Weinjournalistin Paula Redes Sidore im Porträt

Paula Redes Sidore: “Es geht ja nicht nur um Punkte”

In dieser Interviewreihe kommen Frauen aus der Weinbranche zu Wort. Heute unterhalte ich mich mit Paula Redes Sidore über ihren Werdegang als Weinjournalistin und ihre Arbeit für die Purple Pages von Jancis Robinson.

Eigentlich wollte Paula Redes Sidore Schriftstellerin werden. Und auch nur ein Jahr lang in Deutschland bleiben. Inzwischen lebt sie 20 Jahren hier. Und statt Romane schreibt sie seit September 2021 als hauptverantwortliche Korrespondentin für Deutschland und Österreich Artikel und Weinbewertungen für die legendären Purple Pages von Jancis Robinson. Wobei auch das nur die Spitze des Eisbergs ist. Denn mit ihrem Übersetzungs- und Kommunikationsbüro Weinstory schreibt die gleich zweifach zertifizierte Sommelière bereits seit vielen, vielen Jahren über Wein. Und dann ist da natürlich noch das Online-Magazin Trink, das sie gemeinsam mit Valerie Kathawala gründete.

In diesem Interview unterhalte ich mich mit Paula Redes Sidore darüber, warum es sie nach Deutschland verschlug, wann ihre tiefe Weinliebe begann und wie es dazu kam, dass sie jetzt für die Purple Pages schreibt. Viel Spaß beim Lesen!

Liebe Paula Redes Sidore, die erste Frage liegt ja quasi auf der Hand: Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Paula Redes Sidore: Mein Mann hat in den Vereinigten Staaten Germanistik studiert. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nichts mit Deutsch zu tun, denn ich habe ja kreatives Schreiben und Literatur studiert. Für seinen Magister hat er dann das Angebot bekommen, ein Jahr nach Bonn zu gehen. Auch für mich als Schriftstellerin war das ideal, um neue Impulse zu erhalten. Anschließend sind wir wieder zurückgegangen, damit ich dann meinen Master of Fine Arts beenden konnte. Und dann kam die Überlegung, ob wir nicht vielleicht wieder nach Deutschland gehen sollten. Noch ein bisschen Abenteuer Europa genießen. Mein Mann hatte passenderweise ein Stipendium angeboten bekommen für ein Jahr. Also ging es im September 2002 mit Hund, Katze und unserem sechs Wochen alten Sohn wieder nach Berlin. Geplant war ein Jahr.

Du kommst ja von der Literatur und dem kreativen Schreiben. Wann genau hat dich die Weinleidenschaft gepackt?

Paula Redes Sidore: Das war tatsächlich schon in Virginia. Meine Professorin haben mir immer gesagt, dass ein guter Roman nicht einfach nur in den eigenen vier Wänden entsteht, in denen man schreibt, schreibt und schreibt. Man braucht schon Impulse, also Stories, die man sammeln muss. Also habe ich mir einen Sommerjob gesucht. Und der war auf einem Weingut – Horton Vineyards. Das war mit dem Fahrrad nur zehn Minuten entfernt. Dort habe ich in der Vinothek angefangen und war ganz glücklich. 

Damals konnte ich gerade mal Rot- und Weißwein auseinanderhalten. Ich fühlte mich dann aber nicht wohl dabei, hinter der Theke zu stehen und nichts zu den Weinen sagen zu können. Also habe ich angefangen, mit dem Kellermeister zu reden und habe die Lagen für mich entdeckt. Ich habe so viel gelernt, dass ich dann letztlich mehr Geschichten geschrieben denn gesammelt habe.

Selfie von Weinjournalistin Paula Redes Sidore im Weinberg
Paula Redes Sidore packt im Weingarten auch gerne selbst mal mit an. © Paula Redes Sidore

Wo kam dann der nächste Sprung in Sachen Wein?

Paula Redes Sidore: In Berlin, wo wir in den ersten Jahren in Deutschland lebten.  Ich wollte eigentlich wieder zurück in die Vereinigten Staaten. Mein Mann nicht. Also hat er überlegt, was mich in Deutschland halten könnte. Und kam dann sehr schnell auf Wein. Er kam dann zu mir und sagte “Schatz, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Die gute Nachricht ist, dass du dich in nächster Zeit nicht um die Kinder und um die finanziellen Belange kümmern musst. Du musst nur den Sommelier-Kurs bei der IHK schaffen.” Ich meinte dann nur, okay, was ist dann die schlechte Nachricht? Denn für mich hört sich das sehr gut an. Seine Antwort: “Wir bekommen das Geld nicht zurück. Und… alles auf Deutsch.” lacht Und so habe ich dann angefangen. Das war eine sehr intensive Erfahrung. Aber letztlich habe ich es geschafft.

Und danach: Wie hast du das dann mit dem Schreiben zusammengebracht?

Paula Redes Sidore:  Aus diversen Gründen bin ich arbeitstechnisch in den Handel statt in die Gastronomie gegangen. Im Handel ist das Storytelling wesentlich wichtiger als in der Gastronomie. Damit fing das bei mir an. Nach und nach kamen dann immer mehr Texte dazu. Vor allem Übersetzungen. 2012 habe ich dann mein Übersetzungs- und Textbüro Weinstory gegründet – das ist jetzt schon zehn Jahre her! So konnte ich meine beiden Leidenschaften Worte und Wein dann zusammenbringen. Und dann kamen nach und nach auch verschiedene Weinmagazine hinzu.

Weinjournalistin mit Hund im Weingarten
Liebe auf den ersten Blick. © Paula Redes Sidore

Im Oktober 2020 kam die erste Ausgabe von Trink heraus, das du ja zusammen mit Valerie Kathawala gegründet hast. Welche Bedeutung hat dieses Online-Magazin für dich in deinem Arbeitsleben?

Paula Redes Sidore: So eine Online-Plattform wollte ich ja schon sehr lange machen. Und das dann mit so einer tollen Partnerin wie Valerie tatsächlich zu realisieren in einer derart schönen Form, wie es jetzt ist, ist einfach fantastisch. Das Magazin hat in meiner täglichen Arbeit natürlich einen großen Stellenwert. Und es ist so ganz anders, als die Tätigkeit in meinem Übersetzungsbüro. Da geht es immer nur um eine Story nach der nächsten. Bei Trink aber müssen wir das Große und das Ganze ständig im Blick haben und uns Gedanken machen, wie wir da den großen Bogen spannen. Das ist strategischer und konzeptioneller. Und es macht sehr große Freude.

Im September 2021 kam nach der Verkostung der Großen Gewächse in Wiesbaden dann der nächste Karriere-Kick für dich. Du schreibt seitdem für die legendären Purple Pages von Jancis Robinson. Wie entstand diese Zusammenarbeit?

Paula Redes Sidore: Das kam durch Michael Schmidt, der ja schon seit sehr, sehr langer Zeit für die Purple Pages über Deutschland und Österreich schreibt. Wir haben uns vor mehreren Jahren während Mythos Mosel kennengelernt. Er hat sich da zufällig neben mich gesetzt und ich dachte, dass dieser Herr ziemlich durstig aussieht. Also habe ich ihm einfach ein Bier bestellt. lacht So kamen wir dann ins Gespräch – und stellten schnell fest, dass wir Wein sehr ähnlich wahrnehmen. Nämlich immer im Kontext und vor allem um das Erlebnis Wein fernab von nerdigem Gerede. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge.

Wir hielten über die Jahre Kontakt. In der Zwischenzeit hatte ich mit Weinstory, Trink und meiner Arbeit als freie Journalistin ein schönes Standing in der Weinbranche erreich. Eines Tages erhielt ich dann eine Mail von Michael Schmidt mit der Frage, ob ich mir vorstellen könnte, für die Purple Pages zu schreiben.

Und dann?

Paula Redes Sidore: Ich habe mich natürlich sehr geehrt gefühlt. Schnell stand dann fest, dass ich die GG-Premiere in Wiesbaden zusammen mit Michael machen sollte. Wenn das gut funktioniert, sollte es weitergehen. Für einen sanften Wechsel haben wir uns dann thematisch für die GG-Premiere aufgeteilt und den Artikel gemeinsam geschrieben.

Journalistin Paula Redes Sidore macht sich im Weingarten Notizen
Hoch konzentrierte Recherche im Weingarten. © Paula Redes Sidore

Wie viel Zeit nimmst du dir pro Wein?

Paula Redes Sidore: Zu viel. lacht Tatsächlich ist das sehr unterschiedlich. Generell sind es zunächst einmal so 10 bis 15 Minuten. Dann schreibe ich meine ersten Eindrücke auf. Am nächsten Tag probiere ich erneut. Zum einen, um meine Notizen abzugleichen, zum anderen, um zu sehen, wie sich der Wein entwickelt hat. Wenn ich die Weine zuhause habe, dann geht das so über eine Woche weiter. Danach mache ich eine Recherche. Was zeichnet die Lage aus? Wie alt sind die Rebstöcke? Hat sich an der Weinbereitung etwas geändert? Und erst dann schreibe ich meine finale Bewertung. Also eigentlich nehme ich mir viel zu viel Zeit.

Aber du packst den Wein dadurch nicht einfach in eine Schublade …

Paula Redes Sidore: Genau so wird es ja aber erst interessant! Michael und ich haben zum Beispiel mal vier oder fünf unterschiedliche Portfolios gemeinsam verkostet. Am Anfang waren die alle gut. Dann kam die Diskussion: werden sie in fünf, zehn, zwanzig Jahren auch noch alle gut sein? Und wichtig dabei, warum? Es ist fantastisch, die Weine gemeinsam mit ihm zu diskutieren. Wenn man einen Wein dann über mehrere Tage verkostet, dann kann man Entwicklungen sehr gut erkennen und braucht nicht mehr zu mutmaßen.

Probierst du mehr Wein, seitdem du für die Purple Pages schreibst?

Paula Redes Sidore: Es ist tatsächlich schwierig für mich, das einzuschätzen. Weil ich ja auch früher viel auf Messen probierte, die jetzt einfach eine lange Zeit wegen Corona gefehlt haben.

Für die Purple Pages hast du ja ganz genaue Bewertungskriterien, mit denen du arbeitest. Hat sich dadurch auch dein generelles Verkostungsprozedere verändert?

Paula Redes Sidore: Sehr gute Frage. Ja, leicht. Und ich glaube, das ist auch gut so. Seit meiner Kindheit rieche ich alles – so viel ich kann. Manchmal war ich da tatsächlich zu fokussiert. Ich war teilweise so in die Nase eines Weins verliebt, dass ich dem Rest nicht genügend Beachtung geschenkt habe. Das hat sich jetzt geändert. Der Rest muss jetzt auch stimmen.

Frau von hinten fotografiert an einem Fluss mit einem Glas Wein in der Hand
Immer dem Wein auf den Grund gehen. © Sophia Schillik

Wie schwer fällt es dir eigentlich, einen Wein zu bepunkten?

Paula Redes Sidore: Das ist halt ein notwendiges Übel. lacht Für mich ist es einerseits sehr schwer, andererseits aber eigentlich auch ganz einfach. Wir bewerten ja mit dem 20-Punkte-Schema, was es leichter macht. Denn dank des Kriterienkatalogs, den wir haben, merkt man schon ganz deutlich, wenn ein Wein von 16 zu 17 Punkten springt. Ohne Beschreibungen funktioniert es aber nicht. Es geht ja nicht nur um Punkte. Die sagen ja nichts über den Charakter oder die Stilistik eines Weins aus. Um das einzufangen, braucht man schon Worte. Und “Brombeere und tolle Tannine” reichen da nicht. Man muss das Verkostungserlebnis nahbar machen, damit der Leser den Wein für sich selbst einordnen kann. Wobei man auch keinen Roman zu jedem Wein schreiben sollte.

Jetzt interessiert es mich aber schon, ob dich ein Wein schon mal sprachlos gemacht hat.

Paula Redes Sidore: Ja, natürlich. Vor allem bei sehr alten Weinen kann das vorkommen. Ich habe im Frühjahr eine Trockenbeerenauslese aus dem Jahr 1953 von Kloster Eberbach verkostet. Das war so wunderschön. Da fehlten mir die Worte. Nicht nur, weil der Wein derart schön war. Sondern auch, weil der Wein so viel Geschichte in sich trug. Solche Weine nimmt man anders wahr. Immerhin trinkt man mit jedem Schluck lebendige Vergangenheit. Da herrscht dann erstmal vor allem eines vor. Ehrfurcht.

Eine letzte Frage noch, liebe Paula Redes Sidore. Bist du jetzt final angekommen?

Paula Redes Sidore: Also wenn mich das Leben jetzt eines gelehrt hat, dann das – man kann niemals nie sagen. lacht

Copyright Titelbild: © Paula Redes Sidore

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben, noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich die persönliche Meinung von Paula Redes Sidore wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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