Bordeaux in der Krise?
Zuerst sorgte extrem günstiger Discounter-Bordeaux in Frankreich für Aufregung, dann die unverschämt niedrigen Fassweinpreise der Bordelaiser Négociants. Und jetzt sind auch noch die Subskriptionspreise quasi im freien Sinkflug. Und ja, alles hängt irgendwie zusammen.
Anfang April 2024 schaffte es die französische Discounter-Kette Carrefour bis in die deutschen Medien. Nämlich mit ihrem Preis für einen Bordeaux zu 1,66 Euro pro Flasche. Die Deutschen mag so ein Tarif ja freuen, aber im qualitätsbewussten Frankreich war das schon ein handfester Skandal. Wobei selbst wir Deutschen inzwischen mehr für eine Flasche Wein ausgeben. Das will schon etwas heißen! Kein Wunder, dass deutsche Medien das Thema dann auch dankbar aufnahmen. Unter anderem ist der komplette Sachverhalt bei Meininger nachzulesen.
Jedenfalls schlug das ganz schön hohe Wellen. Vor allem regten sich die Bordeaux-Winzer:innen auf. Klar. Sie waren ja auch direkt betroffen. Wobei der Dumping-Preis ja nicht von ungefähr kommt. Immerhin verurteilten französische Gerichte die beiden Négociants (also Händler, die aber nicht nur mit Weinen handeln, sondern sie eben auch komplett vermarkten – und gegebenenfalls sogar selbst abfüllen) Cordier und Ginestet zu einer Schadensersatzzahlung in Höhe von 202.000 beziehungsweise 153.000 Euro. Weil diese eben ihre Fassweine viel, viel, viel zu günstig eingekauft hatten. Auch bei Meininger nachzulesen.
Überproduktion und Krisendestillation
Wenn Winzer ihre Weine unbedingt loswerden müssen, dann kann man da als Négociant schon ordentlich Druck ausüben. Was es dann halt auch ermöglicht, einen Wein aus einer der französischen Prestige-Regionen schlechthin für 1,66 Euro in den Discounter zu bringen. Wahrscheinlich dachten die Négociants auch noch, sie würden den Winzer:innen einen Gefallen tun. Denn schließlich ist das Bordeaux krass von einer Überproduktion betroffen. Von den rund 4,6 Millionen Hektolitern, die man jedes Jahr in Bordeaux an Wein produziert, destilliert man letztlich fünf Prozent zu Industriealkohol. Das ist jetzt nicht gerade wenig.
Du siehst: Die glorreichen Bordeaux-Zeiten scheinen vorbei zu sein. Früher, also noch vor gut 20 Jahren, da konnten die kleinen sowie die riesigen Erzeuger prima im Windschatten der großen und namhaften Châteaux ihre generischen Bordeaux-Weine verkaufen. Das waren manchmal regelrechte Tannin-Monster, die eben nicht in Würde reifen konnten, sondern einfach nur sauer wurden. Ja, es war auch viel ordentliche Qualität dabei. Aber wenn man sich damals nicht auskannte, dann verzog man halt recht oft das Gesicht. Zu Recht.
Weht ein neuer Weinwind durchs Bordeaux?
Doch dann funktionierte dieser Windschattenverkauf halt nicht mehr so richtig. Es gab inzwischen einfach zu viel von diesen generischen Weinen. Während sich bei der Subskription (verbindlicher Verkauf eines Weins, bevor dieser überhaupt auf der Flasche ist) der Grands Crus Classés (klassifizierte Spitzenweingüter) die Preisschraube in die Höhe drehte, befanden sich die generischen Weine preislich im freien Fall. Was dann auch für die Fassweine galt. Oder auf den Punkt gebracht: Die Winzer:innen blieben auf ihren Produkten sitzen.
Beim Bordeaux-Verband (Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux, abgekürzt CIVB) rauchten die Köpfe. Zunächst propagierte man einen neuen Bordeaux-Stil. Eben einer, der charmant und trinkig daherkommt. Kategorie süffiger Alltagswein, den man bitteschön nicht lange lagern sollte. So als Abgrenzung zu den Crus Classés. Dafür ließ man auch neue oder wiederentdeckte Rebsorten zu. Piwis zum Beispiel. Oder auch Tempranillo. So mancher Produzierende profitierte davon. Château Carsin zum Beispiel. Wobei das bei denen nicht nur am neuen Bordeaux-Stil, sondern auch an deren Orange-Weinen lag. Die Mehrheit der Weingüter hatte trotzdem Absatzschwierigkeiten.
Mondieu! En primeur!
Zugleich begann 2023 erstmals auch die en-primeur-Kampagne zu kriseln. Und zwar so richtig. Also das Schaulaufen der Weineitelkeiten in Bordeaux. Sprich: Der Zeitraum, in dem Händler Subskriptionsweine verkosten können, bevor die Châteaux dann nach und nach ihre Preise an die Öffentlichkeit jagen, denen dann recht zeitnah die ersten Bepunktungen von Robert Parkers Wine Advocate, James Suckling und Co. folgen. Preis und Punkte bedingen sich in der Regel ein wenig. Das hat Tradition, denn schließlich waren es die Parker-Punkte, die Bordeaux in den 1980er-Jahren wieder zum alten Glanz verhalfen.
Jedenfalls machten beim en primeur 2023 die ersten Négociants ihrem Unmut Luft. Denn es gehörte halt immer zum guten Ton, auch eine Menge Massenweinware einkaufen zu müssen, wenn man bestimmte Grand Vins haben wollte. Und das nahm halt überhand. Mal ganz davon abgesehen, dass die Preise für den Jahrgang 2022 erneut explodierten. Die Négociants sind knallharte Händler, wenn es um die normalsterblichen Weingüter geht. Aber bei den Prestige-Betrieben geraten sie halt selbst unter Druck.
Volle Lager mit Bordeaux-Weinen
Wobei das nicht alles ist. Denn tatsächlich schwächelt der Fine-Wine-Markt gerade bedenklich. Vor allem bei den Bordelaiser Gewächsen. Wie in The Drinks Business nachzulesen, sind weltweit die Lager mit gereiften Grands Vins aus dem Bordeaux brechend voll. Der Absatz schwächelt. Was aber noch schlimmer ist: Es gibt derzeit einen Preisverfall. Viele Bordeaux-Weine, die seit Jahren bei Händler:innen unter idealen Bedingungen reiften, sind plötzlich nur noch die Hälfte ihres Einkaufspreises wert. Okay, sie sind wahrscheinlich viel mehr wert. Aber die Händler:innen werden sie zu den gewünschten Preisen einfach nicht mehr los.
Bereits 2023 stellten sich viele Konsumierende deshalb die Frage, warum sie überhaupt subskribieren sollen, wenn sie gereifte Bordeaux-Weine zu einem besseren Preis bekommen als die Weine, die noch gar nicht auf der Flasche sind. Verständlich. Deswegen erwartete man nach der en-primeur-Veranstaltung 2024 mit Spannung die Preise. Und die trudeln jetzt so nach und nach ein. Tja, auch hier sind die Preise jetzt im Sinkflug. Etwa 30 Prozent weniger rufen die Châteaux im Durchschnitt auf. Bei Château Léoville Las Cases aus Saint-Julien sind es sogar 40 Prozent, wie Wein Plus berichtet. Die Lager der Fine-Wine-Händler leert das indes nicht. Das Problem bleibt derweil also bestehen.
Bordeaux-Beben
Du siehst: Es geht gerade ein multiples Beben durch Bordeaux. Für die Produzierenden der generischen Weine scheint bereits ein Heilmittel gefunden worden zu sein. Denn man will jetzt die Rebfläche (derzeit 110.000 Hektar) im Jahr 2024 um zehn Prozent reduzieren. Bis zu 100 Millionen Euro lassen sich die französische Regierung und die Europäische Union diese Marktbereinigung kosten. Etwa 6.000 Euro pro Hektar plus Rodungskosten erhalten die Weingüter für diesen Aufwand. Hier setzt man also auf eine deutlich reduzierte Produktion.
Zugleich rührt der CIVB die Werbetrommel für Crémant de Bordeaux als Exporthit und hebt auch den Bordeaux Blanc als idealen Sommerwein hervor. Außerdem sind Nachhaltigkeit und ökologische Bewirtschaftung die neuen Kampfbegriffe auf den Exportmärkten. Also auf so ziemlich allen Exportmärkten – außer Deutschland. Denn hier scheint der CIVB seine Aktivitäten fast gänzlich eingestellt zu haben. 2024 gab es bis jetzt jedenfalls weder den Bordeaux-Newsletter für den Handel noch irgendwelche Presseveranstaltungen oder Schulungen. Und auch auf der ProWein hielt man sich dezent im Hintergrund. Gut, Hauptabsatzmärkte für Bordeaux sind halt auch China (309.000 Hektoliter), die Vereinigten Staaten (230.000 Hektoliter) und Belgien (177.000 Hektoliter). Wenn’s nicht rund läuft, dann muss man sich halt an die Großen halten.
Und wie geht’s in Bordeaux weiter?
Derweil kippen verärgerte Winzer:innen weiterhin Mist vor die Tore der Négociants (Meininger berichtete) und fordern höhere Literpreise, während die Diskussion um Nachhaltigkeit und organische Bewirtschaftung jetzt auch bei den Bordeaux Grands Crus angekommen ist. Manch einer scheint im Bordelais aber noch einen anderen Weg aus der wirtschaftlichen Misere zu sehen. Schließlich brachte Kolonne Null Ende 2023 den ersten alkoholfreien Bordeaux auf den deutschen Markt. Nicht für 1,66 Euro, sondern für 14,40 Euro. Womit man sich ja fast schon an die guten, alten Preiszeiten für die generischen Weine erinnert fühlt.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das Bordeaux steckt tatsächlich in einer Krise. Aber wie du siehst, dreht man schon an sehr vielen verschiedenen Schrauben, um das zu ändern. Die Frage ist jetzt halt nur, welche dieser Schrauben auch tatsächlich Erfolg versprechen. Zum Glück sind die Franzosen mental anders drauf als wir Deutschen. Wir würden uns nur gegenseitig die Schuld geben, kräftig meckern und noch mehr jammern – und dann den Kopf in den Sand stecken. Ich hoffe derweil, dass man in Bordeaux in der Krise auch eine große Chance sieht. Nämlich für wirkungsvolle Veränderungen, die als Vorbild dienen können. Damit wäre das Bordeaux dann wieder Vorreiter statt Schlusslicht.
Copyright Titelbild: © OceanProd/iStock
*Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wurde weder beauftragt noch vergütet und spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen ausschließlich Service-Zwecken.
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