei ist er aber nicht laut oder gar brüllend.

Wenn man jetzt bedenkt, dass dieser Rettet-die-Reben-Wein von gerade einmal sechs Jahre alten Stöcken stammt, kann man sich ausmalen, wie intensiv der Gemischte Satz in zwanzig oder gar dreißig Jahren sein wird, wenn die Wurzeln sich mal so richtig tief in das Erdreich gegraben haben. Genau das ist übrigens auch das Ziel von Jochen Beurer, der geduldig darauf wartet, dass sein Museumswengert in die Jahre kommt. Bei konsequenter Pflege, versteht sich. Inzwischen summt und brummt es in dem Weingarten übrigens mächtig, während seltene Echsen auf der Trockenmauer ein Sonnenbad nehmen. Bänke laden zum Sitzen und Verweilen ein. Und Ortsunkundigen (aka Touristen) wird das Projekt Rettet die Reben mithilfe von Informationstafeln näher gebracht.Detailaufnahme von einem Buchcover

Rettet die Reben: Das Buch zum Projekt

An dieser Stelle könnte die Geschichte rund um Rettet die Reben auserzählt sein. Ist sie aber nicht. Denn als 2012 Bernhard Lobmüller, ein Stuttgarter Freund von Jochen Beurer, den Museumsweingarten erstmals besuchte, war er hin und weg von der Artenvielfalt und den Weinreben, die da so in der Sonne glitzerten. Er ließ sich vom Winzer das Projekt dahinter erklären und war direkt Feuer und Flamme. Ein Buch dazu musste her! Gemeinsam mit Christine Krämer, Claudia List und Ingmar Volkmann schrieb er die Texte, während Ronny Schönebaum die Fotos beisteuerte. 2013 erschien dann das Buch zum Projekt Rettet die Reben bei der Edition Randgruppe.

Und das lohnt eine genauere Lektüre. Nicht nur wegen der bildhübschen Fotos, die den Museumsweingarten im Laufe der wechselnden Jahreszeiten zeigen. Sondern auch wegen der Texte. Ich habe hier ja nur an der Spitze des Hintergrundinformationseisbergs gekratzt. Detailliert wird die Geschichte hinter Rettet die Reben dann im Buch erzählt. Zudem gibt es zu den Themen Trockenmauern und historische Rebsorten zwei eigenständige Bereiche im Buch. Gerade die Infos und die historische Einordnungen der Trauben sind ein wahres Wissensmekka für interessierte Weinliebhaber. Schon allein das ist eine Lektüre wert. Am besten natürlich mit einem Glas von dem Gemischten Satz in der Hand. Noch besser: wenn du mal im Remstal bist, dann schau dir den Weingarten an der Y-Burg einfach mal selbst an. Dieser Ausflug lohnt sich allemal!

Copyright alle Bilder: © NK/Bottled Grapes

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben, noch vergütet. Er entstand ohne Einfluss des Weinguts Beurer, hat nichts mit dem Projekt Rettet die Reben zu tun und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken. Buch und Wein wurden von mir selbst gekauft.

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