Weingut Beurer: “Antiautoritärer Weinbau” aus Württemberg

Winzer Jochen Beurer mit Ortsschild vor seinem Weinberg

Unverwechselbare Rieslinge, mittelalterliche Rebsorten und Biodynamie – das sind nur einige Schlagworte, die fallen, wenn es um das Weingut Beurer geht. Schauen wir uns den Betrieb im Remstal einmal genauer an.

Die Jugend von Jochen Beurer war sportlich. Ob nun BMX-Europameister oder Weltcup-Teilnehmer in der Sparte Mountainbike – seine Leidenschaft galt dem Radsport. Aber eben auch dem Wein. Denn es war tatsächlich schon immer sein Traum, eines Tages Winzer zu werden. Das Problem: seine Familie betrieb zwar schon seit langer Zeit vor den Toren Stuttgarts Landwirtschaft, aber Wein lief eben nur nebenbei mit, die Trauben wurden an die örtliche Genossenschaft geliefert. Doch 1997 war damit Schluss. Obwohl Jochens Vater im Vorstand der Genossenschaft war, erfüllten sich die beiden zusammen mit Jochens Frau Marion den großen Traum vom Weingut Beurer. Da war Jochen Beurer gerade einmal 24 Jahre alt.

Nun ist träumen die eine, aber diesen Traum auch konsequent zu leben, eine ganz andere Sache. Nach seiner Weinbau-Ausbildung sah sich Jochen Beurer um. Und war unzufrieden. Ob nun seine Weine oder die vom Nachbarn – alle ähnelten sich irgendwie. Jochen, schon immer ein großer Querdenker und Individualist, wollte das so nicht mehr gelten lassen. Sein Ziel war es, eigenständige Weine mit Charakter zu machen. Der erste Schritt in diese Richtung: 2004 stellte er das Weingut Beurer auf ökologische Bewirtschaftung um. Lief der Übergang von Genossenschaft zum eigenen Weinbetrieb noch reibungslos, regten sich an dieser Stelle dann doch die Gemüter der benachbarten Winzer. “Wir wurden belächelt und es wurde viel über uns gelästert”, erinnert sich Jochen Beurer.

Biodynamie und das Weingut Beurer

Mit dem Umstieg auf bio und 2008 dann auf biodynamisch ging es für das Weingut Beurer trotz der Belustigung im Ort Schritt für Schritt weiter. Nämlich hin zu Weinen, die im Weingarten und eben nicht im Keller entstehen. Die Rebflächen in Stetten liegen an den Hängen der Keuperlandschaft. Durch den Wechsel zwischen weichen Mergeln und harten Sandsteinen bildet diese an den Talhängen typische Stufen mit Bergnasen aus. Der lebhafte Wechsel der Gesteine ermöglicht eine Aufteilung in mehrere Schichten, die so typisch für die Keuperlandschaft sind. Und für die Weine des Weinguts Beurer. Denn Jochen Beurer setzt konsequent auf das unterschiedliche Terroir.

Blick in den Weingarten vom Weingut Beurer
Zwischen den Reben ©Weingut Beurer

Und welche Rebsorte eignet sich dafür besser als Riesling? Eben! Im Rotweinland Württemberg machen weiße Rebsorten 80% seiner 13,5 Hektar aus. Und davon sind wiederum 80% Riesling. Ganz einfach, weil Jochen sein Weinherz an diese Rebsorte verloren hat. Nach und nach fand er dank dieser Liebe dann auch seinen Weg im Weinkeller. Denn da passiert per se nicht viel. “Kontrolliertes Nichtstun” ist die Devise. Natürlich vergären alle Weine spontan mit weinbergseigenen Hefen. Und natürlich dürfen sie auch den biologischen Säureabbau durchlaufen, wenn sie denn möchten. Für Weißweine war das vor gut zehn Jahren noch eine weitere Lästerei wert.

Wenn ein Querdenker VDP-Mitglied wird

Doch Jochen Beurer ließ sich nicht beirren. Er ging weiter seinen Weg. Und dieser führte ihn dann 2013 sogar zum VDP. “Es ist als VDP-Mitglied nicht schwierig biodynamisch zu arbeiten, aber es ist schwierig, seine Ansichten in die verhärteten, alteingesessenen Gedanken einzubringen. Vor allem mit seinem Weinstil, wenn alles spontan vergoren ist und erst zum Teil nach 15 – 16 Monaten in die Flasche kommt”, verrät Jochen. Da die Individualität zu bewahren, ist nicht immer einfach: “Bei uns in Württemberg wurde sogar tatsächlich über einen einheitlichen Riesling GG-Stil gesprochen und der wäre mit Sicherheit nicht spontan vergoren.”

Gut Ding will Weile haben

Während andere Winzer versuchen, ihre Weine so schnell wie möglich auf den Markt zu bringen, haben sie bei Jochen Beurer alle Zeit der Welt, die sie benötigen, um von selbst fertig zu werden. Dass die Weine so lange auf der Hefe liegen, bevor sie auf die Flasche kommen, ist übrigens ein weiteres “Markenzeichen” vom Weingut Beurer. Die Anführungszeichen sind hier bewusst gesetzt. Denn es ist ja nicht so, dass Jochen Beurer das aus Marketing-Gründen macht. Im Gegenteil! Schließlich ist es dem Winzer ein Bedürfnis, Weine entstehen zu lassen, die höchst eigenständig sind. Auch wenn er damit nicht den genormten Mainstream-Geschmack trifft. Und trotzdem gibt der Erfolg ihm Recht.

Winzer Jochen Beurer sitzt auf einer Steinmauer und jongliert mit Steinen
Winzer Jochen Beurer lässt sich nicht beirren ©Weingut Beurer

Zum einen, weil sich vor allem die charaktervollen und höchst unterschiedlichen Rieslinge, die allesamt mit viel Extrakt aber ebenso mit enorm abwechslungsreichen und filigranen Facetten brillieren, sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Zum anderen aber auch, weil seine Art der Bewirtschaftung Nachahmer gefunden hat, wie der Winzer bestätigt: “Bei uns in Stetten ist es sehr schön, dass es immer mehr Ökos gibt. Die Stettener Rebfläche wird jetzt schon zu ca. 45% ökologisch bewirtschaftet und es gibt große Blöcke, die komplett öko sind. Aber es sind doch noch ein paar konventionelle Winzer dabei, die aber mehr und mehr auf Herbizide verzichten! Immerhin!”

Der Gemischte Satz des Weinguts Beurer

Angst, dass konventionelle Methoden der benachbarten Flächen einen negativen Effekt auf seine eigenen Reben haben könnten, hat Jochen Beurer übrigens nicht. “Sonst würde man sich ja verrückt machen”, stellt er klar. Und Energie verschwenden. Energie, die an anderer Stelle benötigt wird. Stillstand gibt es beim Weingut Beurer schließlich nicht. Alles ist im Fluss. So werden immer wieder spannende Projekte verwirklicht. Eines davon war (und ist!) der Gemischte Satz, den es seit der 2012er-Edition gibt. Nun ist ein Gemischter Satz in Deutschland eh schon eine Rarität, aber es geht noch spezieller. Denn er besteht ausschließlich aus mittelalterlichen Rebsorten.

Und das kam so: “Es war ein aufgelassener Wengert direkt an der Y-Burg. Diesem haben wir uns angenommen und ihn gekauft. Wir haben die Trockenmauer wieder aufgebaut. Durch eine gute Freundin (Christine Krämer), die Historikerin ist und über mittelalterliche Rebsorten in Württemberg ihre Doktorarbeit geschrieben hat, sind wir auf die Idee gekommen, unseren Schlössleswengert mit diesen Sorten zu bepflanzen. Wir haben die Rebstöcke über Andreas Jung (Rebenforscher) aus der Pfalz bekommen und dann 2009 angepflanzt.”

Weingut Beurer: Weine mit Mehrwert

“Der Wengert wurde sehr gut angenommen, da sich das Landschaftsbild sehr positiv verändert hat. Wir haben ein Paradebeispiel an Biodiversität im Weinbau geschaffen”, resümiert Jochen Beurer zufrieden. Aber das Weingut Beurer wäre nicht das Weingut Beurer, wenn das Besondere nicht noch mit einer weiteren Besonderheit daherkommt. Deswegen ist, begleitend zu dem überaus eigenständigen Wein, der hierzulande ein echtes Solitär ist, ein Buch entstanden, das einem das Projekt mit den mittelalterlichen Rebsorten näherbringt. Eine ebenso clevere wie auch nachhaltige Idee, denn schließlich kann der Winzer nicht jedem Menschen, der diesen Wein genießt, den Hintergrund erklären. Dank des Buches indes schon. Typisch Jochen Beurer eben.

Copyright Titelbild: ©Weingut Beurer

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben, noch vergütet. Er entstand ohne Einfluss des Weinguts Beurer und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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