Winzersekt oder Winzerchampagner? Bitte keine Vergleiche!

Kohlesäurebläschen eines Winzersekts in der Nahaufnahme vor dunklem Hintergrund

Als bekennende Champagner-Liebhaberin werde ich in regelmäßigen Abständen in eine ganz bestimmte Diskussion verwickelt. Nämlich dass ich doch lieber Winzersekt statt Winzerchampagner trinken soll. Mal ganz von der Übergriffigkeit abgesehen, gibt es noch andere Gründe und Argumente, warum der Dauervergleich von Winzersekt und Winzerchampagner echt unnötig ist.

Eigentlich kann ich die Uhr danach stellen. Wann immer ich auf Facebook oder Instagram einen Champagner poste und vorstelle, ist meist der erste Kommentar nicht weit, dass Winzersekt doch viel besser als Champagner sei. Die Argumente variieren. Die meisten davon tauchen aber in schöner Regelmäßigkeit auf. Hier ein kleiner Überblick:

  • Winzersekt schmeckt genauso gut wie Champagner.
  • Er ist viel günstiger.
  • Beim Winzersekt stammt alles aus einer Hand – beim Champagner nicht.
  • Mit Winzersekt unterstützt man einheimische Winzer und nicht den internationalen Markt.
  • Champagner wird per se überbewertet.

Gut, gegen das letzte Argument kann ich nicht wirklich etwas entgegenbringen. Es gibt nun einmal Menschen, die eine derart hohe Abneigung gegen Champagner haben, dass ich da nur raten kann: dann lasst am besten die Finger davon. Es muss nicht jeder alles mögen. Und das ist auch gut so. Bei den anderen vier Argumenten fällt mir indes immer wieder mindestens ein Aber ein. Dröseln wir das also einfach mal auf.

Mehrere Gläser mit Winzersekt in einer Bar.
Winzersekt oder Champagner? Die ewige Geschmacksfrage! ©Skitterphoto/Pixabay

Winzersekt schmeckt genauso gut wie Champagner

Ob etwas gut schmeckt oder nicht, lässt sich nicht in der Theorie sagen. Geschmack ist nun mal etwas höchst individuelles. Hier wird aber suggeriert, dass etwas identisch schmeckt – und zwar generell. Bleiben wir mal auf dieser Argumentationsebene. Wie soll das denn möglich sein? In der Champagne findet man ein ganz anderes Klima. Kühl, gerne verregnet. Unsere deutschen Weinregionen sind da dann doch besser aufgestellt. Auch die Böden sind sehr unterschiedlich. Einen derart hohen Kreideanteil, wie man ihn teilweise in der Champagne findet (rund um Marne kann man die Kreide zum Beispiel mit bloßem Auge mehr als deutlich sehen, wenn man an den Weingärten spazieren geht), sucht man hierzulande dann doch eher vergeblich. Selbst bei gleichen Rebsorten und identischer Vinifikation ist es also recht unwahrscheinlich, dass Sekt und Champagner exakt gleich schmecken.

Was natürlich identisch sein kann, ist die Qualität. Und mal ehrlich: bei der eingangs erwähnten Aussage geht es auch eher um genau diese und eben nicht um den Geschmack. An dieser Stelle kann ich nur mit dem Kopf nicken. Klar, die Qualität kann genauso gut sein. Wie überall, wenn der Winzer gewisse Ansprüche und Vorstellungen hat. Wobei der Winzersekt den Vorteil hat, dass er aus dem kompletten Most gemacht werden darf. In der Champagne ist die Mostgewinnung gesetzlich begrenzt. Was uns jetzt nahtlos zum zweiten Punkt führt.

Er ist viel günstiger als Champagner

Hier lohnt sich jetzt ein genauerer Blick. Denn tatsächlich bezahlt man beim Champagner nicht nur für den Glamour-Faktor, wie ja gerne mal angenommen wird. Wobei es den natürlich auch gibt. Für so manchen Prestige-Champagner würde ich persönlich nicht ganz so tief in die Tasche greifen. Für andere hingegen schon. Das ist doch vollkommen in Ordnung. Angebot und Nachfrage regulieren den Preis. Einige Champagner haben inzwischen Kultstatus. Und dafür bezahlen einige Menschen eben einfach gerne dann auch mehr. Kann man mal so hinnehmen. Wir leben schließlich alle unterschiedlich.

Drei edel gekleidete Frauen stoßen mit Champagner an.
Lang lebe das Champagner-Klischee! ©nastya_gepp/Pixabay

Es gibt aber tatsächlich noch andere Gründe für den Preisunterschied. Bei einem deutschen Sekt ist zum Beispiel auch eine zweite Gärung im Tank zulässig. Bei Champagner mal so gar nicht. Natürlich setzen auch deutsche Winzer inzwischen verstärkt auf die Flaschengärung. Hier muss der Winzersekt laut Gesetz aber “nur” mindestens neun Monate auf der Feinhefe liegen. Für einen einfachen Non-Vintage-Champagner sind indes mindestens 15 Monate vorgeschrieben. Ein Jahrgangschampagner muss sogar drei Jahre Minimum auf der Hefe liegen.

Sechs Monate Unterschied hören sich jetzt erst einmal nicht viel an. Aber: All diese Flaschen müssen auch gelagert werden. Jahr für Jahr. Hinzu kommt, dass viele Non-Vintage-Champagner deutlich länger auf der Feinhefe liegen. Da sind wir schnell mal im Bereich rund um 30 Monate. Deutsche Winzersekte lassen sich aber auch nicht lumpen. Da sind 18 Monate inzwischen Standard. Interessant ist: kommt ein Winzersekt auf 30 oder mehr Monate, nähert sich auch der Preis dem eines Champagners an. Qualität hat also überall ihren Preis.

Beim Winzersekt stammt alles aus einer Hand – beim Champagner nicht

Trauben aus dem eigenen Weingarten, von Reben, um die man sich das ganze Jahr selbst kümmert. Und die natürlich auch selbst gelesen werden, bevor man sie selbst verarbeitet, um dann daraus einen Schaumwein entstehen zu lassen. Ja, genau das ist die Definition. Von Winzerchampagner. Wird auch nur ein Kilo Trauben dazugekauft, wird aus einem Winzerchampagner ein Champagner. Die Richtlinien in der Champagne sind da sehr streng. Selbst Genossenschaften dürfen ihre Schaumweine dann nicht als Winzerchampagner auf den Markt bringen. Man braucht jetzt übrigens als Konsument nicht mühsam Weingutsnamen auswendig zu lernen, um zu wissen, wann es sich um einen Winzerchampagner handelt und wann nicht. Das erkennt man an den beiden Buchstaben R und M, die auf dem Etikett zwingend mit drauf stehen müssen. Was diese beiden Buchstaben bedeuten, erkläre ich euch demnächst in einem anderen Text.

Klar, auch beim Winzersekt stammen die Trauben aus eigenen Weingärten und werden auch selbst vinifiziert. Aber: nicht gerade wenige Winzer lassen dann extern versekten. Nämlich bei Kollegen, die sich genau darauf spezialisiert haben. Anders als in der Champagne ist das hierzulande erlaubt, um einen Schaumwein Winzersekt nennen zu dürfen. Auch die Lagerung findet in der Regel bei diesen Versektern statt, die dann den fertigen Winzersekt abliefern, der nur noch etikettiert werden muss. Wobei immer mehr Winzer tatsächlich selbst versekten. Vor allem, wenn sie die Sektmacherei mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und vor allem mit noch mehr Herzblut betreiben – und nicht einfach nur einen Sekt mit im Portfolio haben, weil es heutzutage einfach dazugehört. Mir fällt da zum Beispiel spontan das Wein- und Sektgut Bamberger von der Nahe ein. Hier kommen ganz großartige und vor allem eigenständige Winzersekte auf die Flasche. Und zwar komplett aus einer Hand. Aus Österreich habe ich da auch ein sehr gutes Beispiel für euch: Ebner-Ebenauer.

Mit Winzersekt unterstützt man einheimische Winzer und nicht den internationalen Markt

Ja nun. Meine Reaktion ist da meistens eine Gegenfrage. Noch nie einen Wein aus dem Ausland genossen? Es ist immer schön und richtig, einheimische Produkte zu kaufen und somit die eigene Wirtschaft zu fördern. Aber wer bitteschön bleibt denn konsequent regional? Also ich nicht! Und klar, die deutsche Weinwelt ist echt spannend und vielfältig. Trotzdem genieße ich sehr gerne international. Was aber nicht bedeutet, dass ich Winzersekt kategorisch ausschließe. Im Gegenteil! Sie kommen mir häufiger ins Glas als Champagner. Trotzdem möchte ich Champagner in meinem Leben aber nicht missen.

Zwei Gläser mit Schaumwein auf einem Steg bei Sonnenuntergang
Winzersekt oder Winzerchampagner? Oder einfach nur Schaumwein-Genuss? ©SplitShire/Pixabay

Aber bleiben wir ruhig mal bei dem Wirtschaftsargument. Schon mal dran gedacht, dass all die Champagner (oder ausländischen Weine) auch irgendwie nach Deutschland importiert werden müssen? Und das wird meist von deutschen Händlern gemacht. Da hängen also auch hierzulande Jobs dran. Nur mal so. 😉

Fazit: Schluss mit den Vergleichen!

Wobei ich mich eigentlich aber eh am meisten echauffiere, wenn chronisch Winzersekt den Winzerchampagner (oder meinetwegen auch den Champagner allgemein, einzige Ausnahme: der Discounter-Champagner) ersetzen soll. Warum soll ich mich entscheiden müssen, wenn ich beides genießen kann? Jeder Mensch hat seine höchst persönlichen Vorlieben. Die ändern sich auch nicht, wenn man ständig Bekehrungsversuche startet. Man könnte das ewig weiterspinnen: Warum denn Winzersekt? Prosecco ist doch viel günstiger! Warum denn Schaumwein? Perlwein macht doch auch ganz viel Spaß!

Ich weiß ja nicht, wie es bei euch ist, aber in meinem Glas wechselt sich all das regelmäßig ab. Mal möchte ich einen Champagner von einer großen Handelsmarke genießen, weil ich genau weiß, welcher Geschmack mich erwartet. Dann muss es unbedingt mal wieder ein Winzerchampagner mit Ecken und Kanten sein. Oder eben ein sehr anspruchsvoller Winzersekt. Einem fruchtig-unkomplizierten Winzersekt bin ich auch nicht abgeneigt. Und auch Prosecco oder Perlwein gefallen mir in schöner Regelmäßigkeit. Je nach Lust, Laune und Budget. Wenn ich da ständig vergleichen würde, könnte ich mich gar nicht mehr so richtig auf den Genuss einlassen. In diesem Sinne: für weniger Vergleiche und mehr schäumenden Genuss im Leben! Amen.

Copyright Titelbild: ©Pexels/Pixabay

*Bei diesem Text handelt es sich um einen Meinungsartikel, dem man echt nicht zustimmen muss. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen allein Service-Zwecken.

4 Gedanken zu „Winzersekt oder Winzerchampagner? Bitte keine Vergleiche!“

  1. Schön geschrieben, liebe Nicole. Leider hat nur Crémant offiziell eine Most Richtlinie in Deutschland und aufgrund der fehlenden Qualitätststufen bei unserem (Winzer)Sekt kann man wirklich alles Mögliche im Glas haben. Was ich noch ergänzen würde, wäre, dass sogar die Winzer oder Sektmacher selbst, sich ständig mit dem Champagner vergleichen. Klar, man kann ihn zum Vorbild nehmen, aber Sekt sollte auch nie eine Kopie sein – da greift man doch sowieso lieber zum Original! Wie Du auch gesagt hast, allein unser Klima macht eine perfekte Kopie nicht möglich…. Deshalb sehe ich das so wie Du – es lebe die Vielfalt!

    1. Stimmt, liebe Nicole. Es sind wahrlich nicht nur die Endverbraucher, sondern auch die Winzer selbst, die diesen unnötigen Vergleich bemühen. Wahrscheinlich dem Marketing geschuldet, da man mit Champagner ja in der Regel eine hohe Qualität assoziiert. Ich sehe es aber wie du: wer will schon eine Kopie, wenn man auch das Original im Glas haben kann?
      Ich wünsche mir sehr, dass die deutsche Sekt-Szene da selbstbewusster wird und Alleinstellungsmerkmale für den Winzersekt herausarbeitet. Dann werden solche Vergleiche eh unnötig.

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