Winzerin Nea Berglund hält ihre von roten Trauben verfärbten Hände in die Kamera

Château Carsin: Frischer Wein-Wind aus Cadillac Côtes de Bordeaux

Obwohl das Château Carsin bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts existiert, ist die Geschichte des Bordeaux-Weinguts ebenso jung wie ungewöhnlich. Denn hier hat sich der Finne Juha Berglund seinen großen Traum erfüllt. Und genau diesen setzt seine Tochter Nea Berglund seit ein paar Jahren fort. Nur eben auf ihre Art.

Dass es das Château Carsin in seiner heutigen Form gibt, hat Juha Berglund einem kleinen Trick zu verdanken. Es war nämlich der große Traum des Finnen, irgendwann einmal ein Weingut zu besitzen. Vorzugsweise in Bordeaux. Schließlich waren diese Weine schon immer seine Leidenschaft. 1990 – also im Geburtsjahr seiner Tochter Nea – stieß er während eines Urlaubs auf eben jenes Château Carsin in der Côtes de Bordeaux, das gerade zum Verkauf stand. Juha Berglund wusste direkt, dass er endlich die Chance hatte, seinen Traum zu verwirklichen. Es gab da nur ein kleines Problem. Ihm fehlte die nötige Finanzierung. Womit wir jetzt beim Trick wären. Denn Juha Berglund hat zwei Schwestern. Diesen schwärmte er von dem “Feriendomizil” im Bordelais vor. Und wie schön es doch wäre, dort als Familie regelmäßig Urlaub machen zu können. Dass zum Château Carsin auch 14 Hektar Rebfläche gehörten und der Weinkeller voll ausgestattet war, erwähnte der Finne vorsorglich nicht.

Also kaufte sich die Berglund-Familie gemeinsam ein “Ferienhaus” in Bordeaux. Dass das Château Carsin eigentlich ein Weingut war, fanden die Schwestern dann vor Ort heraus. Ebenso wie der Rest der Sippschaft, die von Juha Berglund wann immer nur möglich nach Rions gelockt wurden. Offiziell machten sie dort Urlaub. Inoffiziell halfen sie selbstverständlich überall mit. Nea Berglund erinnert sich noch gut daran, dass sie schon als kleines Kind Unkraut zupfte, wenn sie ihren Vater in den Ferien besuchte. Denn ja, Nea wuchs tatsächlich in Finnland auf. An den Spagat zwischen den beiden Welten gewöhnte sie sich aber schnell. Und begann, die Weinbegeisterung ihres Vaters zu teilen.

das Château Carsin mit einem Regenbogen über dem Haus
Willkommen auf Château Carsin! © Nea Berglund/Château Carsin

Château Carsin im Wandel der Zeit

Dieser ging es dann aber vielleicht etwas zu enthusiastisch an. Zwischen den Jahren 1995 und 1998 wuchs die Rebfläche von Château Carsin von 14 auf 60 Hektar an. Das ist schon sehr beachtlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Winzer in der Appellation Cadillac Côtes de Bordeaux durchschnittlich 11 Hektar bewirtschaftet. An der Spitze des Wachstums merkte Juha Berglund, dass er mit der Expansion vielleicht übertrieben hatte und begann damit, nach und nach einige Weingärten wieder zu verkaufen. Zur Jahrtausendwende folgte dann die nächste Änderung. Denn Juha Berglund traf auf die Lehren des Biodynamie-Vorreiter Nicolas Joly, der von der Loire aus eine echte Weinbaurevolution in Frankreich lostrat. Dieses Feuer setzte auch Juha Berglund in Flammen. Er stellte die Bewirtschaftung des Château Carsin erst auf organische und dann auf biodynamisch um. Für genau zehn Jahre.

Obwohl das Weingut bereits 2010 nur noch die heutigen 21 Hektar hatte, stellte sich irgendwann heraus, dass Biodynamie dann doch zu aufwändig war. Und dass sich einige Flächen so einfach nicht gut bewirtschaften lassen. Also stellte Juha Berglund wieder um. Er ging und geht an jede Herausforderung immer äußerst pragmatisch und direkt heran. Das alles bekam auch seine Tochter Nea Berglund mit, wenn sie zu Besuch in Frankreich war. Sie mochte Wein, hatte damals aber noch nicht wirklich vor, selbst Winzerin zu werden. Jedenfalls bis zu ihrem 15. Lebensjahr 2005. Denn damals machte sie ihre erste richtige Ernte auf Château Carsin mit. Und war direkt Feuer und Flamme. Genau das wollte sie machen! Wieder und wieder! Für den Rest ihres Lebens!

Von blauen Trauben rot gefärbte Frauenhände
Handarbeit wird auf Château Carsin groß geschrieben. © Nea Berglund/Château Carsin

Nea Berglund steigt mit ein

Aber erstmal zog es Nea Berglund nach ihrem Schulabschluss in Finnland hinaus in die Welt. Nämlich nach Australien und Neuseeland, wo sie einige Zeit bei verschiedenen Weingütern arbeitete. Ihr war es wichtig, auch andere Herangehensweisen kennenzulernen – und eben nicht nur die ihres autodidaktischen Vaters. Es folgte ein klassisches Önologie-Studium in Bordeaux, bevor sie dann im Jahr 2015 beim Château Carsin mit einstieg und den Betrieb dann bis 2019 Seite an Seite mit ihrem Vater führte. Seitdem ist sie allein verantwortlich für alle Weine.

Nea Berglund und ihr Vater Juha haben beide einen ebenso sonnigen wie starken Charakter. Dementsprechend krachte es anfangs schon mal ab und zu gewaltig zwischen Vater und Tochter. Juha war so etwa zum Beispiel nach wie vor ein Biodynamie-Verfechter. Nea indes verfolgte eher einen wissenschaftlichen Ansatz, in dem mit Dung gefüllte Kuhhörner nichts zu suchen hatten. Um es mal überspitzt zu formulieren. Beide einigten sich dann schließlich, wieder zur organischen Bewirtschaftung zurückzukehren.

Nea und Juha Berglund von Château Carsin
Vater und Tochter – hier mal innig vereint. © Nea Berglund/Château Carsin

Château Carsin und der moderne Bordeaux-Stil

Und dann war da ja noch die Sache mit der Bezahlung. Nea Berglund war es von Kindesbeinen an gewohnt, ohne Bezahlung auf Château Carsin zu arbeiten. Ihr Vater hätte das auch gerne genau so nach ihrem Einstieg weitergeführt. Doch Nea wollte bezahlt werden. Der Vater stellte sie vor die Wahl: Geld oder Trauben. Einem inneren Instinkt folgend, entschied sich Nea für die Trauben. Um daraus ihre eigenen Weine zu machen. Parallel war sie bereits für die klassischen Weine von Château Carsin verantwortlich. Wobei die Bezeichnung “klassisch” hier wirklich nicht so ganz passt. Denn Nea Berglund ist eine vehemente und konsequente Vertreterin des neuen Bordelaiser Weinstils. Also weg von den langlebigen Tanninmonstern, hin zu den frischen und fruchtigen Weinen, die man jung sehr gut genießen kann.

Besonders empfehlenswert ist an dieser Stelle der in der Amphore ausgebaute Carménère, der mit kräutrigen Noten ebenso besticht wie mit Anklängen von grüner Paprika und Tomatenblättern, dabei aber auch ein wunderschönes Aroma von roten Waldbeeren offenbart. Am Gaumen kapiert man dann auch, was es mit dem neuen Bordeaux-Weinstil auf sich hat: der Wein ist so unglaublich frisch und fein und seidig – herrlich! 

Was bei Nea Berglund allerdings klassisch geblieben ist: der Rebsortenspiegel. Für die Weine von Château Carsin liegt der Fokus ganz eindeutig auf roten Trauben. Merlot spielt mit 55 Prozent (9 Hektar) unangefochten die erste Geige. Gefolgt von Cabernet Franc mit 1,2 Hektar und ergänzt durch Malbec, Carménère, Cabernet Sauvignon und ein ganz klein wenig Petit Verdot. Auf der weißen Seite finden sich dann die beiden Bordeaux-Klassiker Sauvignon Blanc und Sémillon – komplettiert durch Sauvignon Gris.

Die Ponys von Château Carsin im Weingarten
Zwischen den Rebzeilen findet man auch Ponys. © Nea Berglund/Château Carsin

Geburtsstunde der Charivari-Weine

2015 gehörte übrigens auch noch ein Weingarten mit Chardonnay dazu. Ja, ich weiß. Sehr untypisch für das Bordelais. Denn für klassifizierte Weine ist diese weiße Rebsorte hier schließlich nicht zugelassen. Trotzdem wurde die Fläche für Bordeaux Blanc verifiziert, als die Rebfläche neu bestockt wurde. Für den Weingarten waren eigentlich Sauvignon-Blanc-Rebstöcke geplant. Die Einordnung für Bordeaux Blanc war schon längst durch, als die Reben in den Boden kamen – und der Besitzer merkte, dass die Rebschule da wohl irgendwas verwechselt hatte. Denn statt Sauvignon Blanc gedieh bei ihm plötzlich Chardonnay. Das konnte er nicht gebrauchen! Umso glücklicher war er, als das Château Carsin den Weingarten pachtete. Womit wir jetzt wieder bei Nea Berglunds Lohn in Form von Trauben wären.

Denn die junge Winzerin bekam anfangs genau diese Chardonnay-Trauben von ihrem Vater als Bezahlung für ihre Arbeit auf Château Carsin. Und damit startete Nea Berglund ihre eigene Wein-Linie Charivari. Ein Name, den sie ganz bewusst wählte. Ihr war es wichtig, dass das Wort Chardonnay irgendwie mit verwendet wird. Und in dem aus dem Mittelalter stammenden Begriff für ein buntes Straßenfesttreiben mit viel Lärm und wilder Musik fand sie sozusagen eine Entsprechung für den Weinstil, der ihr vorschwebte. Die Charivari-Weine sollten allesamt Naturals sein. Spontan vergoren, nicht geschönt, nicht filtriert, kaum geschwefelt. Mit knallbunten Etiketten, die mal so gar nicht der Bordeaux-Tradition entsprachen. Diese stammen übrigens von der finnischen Illustratorin Jenna Kunnas.

Ein Mann stampft rote Weintrauben in einem Bottich mit seinen Füßen
Die Merlot-Trauben werden hier gerade traditionell mit den Füßen gestampft. © Nea Berglund/Château Carsin

Eine verbotene Frucht erobert die Welt

Juha Berglund schlug ob des Vorhabens seiner Tochter die Hände über dem Kopf zusammen. Naturweine! Und dann auch noch in dieser Aufmachung! Das konnte doch nicht gutgehen! Doch Nea ließ sich nicht beirren und brachte mit “Le Fruit Défendu“ den Chardonnay auf den Markt. Ganz legal als Bordeaux Blanc. Der Weingarten war nun mal zugelassen. Also durfte der Wein dementsprechend diese Bezeichnung tragen. Er war so etwas wie eine “verbotene Frucht”, was “Le Fruit Défendu” auf Deutsch bedeutet.

Inzwischen hat Nea Berglund den Chardonnay-Weingarten längst aufgegeben. Ihr “Le Fruit Défendu” ist jetzt ein reinsortiger Sauvignon Blanc. Und was für einer! Ausgebaut in Barriques, besticht der Wein mit einer tiefen Struktur und einem vollen Körper, ohne dabei aufdringlich zu sein. Hier stehen eher die Kräuter-Nuancen im Vordergrund, die von Zitrone und Stachelbeere umrahmt werden. Was für eine Eleganz!

Noch mehr Naturals

Nach und nach folgten vier weitere Weine. Zum Beispiel der PetNat “Le Mystère”. Auch hier 100 Prozent Sauvignon Blanc. Nur eben ganz anders, weil sehr frisch und zitrisch mit knackigem grünen Apfel und einem enormen Trinkfluss. Auch der letzte Sauvignon Blanc ist wieder anders. Was nicht weiter verwunderlich ist. Denn beim “L’Amour Fragile” handelt es sich um einen waschechten Orange Wine! Trotz der gerbstoffreichen Kreidigkeit, die so typisch für Orange Wines ist, erkennt man die exotische Sauvignon-Blanc-Aromatik sofort. Maracuja und Mango tanzen hier mit Ananas und Papaya. Dazu noch etwas Stachelbeere. Am Gaumen herrlich griffig und doch feingliedrig. Für mich ist das ein idealer Wein, um Orange-Skeptiker (einen Weißwein kann man doch nicht wie einen Rotwein vinifizieren!) vielleicht doch noch zu überzeugen.

Die Naturweine der Charivari-Linie von Château Carsin
Fast die komplette Charivari-Weinfamilie. © Nea Berglund/Château Carsin

“La Rose Sauvage” wiederum ist ein bezaubernder Roséwein aus inzwischen 100 Prozent Malbec, der die Aromatik von Erd- und Himbeeren förmlich auf die Spitze zu treiben scheint. Den an einem heißen Sommernachmittag entspannt im Garten genießen, und das Leben ist einfach nur gut. Und der “L’Aventure Nocturne” ist dann so etwas wie der Vorzeige-Merlot der Linie. Hier spielen Kirsch-Anklänge neben den samtigen Tanninen die Hauptrolle. Ein Wein, der einfach zu lieben ist, dabei aber alles andere als beliebig ist. An sich bin ich jetzt nicht so der große Merlot-Fan, aber in diesen Wein habe ich mich tatsächlich nach dem ersten Schluck ziemlich heftig verknallt. Im Frühjahr 2023 wird die Charivari-Linie übrigens mit “Le Petit Coucou” Zuwachs erhalten. Was sich dahinter verbirgt? Ich werde zu gegebener Zeit darüber berichten. 😉

Château Carsin und das Vater-Tochter-Gespann

Wenn aus fünf bald sechs Weine werden, mag man ja denken, dass Juha Berglund seine Hände inzwischen wieder runtergenommen hat. Ohne Erfolg erweitert man eine Linie schließlich nicht. Doch dem ist nicht so. Er findet die knallbunten Etiketten nach wie vor hässlich. Ebenso beharrt er darauf, dass die Weine niemals ein Erfolg sein können. Obwohl ihm seine Tochter seit Jahren nun schon das Gegenteil beweist. Nea Berglund nimmt diese Form der Kritik allerdings sehr gelassen entgegen. Wie sie selbst sei eben auch ihr Vater ein Sturkopf. Die junge Frau ist selbstbewusst genug, um trotzdem an sich zu glauben. Zum Glück!

Wer mehr über Nea Berglund und ihre Weine und das Château Carsin erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch “New Wine Wave” von Master of Wine Janek Schumann und Dr. Wolfgang Staudt, die die junge Frau darin porträtiert haben. Und noch eine kleine Warnung: Während die Weine von Château Carsin durchaus auf dem deutschen Markt zu finden sind, muss man nach den Charivari-Gewächsen schon ein wenig intensiver suchen, bis man Händler findet, die sie anbieten. Hier würde ich mir noch ein paar weitere mutige Einkäufer wünschen. Die Weine hätten es allemal verdient, bekannter zu sein.

Copyright Titelbild: © Château Carsin/Nea Berglund

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er entstand ohne Einfluss des Château Carsin und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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