Master of Wine Romana Echensperger während eines Interviews im Weingarten

Romana Echensperger: “Ich versuche, nicht zu werten”

In dieser Interviewreihe kommen Frauen aus der Weinbranche zu Wort. Heute unterhalte ich mich mit Master of Wine Romana Echensperger über das Thema Biodynamie.

Seit 2015 trägt die ehemalige Sommelière Romana Echensperger den Titel Master of Wine und ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus eine gefragte Moderatorin, Dozentin und Journalistin. 2020 erschien ihr Buch “Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen”, in dem sie die biodynamische Bewirtschaftung von vielen unterschiedlichen Seiten beleuchtet und zudem auch noch Winzer und deren Weine porträtiert.

In diesem Interview unterhalte ich mich mit Romana Echensperger darüber, wie sie überhaupt auf das Thema gekommen ist, unter welchen Gesichtspunkten sie ihr Buch geschrieben hat und warum Biodynamie die Geister scheidet.

Liebe Romana Echensperger, wie bist du eigentlich zum Thema Biodynamie gekommen?

Romana Echensperger: Zunächst interessiere ich mich schon immer für Landwirtschaft. Wie gute Lebensmittel entstehen. Das kommt natürlich auch durch meine Arbeit in einem Sternerestaurant – wo Produktqualität eine große Rolle spielt. In meiner Studienzeit zum Master of Wine habe ich dann mehrere biodynamische Winzer kennengelernt. Darunter meinen Master of Wine Kollegen Olivier Humbrecht aus dem Elsass. Seine Ideen zu Weinbau sowie Bereitung und vor allem seine Weine haben mich fasziniert. So kam eines zum anderen. Ich habe dann mehrere biodynamische Winzer besucht und habe mich intensiv damit beschäftigt.

Weibliche Master of Wine an einem Tisch mit einem Glas Weißwein vor sich
Hat sich schon immer für Landwirtschaft interessiert: Romana Echensperger MW. © Konstantin Volkmar/Romana Echensperger

Wann war dir klar, dass du ein Buch über Biodynamie im Weinbau schreiben möchtest?

Romana Echensperger: Eigentlich schon seit dem Jahr 2013. Das war in etwa die Zeit, als ich da tiefer in das Thema eingestiegen bin. Am Anfang war ich erst einmal wahnsinnig fasziniert. Allerdings steht man erst einmal vor einer undurchdringlichen Wand. Es braucht Zeit, bis man die Ansätze – und woher diese genau kommen – besser versteht und einordnen kann. Ich wollte ja keine Rudolf-Steiner-Beweihräucherungsfibel schreiben. 

Letztendlich hat mich die Frage interessiert, was Top-Winzer, die an den besten Universitäten der Welt studiert haben, an diesen 100 Jahre alten Ideen finden. Und warum diese vermeintlich esoterische Landwirtschaftsform offenbar näher an der Wahrheit auf Feld und Acker dran ist, als der Teil der Agrarwissenschaft, der der Industrialisierung den Weg bereitete. Ich wollte wissen, was können wir heute von der Biodynamie und ihrer mittlerweile fast 100-jährigen Erfahrung lernen.

War es schwierig, einen Verlag für dein Buch zu finden?

Romana Echensperger: Nein, überhaupt nicht. Die Biodynamie mit Verbänden wie Demeter hat mittlerweile eine breite gesellschaftliche Akzeptanz.

Nach welchen Aspekten hast du die porträtierten Weingüter für dein Buch ausgewählt?

Romana Echensperger: Ich wollte Winzer mit unterschiedlichsten Voraussetzungen zeigen – und wie diese dann damit biodynamisch wirtschaften. Es sind ganz große Weingüter dabei, die Trauben zukaufen und auch die Lieferanten mit auf diese Reise genommen haben. Aber auch ganz kleine Winzer, die alles selber machen. Es sind Weingüter mit spektakulären Grand-Cru-Lagen, aber auch welche, die mit ihren Reben im imagelosen Outback sitzen. Menschen, die sehr offen für die spirituelle Seite sind und welche, die damit wenig anfangen können. Alte Biodynamie-Hasen sowie Neulinge sind darunter. Ebenso ging es mir um unterschiedliche Weinstile vom Sekt bis zum Süßwein. Es war nicht einfach, diese Auswahl zu treffen. Da wären mir noch viele eingefallen.

Impressionen während einer Weinverkostung
Zusammen mit Clemens Busch bei dem Tasting „Verkosten mit Respekt“. © Manfred Klimek/Romana Echensperger

In den Winzer-Porträts bist du ja immer konsequent ganz nah am Menschen. Wie schwer ist es dir gefallen, trotzdem objektiv zu bleiben?

Romana Echensperger: Mich interessieren Menschen. Was sind deren Beweggründe – und ich versuche, nicht zu werten. Ich weiß nicht, ob mir das immer gelungen ist. Das müssen andere beurteilen.

Wenn es um Biodynamie geht, scheiden sich ja schnell die Geister. Für die einen ist sie so etwas wie der Heilige Gral, für andere wiederum esoterischer Quatsch. Wie gehst du persönlich mit diesen Grabenkämpfen um?

Romana Echensperger: Es gibt meines Erachtens sehr viel Halbwissen zu dem Thema auf beiden Seiten und das ist hochgefährlich. Nur mal so – ich bin mittlerweile 3 x geimpft gegen Corona

Biodynamie heißt meines Erachtens nämlich nicht, mit dem Faustkeil hinter dem Mammut herzurennen und technischen Fortschritt abzulehnen. Ebenso bedeutet es nicht zu meinen, man wäre jetzt quasi ein “Eingeweihter”, der die Weisheit mit der Schaufel gefressen und die Wahrheit gepachtet hat. Letzteres gilt übrigens auch für beide Seiten. Die Biodynamie muss man komplementär und nicht alternativ zur klassischen Naturwissenschaft sehen. Dann kann es einen echten Mehrwert geben. 

Es gibt in der Landwirtschaft unendlich viele Dinge und Zusammenhänge, die wir noch nicht wissen. Die sich oft erst nach Jahrzehnten zeigen. Die Biodynamie hilft mit dem Unwissen respektvoll umzugehen und nicht wie es jahrzehntelang in der Agrarwissenschaft üblich war (und ist), sperriges Wissen und Nichtwissen einfach strategisch zu verdrängen oder darüber hinwegzugehen. Wozu das geführt hat, sehen wir ja.

Nehmen wir die Düngerfrage. Die Naturwissenschaft sagt, es braucht bestimmte Stoffe, damit Pflanzen wachsen – und die könnte man auch mit Kunstdünger liefern. Diese vermeintliche Erkenntnis hat uns in vielerlei Hinsicht in eine Sackgasse geführt. Diese verkürzte Sicht auf Bodenfruchtbarkeit ermöglichte die Trennung von Ackerbau und Viehzucht. Wir haben heute Monokultur auf der einen Seite und Massentierhaltung auf der anderen Seite. Das ist für Boden, Pflanze, Tier und Mensch nicht gesund. Ebenso führt das zu massiven Stoffungleichgewichten. Wenn heute der Regenwald für Futtermittel abgebrannt wird und in Niedersachsen das Trinkwasser mit Nitrat belastet ist, hat das was mit einem rational naturwissenschaftlichen Verständnis von Bodenfruchtbarkeit zu tun. Das wäre interessant zu wissen, was Justus von Liebig dazu sagen würden, wenn er das Desaster heute sehen würde. Ein Biodynamiker wäre nie auf so eine Idee gekommen.

Master of Wine Echensperger in einem Fasskeller mit einem Glas Rotwein in der Hand
Seit 2015 trägt Romana Echensperger den Titel Master of Wine. © Jan Stephan Hubrich/Romana Echensperger

Abschließend noch eine weitere Frage, liebe Romana Echensperger: Wie wird sich deiner Meinung nach der Stellenwert der biodynamischen Bewirtschaftung in den nächsten Jahren verändern?

Romana Echensperger: Wir brauchen viel mehr industrieunabhängige Forschung im Biobereich. Da gibt es so viele wissenstechnische Brachflächen. Das beginnt beim Pflanzmaterial. In Bordeaux sind ein Großteil der Merlot-Reben zwei Klone. Das ist die ultimative Monokultur. Kein Wunder, dass der Merlot so Schwierigkeiten hat. Es sind Winzer wie Stephan Neipperg, die nun selbst Versuche machen und eigene Selektionen kreieren, die besser mit Pilzdruck und Klimawandel umgehen können. Warum gibt es das nicht an den großen Universitäten? Warum wird da nicht mit Hochdruck an solchen Fragen gearbeitet? 

Ein Riesenproblem ist nach wie vor der biologische Pflanzenschutz. In einem Jahr wie 2021 ist man da mit den Bio-Spritzmitteln an die Grenzen gekommen. Wir brauchen noch viel mehr Forschung in diesem Bereich, wie wir Bio-Pflanzenschutz besser und ohne Kupfer hinbekommen. Wenn diese Frage gelöst ist, wird es einen enormen Zuwachs an Bio und auch Biodynamie-Flächen weltweit geben. Davon bin ich überzeugt. 

Copyright Titelbild: © Konstantin Volkmar/Romana Echensperger

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben, noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich die persönliche Meinung von Romana Echensperger MW wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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