Grafik einer Weinflasche, die umgefallen ist und ausläuft

Papierflaschen für Wein: Ist das jetzt die Zukunft?

Immer häufiger steht die konventionelle Glasflasche in der Kritik. Alternative Verpackungen rückt man dafür immer weiter in den Fokus. Inzwischen gibt es sogar Papierflaschen für Wein. Genau die schauen wir uns jetzt mal an – und werfen einen Blick auf die Chancen für alternative Weinverpackungen.

Auf dem Weinmarkt tut sich was. Da wäre zum Beispiel die britische Weinkritiker Jancis Robinson, die sich inzwischen weigert, auf ihren Purple Pages Weine zu bewerten, die in schweren Glasflaschen daherkommen. Beim Weingut Galler setzt man indes auf die Bierpfandflasche. Und die Weinheimat Württemberg stellte auf der ProWein 2023 unlängst ihre neueste Mehrwegflaschen-Kreation vor. Mal ganz abgesehen davon, dass auch die eigentlich schon tot geglaubte Bag-in-Box inzwischen wieder ein kleines Revival erlebt. Passend dazu sind in Deutschland jetzt auch die ersten Weine in Papierflaschen auf dem Markt erhältlich. Und die kommen aus Italien.

Also aus Umbrien, um genau zu sein. Nämlich von der Cantina Goccia. Neu ist die Idee mit den Papierflaschen für Wein tatsächlich nicht. Die britische Firma Frugalpac entwickelte die Papierflasche und launchte deren Produktion bereits im Juni 2020. Und eigentlich ist die “Frugal Bottle“, wie sie im Original heißt, wie eine Bag-in-Box aufgebaut. Das Innenleben besteht aus einem lebensmittelechten Polyethylen-Beutel samt Plastik-Schraubverschluss, die Außenhaut ist aus Pappe.

Papierflasche für Wein auseinandergenommen
So sieht die Papierflasche aus, wenn man sie auseinandernimmt. © Cantina Goccia

Bag-in-Box versus Papierflaschen

Die Vorteile gegenüber einer Bag-in-Box sind eigentlich recht deutlich. Denn bei dieser hat die gängigste Größe nun einmal drei Liter Fassungsvermögen. Drei Liter Wein. Das sind vier Normalflaschen Wein. Da muss man als Konsument schon richtig Bock auf den Wein haben. Mal ganz davon abgesehen, dass es bei Weiß- oder Roséweinen im Bag-in-Box-System schon tricky sein kann, diese überhaupt auf die richtige Trinktemperatur zu bringen. Der Platz im Kühlschrank ist schließlich endlich. Wobei es auch hier natürlich Ausnahmen gibt. Zum Beispiel die xbo, die Anja Sistonen vergangenes Jahr auf den Markt gebracht hat. Ihre Weine kommen in einer Bag-in-Box mit 2,25 Liter daher. Also drei Normalflaschen Wein. Und ja, diese Weinboxen passen dann auch in die Kühlschranktür. Da hat also jemand mitgedacht. Sehr gut. Nur leider ist das halt die Ausnahme von der Regel. Die meisten Bag-in-Box-Weine sind aufgrund ihres Volumens schrecklich unpraktisch. Genau dieses Manko behebt Frugalpac mit seinen Papierflaschen – und mit dem gleichen Verpackungsprinzip. Hier wird’s endlich handlich!

Und natürlich gibt’s auch massenweise Vorteile für die Umwelt, wenn man die Papierflasche mit einer herkömmlichen Weinflasche aus Glas vergleicht. Auf der Frugalpack-Website liest sich das dann so: Die Papierflasche wiegt lediglich 82 Gramm. Dadurch ist sie fünfmal leichter als eine Glasflasche und hat einen sechsmal geringeren CO₂-Fußabdruck. Gerade beim CO₂ darf man mal genauer hinschauen. Die Ersparnis kommt natürlich vor allem durch die wegfallende Glasflaschenproduktion zustande, die nun einmal sehr energieintensiv ist. Die Papierflaschen-Weine sind allerdings dann auch beim Transport wesentlich leichter. Das spart nicht nur CO₂, sondern auch Transportkosten. Nämlich etwa 30 Prozent, wie mir Silvia Miebach, Geschäftsführerin von Heinz Hein, auf Nachfrage bestätigte. Der Weinimporteur aus Wiesbaden verkauft nämlich seit einigen Wochen die in Papierflaschen abgefüllten Weine der Cantina Goccia.

Drei Weine in Papierflaschen auf einer Theke
Die drei Weine von Cantina Goccia. © Cantina Goccia

Wein-Trio der Cantina Goccia

Bei dem Weingut aus Umbrien kommen die Papierflaschen bereits seit Juni 2020 für drei unterschiedliche Weine zum Einsatz. Der Rosso ist ein fruchtig-samtiger Blend aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Merlot, während der Bianco, eine Cuvée aus Grechetto und Vermentino, fruchtig-frisch mit mineralischen Noten daherkommt. Komplettiert wird das Trio durch den Rosato, in dem Pinot Noir auf Cabernet Sauvignon trifft.

Alle drei Weine sind für einen jungen Genuss bestimmt. Genau deswegen bieten sich hier die Papierflaschen geradezu an. Und mal ehrlich: Im Lebensmitteleinzelhandel haben die Weine der Cantina Goccia einen richtigen Vorteil. Denn da das Papier komplett bedruckt ist, fallen die drei Weine im Glaschenflaschenmeer in den Regalen mal richtig gut auf. Und machen dementsprechend neugierig. Klar, für einen Preis von knapp zehn Euro pro Flasche wird nicht jeder sofort zugreifen. Aber die Papierflasche ist eine echt spannende Alternative, die das Potential hat, sich tatsächlich durchzusetzen.

Papierflaschen für alle?

Allerdings gibt es da tatsächlich noch einen Haken. Denn bis dato ist die Cantina Goccia das einzige Weingut, dass die Papierflaschen auch vollautomatisch mit Wein füllen kann. Dafür wurde eigens eine bereits existierende Abfüllanlage umgebaut und passend gemacht. Clever. Noch cleverer: Seit Anfang 2023 bietet die Cantina an, auch fremde Weine in die Papierflaschen zu füllen. Für italienische Weingüter in der Nähe ergibt das extrem viel Sinn. Für Winzer aus anderen Ländern hingegen eher nicht. Jedenfalls würde es das Ziel, CO₂ einzusparen, ad absurdum führen.

Wein aus der Papierflasche in einem stylishen Wohnzimmer
Mal ehrlich: Die Papierflaschen sehen doch ganz hübsch aus! © Cantina Goccia

Und ich befürchte, dass es erst einen wirtschaftlichen Erfolg der Papierflaschen im deutschen Einzelhandel braucht, bevor sich auch deutsche Produzenten trauen, für ihre Weine Papierflaschen zu nehmen. Das kann ich ja auch irgendwie verstehen. Das wirtschaftliche Risiko ist schon sehr groß. Da muss man eben ein mächtiges Gemächt besitzen, um es trotzdem zu wagen. So wie eben die Cantina Goccia.

Alternative Verpackungen auf dem Prüfstand

Generell ist es ja so, dass die globale Weinbranche recht schnell mit Forderungen für mehr Nachhaltigkeit und einer Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks am Start ist. Das belegten zumindest die beiden Business Reports 2019 und 2020 von der ProWein. 80 Prozent der befragten Branchenexperten forderten damals schon mehr Nachhaltigkeit. Und 75 Prozent wollten eine CO₂-Reduktion. Nun ist vor einiger Zeit der ProWein Business Report 2022 herausgekommen, für den gut 2.500 Händler und Produzenten aus 16 Ländern befragt wurden. Hört sich – weltweit gesehen – jetzt nicht soooo viel an, ist aber tatsächlich die umfänglichste Befragung, die es bis dato so gibt.

In einem Sonderbericht zu dem 2022er-Report geht es vor allem um alternative Verpackungen für Wein. Also wie denn so die Verbraucher-Akzeptanz eingeschätzt wird – und wie man selbst mit dem Thema umzugehen gedenkt. Sprich: Hat man vor, mehr Weine in alternativen Verpackungen zu produzieren bzw. einzulisten oder nicht? Und hier wird’s jetzt echt spannend. Generell ist es nämlich so, dass die befragten Fachmenschen eine große Akzeptanz bei den Konsumenten sehen. Vor allem bei Bag-in-Box. Die soll nämlich laut der Umfrage bei 53 Prozent liegen. Jetzt das Interessante: In den nächsten zwei Jahren haben nur 23 Prozent der Produzenten vor, Bag-in-Box-Weine auf den Markt zu bringen. Demgegenüber haben 38 Prozent der Händler ein verstärktes Interesse, solche Weine zu listen. Das ist schon mal deutlich mehr, würde die selbst eingeschätzte Marktlage aber immer noch nicht bedienen.

Rotweinglas neben einer Bag-in-Box
Totgeglaubte leben länger: Bag-in-Box-Wein. © kn1/iStock

An den Marktbedürfnissen vorbei?

Den Report könnte man jetzt beliebig weiter aufdröseln. Ob nun Bag-in-Box, Papierflaschen, Kegs oder Plastikflaschen. Die erwartete Marktakzeptanz liegt konsequent über dem, was dann letztlich angeboten werden soll. Ausnahme: Wein in Dosen. Besonders düster sieht es da übrigens laut ProWein Business Report 2023 in den deutschsprachigen Ländern aus. In Deutschland selbst wollen nur 37 Prozent aller Händler in den nächsten zwei Jahren Bag-in-Box-Weine listen – und lediglich 7 Prozent denken darüber nach, Wein in Papierflaschen anzubieten. Den kompletten Sonderbericht zum Report kannst du übrigens hier einsehen: klick

Tja nun. Einerseits wird nach alternativen Verpackungen für Wein geschrien, andererseits traut man sich aber nicht, solche Weine zu produzieren oder anzubieten. Gleichzeitig wird aber prophezeit, dass der Markt Papierflaschen und Co. größtenteils akzeptieren würde. Entschuldigung, da stimmt doch etwas nicht!

Hier ergreift man eindeutig nicht die Chancen, die sich einem bieten. Aber ich raufe mir ja auch die Haare, wenn ich sehe, wie wenig Piwi-Weine es in die Supermarktregale Deutschlands schaffen. Das geht für mich irgendwie Hand in Hand. Wenn man als “Weinkenner” mal die Bubble, in der man sich befindet und in der man sich austauscht, verlässt, dann sieht die Realität doch so aus, dass die meisten Menschen, die Wein kaufen, dieses nicht im Fachhandel tun. Sondern eben im Discounter und im Supermarkt. Da geht es dann nicht um Lagen und bestimmte Rebsorten. Preise und meinetwegen auch Etiketten sind da ausschlaggebend. Schließlich will man sich ja an den “leckeren Wein” auch irgendwie erinnern können. Um es mal ganz grob runterzubrechen.

Zerbrochene Weinflaschen aus dem Altglascontainer
Ihre Scherben bringen der Umwelt jetzt nicht ganz so viel Glück. © Pixinoo/iStock

Mehr Papierflaschen, weniger Snobismus!

Genau hier, an der Basis, bei der Masse, sind Papierflaschen eine ideale Ergänzung. Gut, der Preis der Goccia-Weine ist in diesem Bereich mit knapp zehn Euro nicht ideal angesiedelt, im durchschnittlichen Fachhandel indes schon. Und auch hier findet man genügend normale Weinkonsumenten, die weit entfernt sind, Teil der Wine Bubble zu werden.

Wobei ich den alternativen Verpackungen selbst in eben dieser Bubble Chancen einräume. Ist denn eine Glasflasche wirklich so wichtig für den Genuss eines Weins? Kann man denn nicht, wenn für einen Optik und Haptik irgendwie dazugehören, den Wein einfach in eine hübsche Karaffe eigener Wahl füllen? Und muss denn dieser Weinsnobismus, den wir uns alle im Laufe der Genießerjahre vielleicht so antrainiert haben, auch schon bei den einfachen Alltagsweinen zum Tragen kommen?

Keine Bange, ich fasse mir da auch zielsicher an die eigene Nase. Nicht ohne Grund beschäftige ich mich momentan immer mal wieder mit Piwis oder liebäugle mit Bag-in-Boxes, die dann doch nicht in den Kühlschrank passen. Deswegen ist für mich jetzt schon klar, dass ich nach den Papierflaschen der Cantina Goccia im Lebensmitteleinzelhandel sowie im Fachhandel suchen werde. Ich möchte die Weine unbedingt probieren. Denn ich wünsche den Papierflaschen von Herzen, dass sie sich auf dem Markt durchsetzen.

Copyright Titelbild: © Anatolii Frolov/iStock

*Dieser Text wurde weder beauftragt noch vergütet. Er spiegelt ausschließlich meine eigene Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen alleine Service-Zwecken.

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4 Kommentare

  1. Hi, Nicole,
    danke für den tollen Beitrag. Ich bin ganz deiner Meinung, was alternative Verpackungsformen angeht. Vermutlich wird es einfach seine Zeit dauern, bis sich Papier- oder auch Kunststoffflaschen durchsetzen. Der anfangs so scheel beäugte Schraubverschluss hat sich ja auch durchgesetzt.
    Für Alltagsweine ohne größeres Lagerpotenzial sind Papier & Co. eine super Sache!
    Liebe Grüße, Miriam

    1. Hallo Miriam,

      vielen Dank für dein Feedback! Genau so: Alles braucht seine Zeit. Vor allem in Deutschland. In Skandinavien oder den USA sind Bag-in-Boxes ja schon komplett integriert. Da kommen wir hoffentlich auch noch hin. Zum Glück trauen sich immer mehr Winzer, auch mal alternative Verpackungen für ihre guten Alltagsweine zu verwenden. Das stimmt mich sehr optimistisch.

      Herzliche Grüße
      Nicole

  2. Hallo Nicole,

    danke für diesen Beitrag.

    ich bin mir nicht sicher, wie Weinliebhaber diese Papierlaschen bzw. Tetra Paks annehmen? Geht es doch auch um Ästhetik, das Etikett und den Korken.

    Wobei mich der Korken zum nächsten Thema bringt. Der fällt in Zukunft weg und somit auch FehInoten von Kork. Allerdings ist der Wein bei Papierflaschen und Tetra Paks komplett luftdicht verschlossen. – Suboptimal.

    Tetra Pak bringt große Vorteile beim Transport. Man muss nur bedenken, wie viele Tetra Paks, leer und gefaltet auf einem LKW platz haben im Gegensatz zu Flaschen und es fällt das Waschen der Flaschen weg, was wieder Energie, Wasser und Zeit benötigt.

    Es bleibt spannend!

    MfG Reini

    1. Moin, lieber Reini,

      wenn es ein Wein ist, der lieber jung genossen werden sollte, kann der ja ruhig luftdicht verschlossen sein. Für Weine mit Lagerpotenzial bin ich auch eher bei Glasflasche und Korken. Aber wie viele Weine sind das denn gesamt? Unter 10%. Klar, bei passionierten Weinliebhabern liegt die Quote höher. Aber auch wir sind nur ein ganz kleiner Bruchteil der Wein trinkenden Welt.

      Junger Konsum von Alltagsweinen ist die Regel. Und genau hier ergeben BiB, Papierflasche und Co. doch sehr viel Sinn.

      Und wem das nicht edel genug ist, der kann den Wein doch einfach vorm Genuss in eine hübsche Karaffe füllen.

      Ich bin sehr gespannt, wie sich der Markt entwickeln werden. Und werde alternative Verpackungen weiter beobachten.

      Herzliche Grüße
      Nicole

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