Weingut Dorli Muhr und der Spitzerberg

Winzerin Dorli Muhr mit ihren Weinen in der Natur.

Einen neuen Text über Dorli Muhr zu schreiben, ist eigentlich unmöglich. Über die “Grande Dame” der österreichischen Wein-PR wurde ebenso schon alles geschrieben wie über die Winzerin. Doch genau die ist hier jetzt Thema. Und vor allem: ihre Weine. Denn die sind wirklich jede Aufmerksamkeit wert.

Wenn es um Dorli Muhr geht, werden gerne mal sämtliche Superlative aus der Schublade gekramt, die man so kennt. Und das hat auch einen guten Grund, denn mit ihrer Agentur Wine&Partners, die sie nach ihrem Dolmetscher-Studium gründete, gehört sie inzwischen zu den wichtigsten Wein-Kommunikationskanälen aus Österreich. Und damit ist sie derart erfolgreich und prominent in der Öffentlichkeit vertreten, dass man die andere Seite von Dorli Muhr erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Nämlich die der Winzerin.

Dabei hat gerade sie meiner Meinung nach sehr viel Aufmerksamkeit verdient. Denn was sie da am Spitzerberg seit Jahren mit der Rebsorte Blaufränkisch macht, ist wirklich phänomenal. Aber fangen wir da lieber mal von vorne an. Seit 1912 besitzt die Familie eine 0,17 Hektar große Parzelle in der Riede Roterd am Spitzerberg. Und genau diese wurde ab 1996 von Dorli Muhr revitalisiert.

Vogelperspektive vom Spitzerberg im Carnuntum
Luftaufnahme vom Spitzerberg ©Herbert Lehmann/Weingut Dorli Muhr

Der Spitzerberg und seine Besonderheiten

Mit seinen Extremen übte der Spitzerberg auf Muhr schon immer eine mächtige Faszination auf. Zwischen den Kleinen Karpaten und den Alpen gelegen, ist er tatsächlich ein Ausläufer eben jener Kleinen Karpaten. Das macht seinen Boden recht besonders. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Lagen in Carnuntum ist dieser besonders kalkhaltig.

Eine weitere Besonderheit: der Spitzerberg gehört zu den trockensten und sonnigsten Orten in Österreich. Kontinuierliche thermische Aufwinde sorgen zusätzlich für noch mehr Trockenheit. Für Rebstöcke sind das natürlich sehr mühsame Bedingungen. Ein sehr geringer Ertrag ist die Folge. Andererseits wird man aber mit einem sehr mineralischen und auch konzentrierten Geschmack belohnt. Wobei das natürlich von Lage zu Lage krass variiert.

Vogelperspektive der Ried Kobeln am Spitzerberg im Carnuntum.
Artenvielfalt in der Ried Kobeln ©Herbert Lehmann/Weingut Dorli Muhr

Erster Blaufränkisch von Dorli Muhr

Solche harten Voraussetzungen ziehen natürlich Menschen an, die Herausforderungen lieben. So wie Dorli Muhr und ihren damaligen Mann Dirk van der Niepoort. Passend zu ihrer Hochzeit 2002 kam in dem Jahr ihr erster Blaufränkisch vom Spitzerberg raus. Gerade mal 500 Flaschen konnten sie abfüllen. Aber die ersten Schritte waren getan.

Zwar waren schon Winzer wie etwa Thomas Perger am Spitzerberg aktiv, aber es brauchte dann doch eine Persönlichkeit wie Dorli Muhr, die mit ihrem Elan und ihrer Begeisterungsfähigkeit dafür sorgte, dass der Spitzerberg auch bei anderen Winzern wie etwa Johannes Trapl oder Robert Payr in den Fokus rückte. 2004 gründete sie sogar eine Gruppe mit Winzern, die gemeinsam Kriterien für die “Herkunft” Spitzerberg festlegten.

Rote Trauben, die mit den Füßen gestampft werden.
Auch die Füße kommen im Weinkeller zum Einsatz ©Herbert Lehmann/Weingut Dorli Muhr

Aufblühendes Carnuntum

Das alles – und natürlich die unermüdliche Arbeit von Dorli Muhr selbst – führten dazu, dass nicht nur der Spitzerberg, sondern das Carnuntum an sich immer mehr Aufmerksamkeit in der Weinwelt bekamen. Die Weinregion blühte förmlich auf. Die Winzerin kaufte und pachtete derweil immer mehr Rebfläche am Spitzerberg. Von den 12 Hektar, die sie dort inzwischen bewirtschaftet, kann sie 7 Hektar ihr Eigen nennen.

Hauptrebsorte ist bei ihr nach wie vor Blaufränkisch. Sage und schreibe 80% sind damit bepflanzt. Den Rest teilen sich unter anderem Syrah, Merlot und ein wenig Grüner Veltliner. 2018 gab’s die Bio-Zertifikation. Und im August 2019 wurde aus dem Weingut Muhr-Van der Niepoort das Weingut Dorli Muhr, als die Winzerin die Anteile ihres Ex-Manns kaufte.

Dorli Muhr – nah dran an der Natur

Winzerin Dorli Muhr läuft zwischen zwei Rebzeilen.
Sprint zwischen den Reben ©Herbert Lehmann/Weingut Dorli Muhr

Dank der biologischen Bewirtschaftung kann man es vielleicht schon ahnen: mit ihren Weinen ist Dorli Muhr ganz dicht dran an der Natur. Handarbeit versteht sich da ebenso von selbst wie eine möglichst schonende Vinifikation im Keller. Dort werden die Trauben auch schon mal mit den Füßen sanft gepresst. Auch gibt es keine Pumpen. Und natürlich sind Reinzuchthefen tabu. Außerdem spielt Zeit eine entscheidende Rolle. Jeder Wein darf sich nämlich die Zeit nehmen, die er braucht, um seinen eigenen Charakter zu entwickeln.

Besonders großen Wert legt die Winzerin darauf, dass man ihren Weinen die Herkunft auch anschmeckt. Am Spitzerberg verteilen sich ihre Rebflächen auf sechs Lagen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Roterd ist zum Beispiel eine recht heiße Lage im Mittelhang, die oben recht steinig und unten tonig ist. Hier entstehen Weine (es gibt einen Blaufränkisch und einen Merlot), die recht cremig sind und eine erfrischende Säure haben. Der Blaufränkisch aus der Ried Kobeln, der unter dem Namen “Liebkind” abgefüllt wird, ist indes sehr dicht, extrem konzentriert und hat ein außergewöhnliches Lagerpotenzial. Grund hierfür ist die sehr exponierte Lage, die extrem trocken ist und einem steten Wind ausgesetzt ist. Dementsprechend gering ist der Ertrag.

Die Weine von Winzerin Dorli Muhr auf einem Tisch in der Naturaufgereiht.
Die Weine von Dorli Muhr ©Herbert Lehmann/Weingut Dorli Muhr

Weine mit Charakter

Von Lage zu Lage ändert sich so tatsächlich der Charakter der Weine und macht sie sehr gut unterscheidbar. Was sie aber alle eint: sie sind feingliedrig und elegant. Selbst so konzentrierte und hochintensive Weine wie der “Liebkind” brüllen nicht laut und grell vor sich hin, sondern zählen zu den Zeitgenossen, die leisere Töne bevorzugen – und die dank ihrer enormen Balance und Tiefgründigkeit trotzdem sehr deutlich gehört werden.

Da ich persönlich genau solche Weine bevorzuge, verwundert es nicht, dass ich mich in die Weine von Dorli Muhr sofort schockverliebt habe, als ich sie verkosten durfte. Allesamt strahlen eine ungeheure Gelassenheit aus und vibrieren trotzdem schon fast vor Tatendrang. So wie die Winzerin selbst, die trotz ihrer Agentur, ihrem Weingut samt aller Projekte, die da so durch ihr Leben strömen, immer in sich zu ruhen scheint. Das beeindruckt übrigens nicht nur mich, sondern auch viele andere Menschen. Wie etwa die Redakteure des niederländischen Weinfachmagazins “Perswijn”, die Muhr unlängst erst zur “Frau des Jahres” kürten. Herzlichen Glückwunsch!

Copyright Titelbild: @Herbert Lehmann/Weingut Dorli Muhr

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben, noch vergütet. Er entstand ohne Einfluss des Weinguts Dorli Muhr und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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