Familie vom Weingut Nastl in einem ihrer Weingärten im österreichischen Kamptal

Weingut Nastl: Feinsinniges aus dem Kamptal

Wenn es Rebsorten gibt, die das österreichische Kamptal als Weinregion prägen, dann sind das Grüner Veltliner und Riesling. Und diese beiden Trauben sind auch beim Weingut Nastl in Langenlois die großen Stars. Aber eben Stars mit vielen Facetten.

Große und bekannte Namen sind für eine Weinregion Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil es für kleinere und unbekanntere Betriebe richtig schwierig ist, sich neben den Platzhirschen zu etablieren. Aber eben auch Segen, weil die renommierten Winzer für mehr Aufmerksamkeit sorgen, die Blicke in das jeweilige Gebiet lenken. Dieses Fluch-und-Segen-Prinzip findet man natürlich auch im niederösterreichischen Kamptal. Namen wie Bründlmayer, Loimer, Jurtschitsch oder auch Hirsch lassen die Herzen von Weinliebhabern höher schlagen. Und trotzdem lohnt sich – wie eigentlich überall – ein genauerer Blick in die Reihe hinter den großen Namen. Womit wir jetzt endlich beim Weingut Nastl aus Langenlois wären.

Die Familie Nastl betreibt hier seit 1656 Weinbau. Und kann dementsprechend auf eine lange Tradition zurückblicken. Christian Nastl leitet den Betrieb inzwischen in 13. oder 14. Generation. So ganz sicher ist er sich da nicht. Während seine Geschwister andere Lebenswege eingeschlagen haben, aber immer mal wieder im Betrieb oder im Heurigen mithelfen, war für ihn eigentlich von Anfang an klar, dass er das Weingut Nastl mal irgendwann von seinem Vater übernehmen würde. Der heute 31-Jährige absolvierte zunächst eine duale Ausbildung in Krems. Danach zog es ihn in die Vereinigten Staaten und nach Neuseeland. Wo er Kontraste im Weinbau hautnah mitbekam. So war der Wechsel vom 20-Hektar-Weingut in Ohio mit seinen Cool-Climate-Gewächsen zu dem 1000-Hektar-Betrieb in Marlborough, wo man im Schichtbetrieb arbeitete, alles andere als ohne. Aber Christian Nastl lernte dadurch enorm.

Gemeinsam stark: Weingut Nastl

Im Jahr 2020 zog es den Winzer dann wieder in die Heimat. Er stieg im Familienweingut Nastl ein und übernahm dort dann auch 2021 die komplette Verantwortung. Wobei das mit der Verantwortung so eine Sache ist. “Wenn das bedeutet, dass ich die Steuern zahle und mein Name offiziell fürs Finanzamt dran steht, ja, dann habe ich die Verantwortung”, leitet Christian Nastl die Philosophie des Familienbetriebs ein. Denn beim Weingut Nastl werden Wein-Entscheidungen konsequent gemeinsam diskutiert und getroffen. Bestes Beispiel ist da etwa der Riesling 10-10-10.

Winzer Christian Nastl vom Weingut Nastl im Kamptal
Jungwinzer mit Ideen: Christian Nastl. © Weingut Nastl

Die Zahlen im Namen deuten es an: Süße, Säure und Alkohol sollen bei diesem halbtrockenen Wein in perfekter Balance sein. Der 2020er ist die erste Edition dieses Rieslings, von dem erstmal probeweise 400 Flaschen abgefüllt wurden. Natürlich stimmt das mit der 10-10-10 im Weinnamen nicht ganz genau. Die Werte weichen ein wenig ab. Natur halt. Diese so zu manipulieren, dass alles ganz genau passt, davon hält Christian Nastl nichts. Was aber nichts daran ändert, dass der Riesling ein perfektes Süße-Säure-Spiel bei moderatem Alkohol hat. “Für mich ist das ein sehr guter Aperitif”, schwärmt der Winzer. Gedacht ist der Wein vor allem für den betriebseigenen Heurigen, wo sich von April bis Oktober nicht nur Einheimische, sondern vor allem auch Touristen tummeln.

Und eh! Der Heurige. Diesen zu betreiben war auch eine Familienentscheidung. Damals, 1980, als die Großmutter die ersten Schmankerln servierte. 1988 übernahmen dann Christians Eltern den Heurigen. Heute helfen hier seine Schwester und ihr Mann zudem ab und zu aus. Beim Weingut Nastl bildet der Heurige sozusagen die Seele. Hier kann man bei kleinen und größeren regionalen Köstlichkeiten die Weine des Betriebs in Ruhe und mit viel Genuss verkosten. Und das sogar mit Blick auf eine der beiden Vorzeige-Lagen des Weinguts Nastl. Sitzt man dort nämlich im Garten, hat man freie Sicht auf die Ried Steinmassl.

Kontrastprogramm: Grüner Veltliner

Diese nördliche Kamptal-Riede ist etwas kühler als die anderen Lagen. Die Veltliner- und Riesling-Reben gedeihen hier auf kargem Urgestein. Einige der Reben sind bis zu 50 Jahre alt und graben sich dementsprechend tief in den Boden. Beim Grünen Veltliner zeigt sich das in einem straffen und geradlinigen Wein, der faszinierende Ecken und Kanten hat, aber trotzdem einen ordentlichen Trinkfluss besitzt. Der Wein ist ebenso puristisch wie nachhaltig leise. Also kein lauter Brüller, aber trotzdem sehr deutlich zu verstehen.

Winzer Christian Nastl mit seinem Vater Günter
Generationsübergreifend: Christian Nastl mit seinem Vater Günter. © Weingut Nastl

Ganz anders kommt da der Grüne Veltliner aus der Lage Kittmannsberg daher. Wir sind hier im südlichen Kamptal Richtung Krems. Der schwere Lössboden bringt einen Grünen Veltliner hervor, der ebenso warm wie cremig daherkommt, mit viel gelber Frucht und trotzdem sehr elegant. Denn auch dieser Wein brüllt nicht, sondern erzählt leise aber bestimmt seine Geschichte.

Die große Kunst der leisen Töne

Da ist dann auch klar die Handschrift des Winzers zu erkennen. Christian Nastl, selbst auch eher ein Mann der leiseren Töne, der sich nicht in Vordergrund drängt und trotzdem konsequent präsent ist, mag selbst keine Weine, die laut brüllen. Bei ihm darf es gerne chronisch elegant sein. Auch bei mehr Körper und Fülle in einem Wein. Noch ein Beispiel, das untermauert, wie gut ihm das gelingt, ist der Riesling aus der Gigant-Linie. Die Trauben stammen aus der Ried Steinmassl. Anders als der Grüne Veltliner präsentiert sich der Riesling Gigant mit viel Wärme und Cremigkeit. Dieser krasse Unterschied ist aber nicht dem Ausbau im Holz zu verdanken. Denn beim Riesling war lediglich ein wenig Botrytis mit im Spiel. Das allein macht diesen großen Unterschied.

Für die Gigant-Linie wird beim Weingut Nastl tatsächlich nur perfektes Traubengut verwendet. Stimmt die Qualität nicht, gibt es in dem jeweiligen Jahr weder Riesling noch Grünen Veltliner als Gigant. Und den Zweigelt natürlich auch nicht. Moment mal. Zweigelt? Ja, der Familienbetrieb kann auch mit Rotweinen aufwarten. Obwohl der Schwerpunkt eindeutig auf den weißen Rebsorten liegt. Die 12 Hektar umfassende Rebfläche wird vom Grünen Veltliner mit 70 Prozent klar dominiert. Danach folgt – wie sollte es im Kamptal auch anders sein – Riesling. Etwas Welschriesling, Muskateller und Müller-Thurgau komplettieren den weißen Rebsortenspiegel, während man auf der roten Seite noch ein wenig Merlot neben dem Zweigelt findet.

Winzerfamilie Nastl beim Essen an einem langen Tisch
Ziehen alle an einem Strang: Familie Nastl. © Weingut Nastl

Orange Wine vom Weingut Nastl

Seit 2018 ist das Weingut Nastl zudem noch um eine weitere Rebsorte reicher. Chardonnay. Denn damals hatte die Familie die Möglichkeit, eine Parzelle mit eben Chardonnay-Reben zu übernehmen. Die Weinstöcke rausreißen wollte man nicht. Aber was tun mit den Trauben? Der Vater von Christian Nastl schlug zunächst den Klassiker vor. Nämlich Sekt daraus zu machen. Nach einer kleinen Diskussion entschied sich die Familie dann aber, mal einen ganz neuen Weg zu gehen. Orange Wine! Satte sechs Monate reifte der maischevergorene Wein unter einem Deckel aus Traubenschalen auf der Vollhefe. Ein kleines Experiment. Und zwar eines, das sich mehr als sehen lassen kann!

Unheimlich cremig und elegant kommt der Chardonnay “N.UR” (abgeleitet von Nastl und PUR) daher, mit einer bezaubernden Rauchnote. Diese hat der Wein allerdings nicht dem Ausbau im Holzfass zu verdanken. Dort war er nämlich niemals drin. “Wir haben die Trauben vollreif gelesen”, verrät Christian Nastl. “Die Schalen hatten schon Sonnenflecken. Und die sorgen für die rauchige Note.” Blieb nur die Frage, welch eine Speise man im Heurigen dazu reichen sollte. Die Antwort war schnell gefunden: Crème Brulée! Und in der Tat: die rauchigen Nuancen harmonieren zu dem Dessert einfach nur perfekt.

Gereifte Schätze des Weinguts Nastl

Wobei es nicht nur die Kombination von Speisen und Wein ist, die einen Besuch des Heurigen vom Weingut Nastl lohnt. Denn man wartet dort noch mit einer weiteren Besonderheit auf. Gereifte Weine. Die Vinothek des Weinguts reicht bis zum Jahr 1974 zurück. Und diese Gewächse kann man ganz regulär im Heurigen bestellen. Was für ein Privileg! Ich hatte das Glück, den Riesling Steinmassel aus dem Jahr 1999 probieren zu dürfen. Der perfekt gereifte Wein war höchst lebendig und hat mich mit seinen dezenten Petrolnoten, den getrockneten Aprikosen und der höchst eleganten Struktur nachhaltig beeindruckt. Solch einen Wein ganz regulär in einem Heurigen bestellen zu können, ist schon außergewöhnlich. Das sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man mal plant, das Kamptal zu besuchen. Und wenn man schon mal da ist, dann kann man auch gleich mal in Ruhe alle Gewächse vom Weingut Nastl verkosten. Die lohnen sich nämlich sehr.

Copyright Titelbild: © Weingut Nastl

*Dieser Text wurde vom Weingut Nastl weder beauftragt noch vergütet. Er spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen ausschließlich Service-Zwecken.

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