Winzer Ansgar Galler im Weingarten

Weingut Galler: Piwi-Pionier aus der Pfalz

Bereits seit über zehn Jahren widmet sich Ansgar Galler mit seinem Weingut Galler pilzwiderstandsfähigen Rebsorten. Weil sie die Zukunft des Weinbaus sind – und weil aus ihnen großartige Weine entstehen können.

Eigentlich müsste ich diesen Text mit einem lauten Tusch beginnen. Für die ultimative Aufmerksamkeit. Denn genau die hat das Weingut Galler aus dem pfälzischen Kirchheim an der Weinstraße zu 100 Prozent verdient. Schließlich ist Betriebsgründer Ansgar Galler ein echter Vordenker und Pionier für den deutschen Weinbau. Aber ein lauter Tusch würde diesem ebenso ruhigen wie bescheidenen Mann, der unnachgiebig seine Vision verfolgt, charakterlich einfach nicht gerecht werden.

Lautes Klappern gehört bei ihm nicht zum Handwerk. Er lässt seine Weine für sich sprechen. Wobei … auch er spricht. Sehr viel sogar. Nämlich über seine große Leidenschaft, die er aus tiefster Überzeugung seit mehr als zehn Jahren lebt. Pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Kurz auch Piwis genannt. Also Neuzüchtungen, die besonders resistent gegen diverse Krankheiten wie Falschen oder Echten Mehltau sind – und die deswegen signifikant weniger gespritzt werden müssen.

Über Piwis kann Ansgar Galler quasi den ganzen Tag reden. Und manchmal macht er das auch. Als Gast an der Hochschule Geisenheim zum Beispiel. Oder als Redner bei Symposien. Oder wenn er Besuch von anderen Winzern bekommt, die sich für Piwis interessieren und sie vielleicht auch selbst anbauen wollen. Diese Winzer kommen in der Regel dann aus dem (manchmal auch fernen) Ausland und nicht aus der direkten Nachbarschaft. Dort schüttelt man über das Weingut Galler nach wie vor den Kopf. Piwis! Also bitte! Mit denen kann man doch keine vernünftigen Weine machen! Nun, kann man doch. Ansgar Galler beweist das seit vielen, vielen Jahren.

Die Winzer vom Weingut Galler springen zwischen Rebzeilen freudig in die Luft
Wenn die Weine einen Preis nach dem nächsten einheimsen, dann darf man schon mal Freudensprünge machen. © Weingut Galler

Weingut Galler: Die Anfänge

Dabei war es ja eigentlich gar nicht seine Intention, ein Piwi-Pionier zu werden. Gut, ursprünglich hatte Ansgar Galler eh nicht vor, Winzer zu sein. Auf einem Weingut in Rheinhessen aufgewachsen, kehrte er den Reben erst einmal den Rücken, blieb aber beim Wein. Nämlich als Weinküfermeister. Und dann führte eines zum anderen. Zuerst traf er mit Katja, einer Agraringenieurin, die Liebe seines Lebens. Katja Galler wuchs auf einem Biobauernhof auf. Genau so etwas wollte das Paar auch ihren beiden Söhnen bieten. Ansgar Galler hörte von einem Weingut in Kirchheim an der Weinstraße. Ein Betrieb mit 11 Hektar Rebfläche. Gerade groß genug, um davon zu leben. Aber eben noch klein genug, um handwerklich arbeiten zu können. Die Gallers pachteten den Betrieb im Jahr 2009. Das Weingut Galler ward geboren.

Zunächst musste sich das Paar erst einmal zurechtfinden, Reben und Böden kennenlernen. Und natürlich auch die Nachbarn. Allesamt konventionell arbeitende Weinbauern, von denen nicht wenige ihre Trauben an Genossenschaften lieferten. Das kam für den Neu-Winzer nicht infrage. Das Weingut Galler sollte eigenständig sein. Aber konventionell arbeiten? Bio war für die Gallers von Anfang ein großes Thema. Sie wollten im Einklang mit der Natur leben. Selbiges sollte dann auch für ihre Weine gelten. Aber wie soll man das bewerkstelligen, wenn mehrmals im Jahr intensiv gespritzt wird? Klar, der Pilzdruck in der Region war gewaltig. Aber es musste doch auch irgendwie anders gehen! Ohne die Antwort auf ihre Frage zu kennen, stellte Ansgar Galler direkt auf nachhaltigen Bioweinbau um. Doch dass auch hier gespritzt wurde, ließ ihm keine Ruhe.

Ehepaar Galler vom Weingut Galler steht im Winter im Weingarten
Haben eine gemeinsame Vision: Katja und Ansgar Galler. © Weingut Galler

Lebensthema gefunden: Piwis

Ein Treffen mit dem Rebzüchter Valentin Blattner aus der Schweiz brachte dann endlich die erhoffte Antwort auf die quälende Pestizidfrage. Denn Blattner hatte sich mit Piwis einen Namen gemacht. Und genau die waren für Ansgar Galler die Antwort! Piwis spritzt man nur selten, sie brauchen weniger mechanische Bearbeitung, was dann nicht nur einen lebendigen Boden fördert, sondern auch noch richtig gut für die eigene CO2-Bilanz ist. Statt auf Riesling und Co. wie seine Nachbarn, setzte der Winzer für sein Weingut Galler fortan also auf Piwis. Allen voran Sauvignac.

Als Galler die ersten Reben pflanzte, hatte die Sorte noch nicht einmal einen Namen, sondern war nur unter ihrer Zuchtnummer bekannt. Der Winzer startete also offiziell einen Versuchsanbau. Genau das steht übrigens immer noch auf dem Etikett der Flaschenrückseite. Auch als der erste Wein fertig war, hatte Sauvignac noch immer keinen amtlichen Namen. Selbiges galt damals auch für Satin Noir. Es war die Geburtsstunde von “Feodora” und “Kunigunde”. Wer jetzt an zwei Burgfräuleins denkt, liegt so falsch nicht. Denn der Winzer griff einfach auf Landgrafennamen der Region zurück. Die Weine heißen übrigens nach wie vor so – auch wenn die Rebsorten inzwischen amtliche Namen haben.

Und mit “Feodora” hat man dann auch gleich einen richtigen Star im Glas. Ist der einfache Sauvignac noch ein warmer Charmeur mit hoher Säure und reichen Anklängen von Mango und Blüten, dominiert bei “Feodora” eine tiefgründige und komplexe Würze. Die nicht von ungefähr kommt. Es fängt damit an, dass Ansgar Galler die Trauben hochreif liest, extrem schonend keltert – und den Wein dann auch noch den biologischen Säureabbau durchlaufen lässt. Das Ergebnis ist ein extrem runder und harmonischer Wein, der mit seiner Tiefe zu begeistern weiß.

Mann hält Flasche mit Weißwein in die Kamera, im Hintergrund hält eine Frau ein Glas mit Weißwein in der Hand
„Feodora“ beweist, dass auch aus Piwis großartige Weine entstehen können. © Weingut Galler

Weingut Galler: Eigenständige Weine aus eigenständigen Rebsorten

Mein Erstaunen bei der gemeinsamen Verkostung brachte Ansgar Galler übrigens zum Schmunzeln. Eine Reaktion, die er kennt. Mit Piwis bringen die meisten Menschen schließlich nur harmlose Spaßweine in Verbindung. Dass diese auch echten Charakter haben können und zudem noch extrem lagerfähig sind, ist generell noch nicht so bekannt. Gerade mit der Rebsorte Sauvignac spielt man beim Weingut Galler da die volle Piwi-Stärke aus. Sauvignac ist eine Kreuzung aus Riesling, Sauvignon Blanc und einem Resistenzpartner. Also eine waschechte Bukettsorte. Aber eben eine, die auch sehr auf das Terroir reagiert.

“Sauvignac ist für mich der neue Riesling”, betont Ansgar Galler, um dann direkt nachzuschieben: “Nicht wegen des Geschmacks, sondern wegen der unterschiedlichen Qualitäten.” Vom Basiswein über Sekt bis hin zum Lagen- und Prädikatswein ist hier alles möglich. Wobei eines dem Winzer extrem wichtig ist: “Es wird keinen Riesling 2.0 geben – das sind eigenständige Rebsorten!” Natürlich ist es leichter, wenn man den Geschmack einer Piwi mit einer gängigen Rebsorte vergleicht. So als Einstieg. Damit man weiß, was einen erwartet. Aber das ändert eben nichts daran, dass sie trotzdem neue Geschmackserlebnisse sind.

Detailaufnahme einer weißen Traube der Rebsorte Sauvignac am Rebstock im Sonnenlicht
Sauvignac ist im Betrieb die Leitrebsorte. © Weingut Galler

Piwi-Weine mit viel Charakter

Von den inzwischen 13 Hektar Rebfläche sind beim Weingut Galler inzwischen 75 Prozent mit Piwis bestockt. 2023 sollen es sogar 90 Prozent werden. Herkömmliche Sorten pflanzt der Winzer gar nicht mehr neu an. Zu gut sind die Ergebnisse, die er mit den Piwis erzielt. Das zeigt sich schon an der Modern-Linie, zu der zum Beispiel neben Sauvignac auch Weißweine aus Trauben wie Johanniter oder Cabernet Blanc gehören. Noch nie hatte ich einen derart feingliedrigen und zarten Johanniter im Glas. Und Cabernet Blanc, dem ich bis dato nur als auffälliger Tutti-Frutti-Bombe begegnet bin, brilliert beim Weingut Galler mit grünen Paprikanote, leicht zitirischen Anklängen und einer sehr zarten Würze. Hier bekommen Piwis also plötzlich Charakter!

Eine Stufe höher wird dann noch offensichtlicher, wie tiefgründig und komplex Piwis sein können, wenn man sich denn mit ihnen solche Mühe gibt wie Ansgar Galler. Von “Feodora” habe ich ja bereits geschwärmt. Aber auch der Satin Noir (eine Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Resistenzpartnern) “Kunigunde” löst bei mir diesen Effekt aus. Dieser Rotwein ist eine echte Wucht im Glas. Zuerst sind da die sehr fruchtigen Anklänge von Kirsche, Brombeere und Maulbeere, zu der sich eine wunderschöne Kräuterwürze gesellt. Dazu dann noch die zupackenden und griffigen Tannine am Gaumen, die mit sehr viel Luft und Zeit dann immer geschmeidiger werden. Bei diesem Wein macht es mächtig Spaß, über mehrere Wochen die Entwicklung mitzuerleben. Ja, Wochen. Nicht Tage. Denn die Gewächse vom Weingut Galler sind allesamt höchst stabil und entwickeln sich allesamt mit Luft noch einmal ordentlich. Sie sind bereits groß. Aber der Sauerstoff lässt sie zusätzlich wachsen.

Winzer hält eine blaue Traube am Rebstock in der linken Hand und deutet mit dem rechten Zeigefinger auf eine Beere
Was für ein Prachtexemplar! So sieht Satin Noir aus. © Weingut Galler

Ein Muscaris für die Ewigkeit

Allein das zeigt schon die Qualität der unterschiedlichen Piwi-Gewächse. Es gibt da aber noch einen Premiumwein, der mich tatsächlich andächtig hat staunen lassen. Nämlich die Muscaris Auslese 2015. Muscaris ist eine Züchtung aus Solaris (auch eine Piwi) und Gelbem Muskateller. Beiden Eltern wird nachgesagt, dass sie keine großen Weine hervorbringen – und dass sie vor allem jung genossen werden sollen. Harmlose Sommerweine eben. Was soll man da schon groß vom Nachwuchs erwarten? Viel, wie der Muscaris vom Weingut Galler beweist! Rauchige Anklänge und speckige Noten wehen einem aus dem Glas ebenso entgegen wie balsamische Reifenoten.

Am Gaumen dann feine Muskat-Noten und blumige Nuancen, zu denen sich eine raffinierte Mineralik und ein fülliger Körper gesellen. Bei aller Präsenz bleibt der Wein aber stets feingliedrig und elegant. Für mich ein ungeheuer berührendes und ehrfürchtig machendes Geschmackserlebnis. Und das dann auch noch in gereift! Also ein Zustand, den die Rebsorte eigentlich niemals erreichen soll, wenn man denn der gängigen Meinung vertraut. Genau diesen Vorurteilen wirkt Ansgar Galler mit seinen Gewächsen konsequent entgegen. Er beweist Wein um Wein, welches Potenzial Piwis haben. Wenn man sie denn ernst nimmt – und vernünftig behandelt.

Zwei Menschen gehen mit Eimern und Rebschere durch Rebzeilen
Handarbeit wird hier groß geschrieben. © Weingut Galler

Weingut Galler: Piwis sind auch wirtschaftlich!

Wobei die vernünftige Behandlung nicht im Keller, sondern im Weingarten stattfindet. Und das fängt schon damit an, dass man Piwis tatsächlich kaum spritzen muss. Jüngere Züchtungen vielleicht nur ein- oder zweimal im Jahr. Ältere Piwis wie Johanniter brauchen indes drei oder vier Spritzvorgänge. Was aber noch immer lächerlich wenig ist, wenn man es mit herkömmlichen Rebsorten vergleicht. “Meine Bio-Nachbarn müssen teilweise 20 Mal spritzen, wenn ein Jahr besonders schwierig ist”, gibt Ansgar Galler zu bedenken. Das macht dann nicht nur für die Natur, sondern auch für die Wirtschaftlichkeit seines Betriebs einen erheblichen Unterschied. Der Winzer hat sich das mal für sein Weingut Galler ausrechnen lassen. Pro Hektar und Jahr spart er durch die Piwis 1.000 Euro. Eintausend! Bei 13 Hektar macht das also 13.000 Euro. Und diese Berechnung stammt aus einer Zeit, bevor Russland die Ukraine angegriffen hat. Diesel kostet jetzt weitaus mehr.

Wer also nicht wegen Umweltschutzaspekten Piwis anpflanzt, sollte sich eigentlich mit dem wirtschaftlichen Vorteil überzeugen lassen. Trotzdem tut sich die Piwi-Bewegung in Deutschland schwer. Kaum ein Konsument kennt die Weine. Und von den bekannten Kritikern werden sie weitestgehend ignoriert. Es bräuchte halt ein paar Prestige-Winzer, die Piwis anbauen, um zu zeigen, dass diese Rebsorten ernstzunehmen sind. Und dann bräuchte es vor allem Genossenschaften, die Piwis im großen Stil anbauen, damit die Weine auch bei der breiten Masse ankommen und bekannt gemacht werden. Prestige allein ist schließlich nicht alles. Und Ansgar Galler? Der beweist, dass in der Ruhe die Kraft liegt. Ihm ist das verständnislose Kopfschütteln seiner Nachbarn egal. Er lebt seine Vision. Und zwar mit großartigen Weinen.

Copyright Titelbild: © Weingut Galler

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er entstand ohne Einfluss des Weinguts Galler und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

2 Kommentare

  1. Großartige Weine, über die man nicht häufig genug berichten kann. Ja, Piwis können was. Wenn man sie nicht in die schlechtesten Ecken des Weinguts verbannt, um ohne großen Aufwand und Leidenschaft ein dünnes Weinchen daraus zu machen. Was leider zu häufig passiert und für den Ruf der neuen Rebsorten nicht gerade zuträglich ist…

    1. Ja, leider. Umso wichtiger sind solche Qualitätsleuchtürme, wie Ansgar Galler sie macht. Beziehungsweise entstehen lässt. Bei der Qualität im Weingarten muss er im Keller ja tatsächlich so gut wie nichts machen. Außer Geduld zu haben. Die Weine beweisen mit jedem Schluck, dass Piwis es echt drauf haben können, wann man sie eben in die erste Reihe stellt.

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