Fränkische Gästeführerin mit Wein-Passion: Marie Wittmann

Marie Wittmann: „Franken hat mich verzaubert!“

In dieser Interviewreihe kommen Frauen aus der Weinbranche zu Wort. Heute unterhalte ich mit Marie Wittmann über ihre Tätigkeit als Gästeführerin „Erlebnis Franken“ und darüber, wie sie den Spagat zwischen ihrem Hauptjob und dem auf dem Weingut ihres Freundes Michael Melber schafft.

Ursprünglich kommt Marie Wittmann aus einem kleinen Dorf im oberösterreichischem Traunviertel, wo man eher Bier statt Wein trinkt. Und auch danach hatte die Österreicherin mit Wein noch nicht viel am Hut. Sie studierte Biomedizinische Analytik und arbeitete in einem Wiener Labor. Der Wein wurde dann 2018 Thema, als sie dem fränkischen Winzer Michael Melber in der Wachau zufällig über den Weg lief. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick. Mit Michael kam dann auch der Wein in Maries Leben.

Nach einer langen Fernbeziehungszeit zog Marie Wittmann im Januar 2021 endgültig zu Michael nach Unterfranken. Nach Rödelsee, um genau zu sein. Das hatte dann zwei weitere Lieben zur Folge. Zum einen verliebte sich die Österreicherin in Franken selbst. Zum anderen aber auch in die Weine der Region. Da war es für sie nur ein logischer Schritt, sich dann auch als Gästeführerin „Weinerlebnis Franken“ ausbilden zu lassen. Wie sie den Spagat zwischen Labor und Weingut schafft, das verrät Marie Wittmann in diesem Interview. Außerdem erzählt sie, was man als Gästeführerin eigentlich alles macht.

Winzer Michael Melber und seine Lebensgefährtin Marie Wittmann
Michael Melber: Seinetwegen ist Marie Wittmann nach Franken gezogen. © Stefan Bausewein/Weingut Melber

Liebe Marie Wittmann, du bist der Liebe zum Winzer Michael Melber wegen nach Franken gezogen. Du arbeitest aber nicht Vollzeit auf seinem Weingut mit. Warum?

Marie Wittmann: Für mich war der Umzug nach Rödelsee damals ein großer Schritt. Ich bin ja ins eiskalte Wasser gesprungen und habe Familie und Freunde zurückgelassen und wusste nicht, wie ich mich hier einfinde. Für mich war daher die finanzielle Unabhängigkeit und meinen erlernten Beruf auszuüben, ein ganz besonders wichtiger Anker. Deshalb haben wir vor meinem Umzug nach Rödelsee gemeinsam beschlossen, dass ich 50 Prozent im Weingut arbeite und 50 Prozent im Labor.

Aber die Arbeit auf dem Weingut macht dir dann schon Spaß, oder?

Marie Wittmann: Was das Thema Wein angeht, habe ich eindeutig „Blut geleckt“. Ich bin überzeugt von Michael und dessen Weinen. Deshalb war für mich auch von Anfang an klar: daran möchte ich unbedingt Teil haben. Wir sind ein kleines Familienweingut, da darf man so ziemlich bei jeder Arbeit mithelfen – für mich gibt es keine abwechslungsreichere Arbeit als die Arbeit hier im Weingut. Mal ist man in Arbeitskleidung draußen von der Natur umgeben und kümmert sich in Ruhe um seine Rebstöcke und dann findet man sich ganz schick angezogen bei tollen Weinverkostungen wieder, wo man sein eigenes Produkt vorstellen darf. Ein Traum!

Paar geht in den Weinbergen im unterfränkischen Rödelsee spazieren
Oh, du schönes Rödelsee! © Stefan Bausewein/Weingut Melber

Wie kam es dazu, dass du dich dann zur Gästeführerin „Weinerlebnis Franken“ hast ausbilden lassen?

Marie Wittmann: Franken hat mich verzaubert! Die Kultur. Die Landschaft. Die Gaststätten. Die Lebensart. Der Wein. Und natürlich Michael. 🙂 Als Wahlfränkin liegt es mir besonders am Herzen, anderen Menschen die Schönheit Frankens zu zeigen. Und wie könnte ich das besser verwirklichen als mit meinen Weinerlebnis-Führungen? Michael selbst hat mich damals auf die Idee gebracht, die Ausbildung zur fränkischen Gästeführerin zu machen.

Die Anforderungen zur Aufnahme sind gar nicht zu unterschätzen, da der Gästeführer-Verein natürlich Wert drauf legt, nur an Wein interessierte Gästeführer:innen auszubilden, die danach auch mit dem erlernten Wissen qualitativ hochwertige Führungen ausüben. Die Anzahl der auszubildenden Gästeführer:innen Frankens ist begrenzt – die Anforderung für die Bewerbung war: Motivationsschreiben, Empfehlungsschreiben der Gemeinde oder von einem Weingut.

Was genau waren da eigentlich die Lerninhalte?

Marie Wittmann: Im Frühjahr 2023 habe ich meine Ausbildung zur Gästeführerin Weinerlebnis Franken an der LWG in Veitshöchheim begonnen. Die Ausbildung beginnt meistens im März und endet im Oktober – somit sind fast alle „Weinbergs-Situationen“ im Jahr abgedeckt. Es gab drei Lernmodule: Kommunikation, Intensivkurs Wein sowie Ökologie, Flora und Fauna.

Zur Kommunikation gehörten etwa Präsentationstechniken, Konfliktbewältigung und psychologische Aspekte. Ein ganz wichtiges Thema hier: Wir als Gästeführer:innen sind Gastgeber:innen, Lehrer:innen, Freund:innen, zum Teil auch „Psycholog:innen“ und versuchen immer, Emotionen und Erinnerungen zu schaffen. Ein Gast merkt sich nicht immer, was ihr oder ihm erzählt wird, aber sie oder er erinnert sich an das Gefühl, welches man ihr oder ihm gegeben hat. Beim Intensivkurs Wein wurde versucht, jedes wichtige Thema grob zu beleuchten – damit die Gästeführer:innen in allen Bereichen das nötige Basiswissen besitzen und Antworten geben können. Das ging von Weingeschichte über Weinwirtschaft bis hin zu den Arbeiten im Weinberg und im Keller.

Im Ökologie-Bereich ging es nicht nur um die Pflanzen, die in Franken wachsen. Auch Themen wie Klimaerwärmung und Weinbau wurden ganz intensiv behandelt, um uns auf „Diskussionen“ während unserer Führungen vorzubereiten. Insgesamt waren das 25 Fortbildungs-Tage. Und dabei waren wir jeden Tag unterwegs und hatten von Bürgstadt über Würzburg bis Zeil am Main verschiedenste Exkursionen, um das Weinland-Franken kennenzulernen. Ganz selten waren wir in einem Lehrsaal. Wir waren also wirklich sehr viel unterwegs und konnten den Zauber Frankens kennenlernen.

Marie Wittmann blickt zwischen Reben in die Kamera
Fränkische Weine haben Marie Wittmanns Weinleidenschaft entfacht. © Stefan Bausewein/Weingut Melber

War die Prüfung zur Gästeführerin sehr anspruchsvoll?

Marie Wittmann: Als Abschlussarbeit mussten wir eine Gästeführung planen und schriftlich abgeben. Die ganze Fortbildung war mit sehr viel Inhalt vollgestopft. So viel Wissen wie möglich in kurzer Zeit. Daher musste man für die Prüfung schon sehr viel lernen. Es gab eine schriftliche Prüfung, wo sehr viel Theorie abgefragt wurde, und danach eine mündliche Prüfung. Hier wollten die Prüfer „Gschichtli“ von uns hören. Denn Geschichten und emotionale Erzählungen bleiben beim Gast viel eher hängen als einfach nur Fakten und Zahlen. Ich durfte bei meiner Prüfung die Geschichte des Silvaners – unsere autochthone Rebsorte hier in Franken – erzählen. Die Prüfung an sich war, wenn man sich gut darauf vorbereitet hat, zwar anspruchsvoll, aber zu schaffen!

Was für Weintouren bietest du inzwischen an?

Marie Wittmann: Ich biete meine Weintour „Wine-Hopping & Sundowner“ am Rödelseer Schwanberg an. Hier habe ich ganz fixe Termine ausgeschrieben. Einmal im Monat, am Freitag, als Afterwork-Spaziergang. Folgende Termine sind noch ausgeschrieben: 21. Juni 2024 um 18:30 Uhr und 19. Juli 2024 um 18:30 Uhr. Das Ganze soll locker und gemütlich ablaufen. Raus aus der Alltagshektik und rein ins Wochenende. Mit einem Gläschen Wein und ausgelassener Stimmung wandern wir durch die Weinberge. Meine Gäste erfahren Spannendes aus dem Weinbau und verkosten Weine aus unserem Weingut. Als Krönung gibt’s am Ende einen tollen Ausblick über Rödelsee und ein bisschen Fingerfood.

Außerdem habe ich ein Silvaner-Hopping geplant – ein Termin steht hier aber noch keiner fest. In Rödelsee gibt es sechs Winzer. Und wirklich ausnahmslos JEDER kreiert hervorragende Weine. Wir haben hier in Rödelsee top Weinlagen – allen voran unser Rödelseer Küchenmeister. Ich möchte unbedingt ein Silvaner-Hopping veranstalten, wo von jedem Rödelseer Winzer ein Küchenmeister Silvaner verkostet wird. Hier schmeckt man dann doch auch nochmal die unterschiedlichen Handschriften der Winzer raus. Das wird sicherlich total spannend! Ich poste auch immer wieder neue Termine auf unserer Instagram-Seite oder auf unserer Homepage.

Winzer Michael Melber und Gästeführerin Marie Wittmann im Gespräch
Michael Melber und Marie Wittmann sind ein fränkisches Wein-Traumpaar. © Stefan Bausewein/Weingut Melber

Kann man dich auch für eine private Tour engagieren?

Marie Wittmann: Ich bin natürlich auch für private Touren zu haben! Jede Führung wird von mir ganz individuell und persönlich mit meinen Gästen geplant. Ich versuche mich auch immer im Vorhinein auf meine Gruppe einzustimmen. Jede Gruppe hat einen anderen Wissensstand, andere Interessen und andere Bedürfnisse und darauf stimme ich meine Führungen ab. Bei Interesse kann man einfach auf unserer Website oder via Instagram mit mir Kontakt aufnehmen.

Was unterscheidet deine Touren von denen der anderen fränkischen Gästeführer:innen?

Marie Wittmann: Also das ist auf jeden Fall mein Österreichischer Schmäh! lacht Aber mal Spaß bei Seite: Meine Führungen sind alle sehr persönlich, herzlich und sorgen für wunderbare Erinnerungen. Ich möchte mit meinen Gästen Momente erleben, wo sie Spaß haben! Genuss und Leichtigkeit sollen hier im Vordergrund stehen. Ich möchte ihnen das fränkische Lebensgefühl vermitteln, welches mich seit meinem ersten Tag hier verzaubert hat. Dieses fränkische Lebensgefühl, kombiniert mit meiner österreichischen Gemütlichkeit, gibt es hier in Franken sicherlich nur ein Mal.

Das Anbaugebiet Franken haben ja viele Weinliebhabende noch immer nicht so richtig auf den Schirm. Warum lohnt es sich, die Region mal zu besuchen?

Marie Wittmann: Leider ist Franken immer noch underrated – da gebe ich dir vollkommen recht. Aber ich habe das Gefühl, dass es immer mehr junge Winzer:innen gibt, die auf sich aufmerksam machen – und ich bin überzeugt davon, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird. Zumindest geben wir hier alles dafür 😉 Franken hat irrsinnig viel zu bieten – mal abgesehen von den vielen kleinen Familienweingütern.

Egal in welchem fränkischen Dörfchen man einkehrt: Jedes Dorf hat seinen eigenen Charme und erzählt seine eigene Geschichte. Wir leben hier in einer Region, in welcher so ziemlich für jeden Urlaubs-Typ was dabei ist: sei es eine ruhige Wanderung hier bei uns am Schwanberg, eine Kanu-Tour am Main, eine spannende Weinprobe bei Winzer:innen, ein historischer Städtetrip in Würzburg oder doch ein belebter Abend bei einem unserer Weinfeste (wir haben mehr als 300 Weinfeste im Jahr!) – bei uns ist immer was los! Und das ALLERBESTE: In so ziemlich jedem Dorf findet man eine Vinothek, ein Café oder eine Gaststätte, wo man einkehren kann und neben unserem geliebten Wein, bei bestem Bier und herrlicher fränkischen Küche, die fränkische Lebensart inhalieren kann.

Blick auf die Weinberge rund um Rödelsee in Franken
In diese Aussicht hat sich Marie Wittmann verliebt. © Stefan Bausewein/Weingut Melber

Was macht den Frankenwein für dich so besonders?

Marie Wittmann: Charakter und Vielfalt. Wir machen hier in Franken charakterstarke Weine und bieten eine unglaubliche Geschmacksvielfalt aufgrund unserer fränkischen Trias. Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper – diese drei Gesteinsarten liegen direkt nebeneinander. Das ist tatsächlich einzigartig auf dieser Welt. Unser geliebter Silvaner schafft es mit Bravour, der perfekte Vertreter für unsere fränkischen Böden zu sein. Er spiegelt ganz charmant die unterschiedlichen Gesteinsarten wider.

Bei meinen Führungen gebe ich gerne den Tipp: Silvaner von allen drei Bodenarten nebeneinander zu verkosten. Keine andere Rebsorte vermag die Unterschiede derart charmant zu zeigen wie unser Silvaner. Aber wir sind nicht „nur“ Silvaner: Wir produzieren hervorragende Burgunder-Weine – und haben generell ein riesengroßes Rebsortenspektrum. Wir sind alles andere als „eintönig“. Die fränkischen Weine haben, genauso wie ihre Winzer:innen, einen starken Charakter. Ich bin begeistert von der Leidenschaft der fränkischen Winzer:innen – sie brennen für das, was sie tun!

Gipskeuper in Unterfranken
Gipskeuper prägt die Böden rund um Rödelsee. © Stefan Bausewein/Weingut Melber

Planst du noch weitere Fortbildungen im Weinbereich?

Marie Wittmann:  Ja, na klar! Das Schönste am Wein: Man kann sich darin verlieren und man lernt nie aus. Gemeinsam mit Michael möchte ich an einer PAR-Ausbildung teilnehmen. Hier geht es vor allem um die Weiterentwicklung der sensorischen Fähigkeiten.

Liebe Marie Wittmann, hast du vielleicht noch einen Geheimtipp für uns, welche Aussicht man in Franken auf jeden Fall genießen sollte, wenn man mal in der Gegend ist?

Marie Wittmann: Gerne verrate ich euch meine zwei absoluten Lieblingsspots: Hier in Rödelsee am Terroir F gibt es mit Abstand die schönsten Sonnenuntergänge zu sehen! Schnapp dir deine Liebsten, nimm am besten eine Flasche Wein und ein paar Gläser mit und genieße die Aussicht. Auch der Terroir-F-Punkt in Volkach am Escherndorfer Lump und die Aussicht auf den Main ist absolut atemberaubend. Mit einer Picknickdecke und dem nötigen Proviant lässt es sich hier gut aushalten.

Copyright Titelbild: © Stefan Bausewein/Weingut Melber

*Dieser Text wurde weder in Auftrag gegeben noch vergütet. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt ausschließlich die persönliche Meinung von Marie Wittmann wider. Gesetzte Links sind nicht kommerziell und dienen allein Service-Zwecken.

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