Blick auf die Stadt Montalcino in der italienischen Toskana

Brunello di Montalcino: Wein-Gigant mit Abgründen

Neben Barolo und Amarone della Valpolicella zählt Brunello di Montalcino zu den drei großen Rotweinen Italiens. Und dann hat er auch noch den höchsten Durchschnittspreis von allen! Wenn das mal nicht eine steile Karriere ist. Denn tatsächlich gibt’s den Wein noch gar nicht soooo lange. Höchste Zeit für einen genaueren Blick!

Es gibt Geschichten, die beginnen mit einem ebenso großen wie glücklichen Zufall. Dann gibt es Geschichten, die beginnen mit einem großen Paukenschlag. Und dann gibt es noch den Brunello di Montalcino, bei dem Zufall auf Paukenschlag trifft. Hollywood könnte sich das nicht besser ausdenken! Aber fangen wir mal von vorne an. Und vorne heißt beim Brunello di Montalcino in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zwar wurde der Begriff Brunello bereits im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, aber mit dem Wein von heute hatte dieser Tropfen nicht viel zu tun. Er muss recht schlicht und grob gewesen sein und hatte seinen Namen nur seiner braunen Farbe (“bruno”) zu verdanken.

Der Brunello und der Zufall

Schlicht und grob waren die Weine rund um das Städtchen Montalcino, das zwischen Siena und Rom in der Provinz Siena in der Toskana liegt, auch noch Mitte des 19. Jahrhunderts. Eigentlich genossen nur die einheimischen Bauern die Weine von dort. Einen großen Ruf hatte keiner von ihnen. Das galt auch für die Weine von Ferruccio Biondi Santi. Doch im Gegensatz zu seinen Winzerkollegen aus Montalcino hatte der Mann eine Vision. Denn er wollte einen großen Wein mit Strahlkraft erzeugen. Einen Wein, den er im Holzfass ausbauen wollte. Und der dadurch für eine kleine Ewigkeit gemacht ist – und der deshalb auf der ganzen Welt berühmt sein sollte. Halt einen Wein, den es so in der Gegend noch nie gegeben hat.

An dieser Stelle kommt dann der Zufall ins Spiel. Denn in den Weingärten seines Großvaters Clemente Santi fand Ferruccio einen Sangiovese-Rebstock, dessen Trauben sich von allen anderen unterschieden. Die Beeren waren sehr groß, hatten eine extra dicke Schale und einen wahnsinnig intensiven Geschmack. Was für eine Qualität! Da war es plötzlich, das Potenzial für einen richtig großen Wein!

Mehrere Barrique-Fässer für Brunello di Montalcino in einer Detailaufnahme
Wein in Holzfässern ausbauen – das war Ferruccio Biondi Santis Traum! © Michele Caldarisi/iStock

Und dann kam der große Paukenschlag

Für Ferruccio Biondi Santi war dieser Rebstock also der Jackpot. Damals dachte er, dass es sich dabei gar nicht um Sangiovese handelt und gab der Traube deswegen den Namen Brunello. Heute wissen wir das dank genetischer Untersuchungen besser. Natürlich war es Sangiovese. Und zwar einer, der eben große Beeren ausbildet. Weswegen man die Rebsorte im 20. Jahrhundert dann zunächst in Sangiovese Grosso umbenannte. Gut, inzwischen heißt sie nur noch Sangiovese. Denn es stellte sich heraus, dass die Beeren nur aufgrund der besonderen Bodenverhältnisse rund um Montalcino so groß werden. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu Ferruccio Biondi Santi und seiner Brunello-Rebe.

Denn aus dieser zog er eben weitere Reben und pflanzte sie. Es war der Startschuss für seinen Brunello di Montalcino, den er dann im Jahr 1880 in Siena erstmals verkosten ließ. Womit wir beim Paukenschlag dieser Geschichte wären. Damals wurden Weine traditionell nämlich ganz schlicht in Holzfässern verkauft. Biondi Santi aber füllte seinen Brunello in Flaschen ab. Das war tatsächlich nicht nur eine kleine, sondern eine große Sensation. Dementsprechend wollte jeder, der in Siena etwas mit Wein zu tun hatte, den Brunello dann auch direkt probieren. Und jeder, der das tat, geriet sofort ob der bis dato unbekannten Qualität ins Schwärmen. Was für ein Wein!

Mehrere leere Weinflaschen mit Brunello di Montalcino in einer Holzkiste
Brunello die Montalcino ist einfach ein Kultwein! © eroyka/pixabay

Aufstieg und Fall eines Weins

Der Siegeszug des Weins begann dann aber erst im Jahr 1888, als der erste offizielle Jahrgang herauskam. Da gab es dann kein Halten mehr. Jeder, wirklich jeder wollte eine Flasche besitzen. Doch damit noch immer nicht genug! Denn in den nächsten 50 Jahren hatte die Familie Biondi Santi quasi das Monopol auf den Brunello. Kein anderes Weingut vinifizierte ihn – oder kam mit den eigenen Qualitäten auch nur ansatzweise heran. In der Zwischenzeit perfektionierte man Biondi Santi den Brunello. Er wurde noch samtiger, noch komplexer und noch tiefer und feingliedriger. Erst im Jahr 1920 zogen andere Weingüter aus Montalcino nach und vinifizierten ebenfalls einen Brunello. Der Wein nahm blitzschnell Karrieretempo auf. 1929 wuchsen auf 900 Hektar rund um Montalcino die Brunello-Reben, es kam zu den ersten Exporten in die Vereinigten Staaten. Die Zukunft sah glänzend aus. Aber dann schlug die Gegenwart zu.

Zuerst fiel die Reblaus in die Toskana ein und vernichtete einen Großteil der Brunello-Rebfläche. Dann machte den Weingütern direkt auch noch die Weltwirtschaftskrise zu schaffen. Und als man sich gerade mit Müh und Not berappelt hatte, begann der Zweite Weltkrieg. Die Brunello-Produktion kam beinahe komplett zum Stillstand. Und wollte sich auch danach nicht so recht erholen. Nach dem Krieg gab es andere Herausforderungen als einen Spitzenwein zu machen. Die Folge: 1960 gab es gerade einmal elf Winzer, die sich um 63 Hektar Brunello-Rebfläche kümmerten. Der Wein war kurz vorm Aus! Zum Glück gab dann aber die Regierung so eine Art Starthilfe.

Ort Montalcino in der Toskana zwischen Bäumen betrachtet
Ursprungsort eines Wein-Giganten: Montalcino. © Consorzio del Vino Brunello di Montalcino

Brunello di Montalcino bekommt geschützte Herkunft

Im Jahr 1966 gehörte der Brunello zu den ersten Weinen, die einen DOC-Status (Denominazione di Origine Controllata = geschützte Ursprungsbezeichnung) erhielten. Die Herkunft wurde also bewusst geschützt. Der Wein nannte sich jetzt ganz offiziell Brunello di Montalcino. Damit einher gingen dann aber auch strenge Produktionsregeln, die in den 1960er-Jahren wie folgt aussahen: Als Rebsorte durften Winzer ausschließlich Brunello (also Sangiovese) verwenden. Zudem hatte der Ausbau für 42 Monate in slawonischer Eiche zu erfolgen – und danach weitere 24 Monate Flaschenreife. Erst dann durfte ein Weingut ihren Brunello di Montalcino auf den Markt bringen.

Mit dem DOC-Status stieg dann die Weinqualität nochmals an. Denn immer mehr Winzer bauten gezielt Einzellagen aus, um so die unterschiedlichen Terroir-Charakter der Weine herauszuarbeiten. Das blieb natürlich nicht unbemerkt. Absatz und Renommee stiegen gewaltig. Und das wiederum hatte zur Folge, dass der Brunello di Montalcino 1980 den DOCG-Status (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) erhielt. Also die geschützte und garantierte Ursprungsbezeichnung. Dafür gab’s dann auch wieder neue Regeln. Normalerweise werden diese dann strikter. Beim Brunello aber lockerte man sie etwas. Und zwar bis heute.

Detailaufnahme der Erde im Weinberg für Brunello di Montalcino
Steht beim Einzellagen-Brunello im Fokus: Das Terroit. © Consorzio del Vino Brunello di Montalcino

DOCG-Regeln für Brunello di Montalcino

So darf der Wein jetzt nicht nur in Eiche, sondern auch in Kastanie ausgebaut werden. Apropos Ausbau: statt 42 Monate reichen jetzt auch 24 Monate. Allerdings wurde die Flaschenreife von 24 Monate auf 36 Monate erhöht. Was sich mit dem DOCG-Status noch änderte? Nun, seit 1980 heißt die Rebsorte endlich Sangiovese und nicht mehr Brunello, muss aber nach wie vor zu 100 Prozent in den Wein rein. Außerdem führte man eine Riserva-Version ein, die statt 36 Monate satte 48 Monate auf der Flasche reifen muss. Und wenn wir schon bei der Flasche sind … Die muss zwingend die Bordeaux-Form haben. Also eine Flasche mit geraden Schultern. Und sie darf auch nicht mehr als fünf Liter fassen. Wobei die meisten Weingüter eh nur die Doppelmagnum mit drei Litern als größte Einheit anbieten.

Schnell wurde der Brunello di Montalcino neben Barolo und Amarone di Valpolicella zu einem der großen Wein-Giganten Italiens. Die Rebfläche wuchs rasant an. Derzeit stehen 2.000 Hektar rund um Montalcino für den Brunello unter Reben! Und weil der Wein tatsächlich den höchsten Durchschnittsverkaufswert aller geschützten Weine Italiens hat, sind die Rebflächen auch dementsprechend teuer. Man schätzt, dass diese 2.000 Hektar einen Wert von über zwei Milliarden Euro haben. Das macht einen Hektarpreis von einer Million Euro! Was für ein großer Erfolg für die Winzer aus Montalcino.

Rebflächen für Brunello rund um Montalcino in der Toskana, Italien
Inzwischen sind 2.000 Hektar mit Sangiovese-Reben für den Brunello di Montalcino bestockt. © Consorzio del Vino Brunello di Montalcino

Weinskandal um den Brunello!

Doch es kam, wie es eben beim Menschen so kommen muss. Die Profitgier fraß beinahe den Erfolg. Denn im Jahr 2008 verschnitten einige Winzer den Sangiovese mit internationalen Rebsorten wie Merlot oder Cabernet Sauvignon. Ein ganz klarer Bruch mit den Produktionsregeln! Damals ging ein Beben durch die Weinwelt. Die italienische Staatsanwaltschaft beschlagnahmte 6,5 Millionen Liter Wein, Brunello di Montalcino durfte nicht mehr in die Vereinigten Staaten eingeführt werden. Und unzählige Winzer – darunter auch ein paar sehr große Namen – saßen plötzlich auf der Anklagebank. Diese ganzen Geschehnisse gingen in Italien unter den Begriff “Brunellopoli” ein. Vielleicht kennst du den Skandal aber auch unter seinem englischen Namen. “Brunellogate”. Doch die Geschichte nahm dann eine überraschende Wendung.

Zum einen wurden erstaunlich wenige Winzer tatsächlich verurteilt. Zum anderen entfachte in Montalcino eine leidenschaftliche Debatte rund um die Produktionsregeln. Denn viele Weinmacher waren tatsächlich der Meinung, dass die Betrüger es richtig gemacht haben. Der Brunello di Montalcino gehöre endlich auch in der Flasche internationalisiert. Es könne nicht angehen, dass nach wie vor nur Sangiovese erlaubt sei. Demgegenüber standen die Traditionalisten, die die Identität der Region in der Flasche bewahren wollten. Letztlich kam es zu einer Abstimmung, bei der die Traditionalisten haushoch mit 96 Prozent gewannen. Die Produktionsregeln wurden also nicht geändert.

Viel heiße Luft, um einen Skandal abzumildern und schnell vergessen zu machen. Aber: die Taktik ging auf! Der Brunello di Montalcino erholte sich schnell von dem Skandal – und zwar so gut wie ohne Image-Einbuße. Ein kleines Wunder. Gut, so verwunderlich dann doch wieder nicht. Denn da ist ja immer noch diese Qualität, der dann auch die Panscher keinen Abbruch tun konnten. Der Skandal ist inzwischen freilich längst vergessen, der Abgrund gerade noch so umschifft. Was bleibt, ist ein tiefer, komplexer und wahnsinnig intensiver Wein, der tatsächlich eine kleine Ewigkeit überdauern kann.

Copyright Titelbild: © ​​DaLiu/iStock

*Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wurde weder beauftragt noch vergütet und spiegelt lediglich meine persönliche Meinung wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell, sondern dienen ausschließlich Service-Zwecken.

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